Von visionären Anfängen bis zu aktuellen Themen wie digitale Risiken, Depression und Klimawandel – die Practica vereint Tradition und Innovation. Entdecken Sie, wie Hausärzt:innen heute zentrale Herausforderungen meistern und die Zukunft der Medizin gestalten!
Prof. Frank H. Mader, Gründer der Fortbildungsveranstaltung: Geschichte und Bedeutung der „Practica“
Anlässlich des 50. Jubiläums blickt Prof. Frank H. Mader, Gründer des traditionsreichen Fortbildungsformats, auf die Anfänge und die Entwicklung der Veranstaltung zurück. Die Practica wurde 1973 als innovative Fortbildungsform von einer engagierten Gruppe junger Allgemeinärzte ins Leben gerufen. Ziel war es, ein praxisnahes Forum zu schaffen, das eng mit der Zeitschrift Der Allgemeinarzt verbunden ist. Die ersten Veranstaltungen fanden an wechselnden Orten statt, da die finanziellen Mittel begrenzt waren und nicht alle Hotels bereit waren, das gewünschte einfache Verpflegungskonzept –zu akzeptieren. Erst später etablierte sich Bad Orb als fester Veranstaltungsort.
In den Anfangsjahren war die Allgemeinmedizin noch kein eigenständiges Fachgebiet. Die Initiatoren der Practica kämpften für die Anerkennung der hausärztlichen Qualifikation und eine strukturierte Weiterbildung. Erst mit dem gesamtdeutschen Ärztetag 1990 und der Integration der Kollegen und Kolleginnen aus den neuen Bundesländern gelang der Durchbruch: Die Facharztweiterbildung für Allgemeinmedizin wurde eta-bliert und das Berufsbild erhielt ein neues Standing. Mader betont, dass diese Entwicklung maßgeblich zur Professionalisierung und Anerkennung der Allgemeinmedizin beigetragen hat.
Nach fünfzehn Jahren Abwesenheit schildert Prof. Mader seinen Eindruck von der aktuellen Practica: Trotz der umfassenden Digitalisierung und organisatorischer Veränderungen fühlt sich die Veranstaltung für ihn wie ein „guter, bequemer Schuh“ an, in den er nach langer Zeit wieder hineinschlüpft. Die Grundstimmung, das Gemeinschaftsgefühl und das Engagement der jungen Kolleginnen und Kollegen seien unverändert geblieben – nur die technischen Rahmenbedingungen hätten sich gewandelt.
Fazit: Die Practica steht beispielhaft für die Entwicklung der Allgemeinmedizin in Deutschland: Von einer kleinen, engagierten Gruppe hin zu einer anerkannten Fachdisziplin mit starkem Gemeinschaftsgeist. Das Format verbindet Tradition mit Innovation und bietet auch nach fünfzig Jahren einen wichtigen Rahmen für fachlichen Austausch, kollegiale Vernetzung und praxisnahe Fortbildung.
Lisa Degener, Altenberge: Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen
Lisa Degener, Hausärztin aus Altenberge und Sprecherin des DEGAM-Arbeitskreises Hausärztliche Pädiatrie, berichtete über die zunehmenden Herausforderungen durch digitalen Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen. Sie beobachtet in ihrer Praxis eine deutliche Zunahme psychischer Erkrankungen, die in engem Zusammenhang mit der Nutzung von Smartphones und digitalen Medien stehen. Übermäßiger Bildschirmkonsum führt laut Degener nicht zu mehr Sozialkompetenz oder Lebensfreude, sondern verstärkt Einsamkeit, depressive Symptome, Essstörungen und unrealistische Körperbilder.
Degener betonte die zentrale Rolle der Hausärztinnen und Hausärzte bei der Beratung zum Medienkonsum. Bereits bei Vorsorgeuntersuchungen sollten Eltern darauf hingewiesen werden, dass Kinder unter drei Jahren möglichst keinen Kontakt zu Bildschirmmedien haben sollten. Bei Jugendlichen rückt weniger die Zeit, sondern vielmehr die Art der Nutzung in den Fokus: Jungen sind besonders von riskantem Gaming betroffen, während Mädchen häufiger problematische Social-Media-Nutzung zeigen. Fast 30 Prozent der Jugendlichen weisen bereits riskante Nutzungsformen auf. Degener empfiehlt, Eltern gezielt über Suchtpotenziale (z.B. bei Spielen wie Fortnite) und Altersbeschränkungen (z.B. TikTok ab 13 Jahren) zu informieren.
Ebenso hob Degener die Bedeutung der Selbstreflexion bei Eltern und Ärzt:innen hervor. Das eigene Medienverhalten hat Vorbildfunktion für Kinder. Sie rät zu klaren Regeln im Familienalltag, etwa „kein Wisch bei Tisch“ oder „kein Handy nachts“. Diese Regeln sollten konsequent vorgelebt und kommuniziert werden. Abschließend forderte Degener auch politischen Handlungsbedarf: Der Jugendschutz im Netz müsse konsequenter umgesetzt werden, insbesondere im Hinblick auf gefährliche Inhalte und Trends auf Plattformen wie TikTok und Instagram.
Fazit: Hausärzt:innen sind wichtige Ansprechpersonen für Prävention und Beratung rund um den Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen. Neben medizinischem Wissen ist eine aktive, altersgerechte Kommunikation mit Eltern und Jugendlichen sowie die eigene Vorbildfunktion entscheidend für einen gesunden Umgang mit digitalen Medien.
Günter Stephan, Gießen: Update Depressionen – Hausärztliche Verantwortung und Chancen
Günter Stephan, Facharzt für Allgemeinmedizin und Lehrbeauftragter der Universität Gießen, sprach über die Rolle der Hausärztinnen und Hausärzte in der Versorgung depressiver Patient:innen. Er betonte die zentrale Bedeutung der hausärztlichen Beziehungskontinuität: Die langjährige Begleitung ermöglicht es, Veränderungen im Verhalten oder in der Stimmung frühzeitig zu erkennen und gezielt nach Red Flags wie beispielsweise Stupor zu fragen. Gerade diese Warnzeichen müssen aktiv angesprochen werden, um eine adäquate – gegebenenfalls auch stationäre – Behandlung einzuleiten. Stephan ermutigte die Kolleginnen und Kollegen, ihre Kompetenzen in Anamnese und körperlicher Untersuchung auch bei psychischen Erkrankungen selbstbewusst einzusetzen. Hausärztinnen und Hausärzte sollten sich zutrauen, Depressionen zu diagnostizieren und zu behandeln, statt vorschnell an Fachärztinnen und Fachärzte zu überweisen. Die kontinuierliche Fortbildung – etwa im Rahmen von Qualitätszirkeln – sowie der kollegiale Austausch sind dabei essenziell, um Unsicherheiten abzubauen und die Versorgung zu verbessern. Im Gespräch äußerte sich Stephan kritisch zu digitalen Gesundheitsanwendungen: Sie können eine niedrigschwellige Interventionsmöglichkeit bieten, ersetzen aber nicht die persönliche, sprechende Medizin. Gerade bei Depressionen sind der direkte Kontakt, das empathische
Gespräch und die individuelle Begleitung durch die Hausärztin oder den Hausarzt sind von zentraler Bedeutung. DiGAs sieht er eher als Ergänzung, nicht als Ersatz. Eine Überweisung ist laut Stephan vor allem dann induziert, wenn Therapieversuche scheitern, Rezidive auftreten oder bei schwerwiegenden Verläufen wie Suizidalität.
Fazit: Die hausärztliche Praxis ist Schlüsselstelle in der Versorgung depressiver Patientinnen und Patienten. Mut zur aktiven Ansprache, kontinuierliche Fortbildung und kollegiale Vernetzung sind zentrale Bausteine für eine qualitativ hochwertige, wohnortnahe Versorgung.
Dr. Günter Egidi, Bremen: Geschwollene Gelenke – ist es Rheuma?
Dr. Günther Egidi, langjähriger Hausarzt und inzwischen im Ruhestand, berichtete über seine Erfahrungen und Empfehlungen im Umgang mit geschwollenen Gelenken und rheumatischen Erkrankungen in der hausärztlichen Praxis. Ausgangspunkt seiner intensiven Beschäftigung mit dem Thema war die enorme Wartezeit auf rheumatologische Facharzttermine, die in manchen Regionen bis zu einem Jahr betragen kann. Infolgedessen wurde in einigen Regionen Hausärzt:innen vermittelt, wie sie rheumatische Erkrankungen eigenständig diagnostizieren und eine Basistherapie einleiten können. Für Egidi war dies ein Schlüsselerlebnis, das ihn dazu bewog, dieses Wissen weiterzugeben.
Er betonte, dass frühzeitiges Erkennen und Behandeln entzündlicher Gelenkerkrankungen essenziell sind, um irreversible Gelenkschäden zu verhindern. Angesichts der Versorgungslage sieht er Hausärzt:innen in der Verantwortung, die Diagnostik nach den Kriterien der EULAR und des American College of Rheumatology durchzuführen. Dabei plädiert er für einen pragmatischen, stufenweisen Einsatz von Laboruntersuchungen.
In der hausärztlichen Versorgung sieht er klare Aufgaben und Grenzen: Die Basistherapie mit MTX oder Sulfasalazin kann und sollte in vielen Fällen hausärztlich erfolgen, inklusive engmaschiger Pharmakovigilanz. Erst wenn diese Therapie nicht ausreichend wirkt, der Einsatz von Biologika oder spezielle Diagnostik notwendig wird, ist eine Überweisung zur Rheumatologie angezeigt. Egidi betonte, dass eine sinnvolle Aufgabenverteilung zwischen Haus- und Fachärzt:innen notwendig sei, um die Versorgungslücke zu schließen.
Fazit: Hausärzt:innen sollten sich zutrauen, rheumatische Erkrankungen eigenständig zu diagnostizieren und zu behandeln, solange keine spezifischen Komplikationen vorliegen. Dies verbessert die Patientenversorgung und entlastet die überlasteten rheumatologischen Fachpraxen.
Prof. Armin Wunder, Frankfurt/Main: Verantwortungsvolle Antibiotikatherapie und Klimaschutz
Prof. Armin Wunder, Hausarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt, erläuterte zentrale Aspekte des „Antibiotic Stewardship“: Gemeint ist der verantwortungsvolle und indikationsgerechte Einsatz von Antibiotika, um die bestmögliche Versorgung der Patient:innen zu gewährleisten und der Entwicklung von Resistenzen vorzubeugen. Gerade in der hausärztlichen Praxis sieht Wunder die Aufgabe, gemeinsam mit den Patient:innen zu entscheiden, ob eine Antibiotikatherapie überhaupt notwendig ist. Wunder beobachtet, dass Patient:innen zunehmend differenziert und aufgeklärt auf das Thema reagieren und nicht mehr pauschal eine „schnelle Pille“ erwarten. Die Resistenzlage in Deutschland ist zwar im internationalen Vergleich noch moderat, dennoch nehmen Resistenzen auch hierzulande zu.
Ein weiteres Schwerpunktthema ist der Umgang mit den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels. Steigende Temperaturen und veränderte klimatische Bedingungen führen zu neuen Herausforderungen, etwa bei der Versorgung älterer Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Exsikkosen oder Allergien. Hausarztpraxen können durch organisatorische Maßnahmen – von der Anpassung der Medikation über den Einsatz nachhaltiger Ressourcen bis hin zu klimafreundlicher Praxislogistik – einen Beitrag leisten. Wunder empfiehlt, das gesamte Praxisteam aktiv in die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen einzubinden, um die Akzeptanz und Wirksamkeit zu erhöhen.
Fazit: Die Hausarztpraxis ist Schlüsselakteur bei rationaler Antibiotikaverordnung und der Anpassung an klimabedingte Gesundheitsrisiken. Verantwortungsbewusstsein, Teamarbeit und kontinuierliche Patientenaufklärung stehen dabei im Mittelpunkt einer zukunftsfähigen hausärztlichen Versorgung.



