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Arzneiregresse bremsen Grippeimpfungen: Sanktionen gefährden die Impfquote stark

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Arzneiregresse bremsen Grippeimpfungen: Sanktionen gefährden die Impfquote stark

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mgo medizin Redaktion

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6 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Die Grippeimpfquote in Deutschland liegt weit unter dem WHO-Ziel von 75 Prozent. Ein zentrales Problem: Hausärzte drohen Arzneiregresse, wenn sie zu viel Impfstoff bestellen. Diese Regressangst führt zu zurückhaltenden Bestellungen und Versorgungsengpässen. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband fordert deshalb die Abschaffung der Impfregresse und kritisiert das starre Bestellsystem bei Grippeimpfstoffen.

Wegen des monatelangen Vorlaufs für die Bestellung der Grippeimpfstoffe vor einer Saison fällt es Hausärzten schwer, die benötigte Menge zu prognostizieren. Zudem lässt sich auch die Zahl der Impfinteressenten prospektiv kaum erraten, sodass die Bestellung einem Blindflug gleicht. Trotzdem drohen Hausärzten Prüfverfahren und Arzneiregresse, wenn sie zu viel Impfstoff anfordern – denkbar schlechte Voraussetzungen für die notwendige Erhöhung der Impfquote.

Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Beier, Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, kritisieren das starre Bestellkorsett bei Grippeimpfstoffen.

Grippeimpfquote in Deutschland alarmierend niedrig

Dabei ist die nationale Influenza-Impfquote der Patienten über 60 Jahre alles andere als gut. Das Robert-Koch-Institut hat ermittelt, dass nur 34,5 % der Patienten über 60 Jahre in der Saison 2024/2025 gegen Influenza geimpft waren. Das sei das schlechteste Ergebnis seit der Grippesaison 2008/2009.

Wichtige Fakten zur Impfquote:

  • Durchimpfungsziel der WHO: 75 %
  • Tatsächliche Quote in Deutschland: 34,5 %
  • Schlechtestes Ergebnis seit 2008/2009

Impfstoff-Regresse schwächen Schutz vor Influenza

Vor dem Hintergrund der regionalen Engpässe bei Grippeimpfstoffen in diesem Winter, von denen zahlreiche Praxen betroffen waren, kritisiert der Hausärztinnen- und Hausärzteverband das starre Bestellsystem bei Grippeimpfstoffen, das Praxen bei nicht abgerufenen Impfdosen finanziellen Sanktionen aussetzt. Dieses Risiko führe dazu, dass Impfstoffe eher zurückhaltend bestellt werden und bei erhöhter Impfnachfrage fehlten. Entsprechend fordert der Verband ein Ende des Regressrisikos bei Impfungen.

„Dieser Winter hat eindrücklich gezeigt, wie stark das Regressrisiko die Impfkampagne behindert. Wer die Impfquote steigern will, muss unseren Praxen ermöglichen, eine höhere Impfnachfrage bedienen zu können und voranzutreiben – dafür müssen die Impfregresse unbedingt abgeschafft werden.”

Neun Monate Vorlauf erschweren Bedarfsplanung

Bereits neun Monate vor dem Start der Impfsaison müssen allgemeinärztliche Praxen ihren Bedarf exakt ermitteln und die Impfstoffe bestellen. Zu diesem Zeitpunkt sei aber nicht absehbar, wie hoch die Nachfrage in der anstehenden Saison ausfallen werde.

Herausforderungen bei der Impfstoffbestellung:

  • Bestellung 9 Monate vor Saisonstart erforderlich
  • Nachfrage zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar
  • Drohende Regresse bei Überbestellung
  • Keine Nachbestellung während der Saison möglich

Neuer Virenstamm „Subklade-K” ließ Impfnachfrage steigen

Angesichts der frühen Grippewelle sowie dem neuen Virenstamm „Subklade K”, über die medial sehr breit berichtet wurde, stieg die Patientennachfrage nach Impfungen in dieser Saison in vielen Praxen vergleichsweise früher und stärker an. Entsprechend berichteten zahlreiche Hausärztinnen und Hausärzte, dass bereits Mitte Dezember in einigen Regionen Deutschlands bestimmte Grippeimpfstoffe fehlten.

Viele Hausarztpraxen organisierten sich in Netzwerken, um für ihre Patientinnen und Patienten noch Praxen mit Restbeständen zu finden – mit schwindendem Erfolg.

Rigide Bestellregelung verhindert Flexibilität

„Gerade angesichts der niedrigen Impfquoten in Deutschland sollte es doch eine positive Nachricht sein, wenn sich deutlich mehr Menschen frühzeitig für eine Grippeimpfung entscheiden. Unsere Praxen haben aber aktuell keinerlei Möglichkeit, auf eine stärkere Nachfrage angemessen zu reagieren. Grund ist die extrem rigide Bestellregelung, die uns keinerlei Flexibilität erlaubt”, so Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Beier, Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes.

„Die Regressangst hängt seit Jahren wie ein Damoklesschwert über der Impfkampagne. Das muss sich dringend ändern. Kein Arzt sollte Regresse fürchten müssen, weil er versucht, ausreichend Impfstoff für seine Patientinnen und Patienten vorzuhalten.”

Politik dreht an falschen Stellschrauben

Unterstützung erhält die Bundesspitze auch von Dr. Wolfgang Ritter, Vorsitzender des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes und Vorstandsmitglied im Hausärztinnen- und Hausärzteverband. Für ihn ist klar: „Wir sehen, dass die Politik handeln will – aber sie hat bisher an den völlig falschen Stellschrauben gedreht. Statt die Praxen zu befähigen, die Impfkampagne mutig voranzutreiben, wurde etwa die Verpflichtung zum Abschluss von Rabattverträgen aufgehoben. Das hat allerdings nicht dazu geführt, dass die Industrie wesentlich mehr Impfstoff zur Verfügung stellt. Für unsere Praxen und unsere Patientinnen und Patienten hat sich dadurch also rein gar nichts verbessert – in diesem Jahr war die Situation vielerorts sogar schlimmer denn je.”

„Was es für eine höhere Impfquote braucht, ist stattdessen eine klare Abkehr von den Impf-Regressen sowie eine deutliche Stärkung der Hausarztpraxen sowie der Kinderarztpraxen als erste Anlaufstelle ihrer Patientinnen und Patienten.”

Hausärzte ermahnen Staat zu verantwortlichem Handeln

In einem Faktencheck erklärt Dr. Petra Reis-Berkowicz, erste stellvertretende Landesvorsitzende des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes sowie Vorsitzende der KBV-Vertreterversammlung, die Ursachen und Verantwortlichkeiten im Zusammenhang mit den Engpässen bei Grippeimpfstoffen. Dabei übt sie deutliche Kritik und stellt klare Forderungen auf.

Grippeimpfung ist staatliche Aufgabe

„Eine Grippeschutzimpfung ist kein therapeutischer Eingriff, sondern eine Präventionsmaßnahme, also ein wichtiger Teil der öffentlichen Gesundheits- und Daseinsvorsorge. Das ist eine staatliche Aufgabe. Wir Hausärztinnen und Hausärzte setzen die Maßnahme um. Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, dass wir das wirtschaftliche Risiko zu tragen haben und unseren Praxen in jeder Grippe-Saison empfindliche Regressforderungen drohen für nicht verimpfte Dosen!”, kritisiert Reis-Berkowicz.

Unsicherheit schafft wirtschaftliches Risiko

Ab Mitte August werden die Impfstoffchargen nach erfolgreicher Chargenprüfung und -freigabe durch das Paul-Ehrlich-Institut schrittweise ausgeliefert. Ein fester Prozentsatz von nicht verimpften Dosen, ab dem ein Regress droht, ist gesetzlich nicht definiert.

Empfehlungen der Kassenärztlichen Vereinigungen:

  • KV Bayern: Bedarf realistisch kalkulieren, Überbestellungen vermeiden
  • Andere KVen: Nur 95 % der Vorjahresmenge bestellen
  • Keine klaren gesetzlichen Vorgaben zu Regress-Schwellenwerten

„Diese Unsicherheit über die tatsächliche Nachfrage in der kommenden Saison ist damit für die Praxen ein hohes wirtschaftliches Risiko. Im Zweifel wird deshalb der Bedarf zu niedrig geschätzt und zu wenig Impfstoff produziert, was dann zu Versorgungslücken führt”, erklärt Reis-Berkowicz, die als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Gefrees im Landkreis Bayreuth niedergelassen ist.

Versorgungsengpässe sind kaum zu vermeiden

Somit sind Versorgungsengpässe aus der Perspektive der bayerischen Allgemeinärztin quasi vorprogrammiert. Dabei wäre die Vermeidung leicht möglich.

Forderung: Regressfreie Impfstoffversorgung nach Covid-Vorbild

„Wenn der Staat eine hohe Durchimpfungsrate anstrebt, kann er wie bei Covid auch die Anzahl der dazu notwendigen Impfdosen für Versicherte 60+ und vulnerable Gruppen in Auftrag geben, ansprechende Impfkampagnen starten und uns den Impfstoff regressfrei zur Verfügung stellen”, fordert Reis-Berkowicz. Im Hinblick auf die regelmäßig verfehlte Influenza-Zielquote hält die stellvertretende bayerische HÄV-Vorsitzende dem Staat und der Politik unverantwortliches Handeln vor.

„Regresse sind ein Mühlstein für die Grippe-Impfkampagne und gehören deshalb abgeschafft. Der Staat darf sich nicht aus seiner Verantwortung stehlen.”

Autor: Franz-Günter Runkel

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