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Exosomen: Zwischen Hoffnung, Hypothese und harter Evidenz

Nahaufnahme einer medizinischen Injektion zur Haarbehandlung mit einer Spritze.

Quelle: © Yulia Raneva – stock.adobe.com

Exosomen: Zwischen Hoffnung, Hypothese und harter Evidenz

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mgo medizin Redaktion

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8 MIN

Erschienen in: DermaForum

Wenn es um Haarwachstum geht, ist die Versuchung groß, an Innovation zu glauben. Neue Begriffe tauchen auf, neue Technologien, neue Versprechen und irgendwann verschwimmen die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Möglichkeit und vermarkteter Hoffnung. Einer dieser Begriffe, der aktuell besonders Aufmerksamkeit erhält, lautet: Exosomen.

Exosomen sind winzige, biologisch aktive Vesikel, die Zellen natürlicherweise abgeben. Sie transportieren Proteine, Lipide und vor allem microRNA und ermöglichen so die Übertragung biologischer Signale. Diese Form der Zellkommunikation ist in der Biologie ein hochkomplexes und faszinierendes System. Und sie weckt Begehrlichkeiten: Wer diesen Kommunikationsweg therapeutisch nutzen könnte, hätte einen potenziellen Zugang zu Regeneration und Gewebesteuerung. Genau hier setzt der aktuelle Hype an.

Der Trend

Exosomen haben in der ästhetischen Medizin innerhalb weniger Jahre enorme Aufmerksamkeit erlangt. Auf internationalen Kongressen präsentieren zahlreiche Firmen entsprechende Produkte, und auch in der Haarmedizin werden sie zunehmend als „moderne Bausteine“ oder „ergänzende Module“ erwähnt. Sie werden als mögliche Ergänzung zu PRP, Microneedling oder LED dargestellt – als Konzept mit Entwicklungsspielraum. Das klingt nach Fortschritt. Nach Zukunft. Doch was steckt tatsächlich dahinter?

Die geniale biologische Idee

Die biologische Grundlage ist zweifellos faszinierend. Exosomen transportieren microRNAs, die die Genaktivität anderer Zellen modulieren. Einige microRNAs wirken auf die Mitochondrien, die Energielieferanten der Zellen, und steuern dort Reparatur- und Wachstumsprozesse. In präklinischen Versuchen zeigen Exosomen entzündungsmodulierende Effekte, reduzieren oxidativen Stress und fördern die Regeneration. In Tiermodellen verlängern sie die Wachstumsphase von Haarfollikeln, in Zellkulturen aktivieren sie signalgebende Wege wie Wnt/β-Catenin – Mechanismen, die grundsätzlich für das Haarwachstum relevant sind.

Vom Labor in die Praxis

Was im Labor plausibel und vielversprechend aussieht, ist klinisch bislang nicht belegt. Es existieren keine randomisierten, kontrollierten Studien, die zeigen, dass Exosomen beim Menschen Haarwachstum fördern oder entzündliche Alopezien verbessern. Systematische Übersichtsarbeiten – darunter eine aus dem Jahr 2025 mit rund 300 Patient:innen – beschreiben moderate kurzfristige Verbesserungen, jedoch bei kleinen Fallzahlen, offenen Studiendesigns, uneinheitlichen Protokollen und fehlender Standardisierung der Präparate. Die neue Cureus-Analyse bestätigt diese Evidenzlücke und unterstreicht den Bedarf an standardisierten, randomisierten Studien mit längerem Follow-up.

Die Praxis hinkt hinterher

Trotz der eingeschränkten Datenlage werden Exosomen in der ästhetischen Medizin bereits beworben, teils mit festen Anwendungsprotokollen, teils in Kombination mit Energiegeräten oder Meso-Komponenten – während gleichzeitig eingeräumt wird, dass Herstellungsqualität, Quelle, Reinheit und Dosierung erheblich variieren und vielfach nicht GMP-konform sind. Hinzu kommt: Exosomen sind in der EU weder als Arzneimittel noch als Medizinprodukt zur Behandlung von Haarausfall zugelassen und dürfen daher ausschließlich als kosmetische Produkte vertrieben werden, ohne Anspruch auf medizinische Wirksamkeit.

Formulierungen, die aufmerksam machen sollten

In der aktuellen Diskussion finden sich immer wieder Aussagen, die den Eindruck erwecken, das Verfahren sei bereits ein therapeutisch etabliertes Instrument. Mitunter werden Exosomen in einem Atemzug mit PRP genannt, obwohl hierfür keine vergleichbaren Wirksamkeitsdaten existieren. Auch die Darstellung fester Behandlungsabläufe vermittelt Struktur, obwohl solche Protokolle bislang nicht wissenschaftlich validiert sind.

Ebenso wird gelegentlich nahegelegt, Kombinationen mit Laserverfahren oder Needling könnten die Wirkung verstärken. Für solche Synergieeffekte existieren jedoch keine kontrollierten Studien. Die gleichzeitige Anwendung mehrerer nicht standardisierter Methoden erschwert zudem jede objektive Bewertung. Auch die Sicherheitslage ist nicht abschließend geklärt; dokumentierte Fälle lokaler Reaktionen wie Infektionen, Granulome oder Nekrosen zeigen, dass eine differenzierte Betrachtung erforderlich ist.

Was zeigt die Fachliteratur?

Internationale Reviews der Jahre 2023 bis 2025 weisen übereinstimmend darauf hin, dass Exosomen zwar ein biologisch plausibler Ansatz sind, ihr klinischer Nutzen aber nicht nachgewiesen ist. Präklinische Modelle dokumentieren interessante Effekte, doch bisher fehlen robuste klinische Daten, standardisierte Protokolle, objektive Messparameter und Langzeitdaten. Auch die Sicherheitslage bleibt unzureichend untersucht, insbesondere aufgrund der genetischen Informationen, die Exosomen transportieren und potenziell in Zielzellen übertragen.

Die biologischen Mechanismen – etwa die Aktivierung von Wnt/β-Catenin, die Modulation inflammatorischer Signalwege oder der Transport regulatorischer microRNAs – sind gut beschrieben. Diese Erkenntnisse stammen jedoch nahezu vollständig aus präklinischen Modellen. Die vorhandenen Humanstudien sind zu klein, zu heterogen und methodisch zu schwach, um therapeutische Aussagen zu treffen.

Exosomen sind zweifellos ein beeindruckendes Forschungsfeld. Sie bieten Einblicke in die komplexe Kommunikation von Zellen und könnten langfristig eine Rolle in der regenerativen Medizin spielen. Doch gerade, weil sie biologisch so faszinierend sind, ist eine klare und sachliche Einordnung entscheidend.

Für die Haarmedizin gilt:

Exosomen sind kein etabliertes Therapieverfahren, sondern ein wissenschaftliches Konzept mit offenen Fragen. Sie gehören in kontrollierte Studien und nicht in die Routineanwendung. Moderne Medizin bleibt glaubwürdig, wenn sie Begeisterung für Innovation mit der Verantwortung verbindet, Evidenz klar zu benennen.

Wagen wir einen Ausblick!

Die Haarmedizin befindet sich in einer Phase intensiver technologischer Entwicklung. Viele Innovationen sind extrem interessant, aber wenige bislang ausreichend geprüft. Drei Moleküle werden in Haarsprechstunden immer wieder nachgefragt:

  • CosmeRNA ist ein kosmetisches RNA-Tonic mit EU-Zertifizierung, das auf dem Prinzip der SAMiRNA-Technologie basiert und die Hemmung der Androgenrezeptor-Synthese als Wirkmechanismus angibt. Die in den Materialien gezeigten Haarzunahmen und Phototrichogramme stammen jedoch aus der publizierten SAMiRNA-Studie. Für die kosmetische Formulierung selbst werden keine Angaben zu Wirkstoffmenge, Penetration oder eigenen klinischen Studien gemacht. Daher lässt sich bislang nicht sicher beurteilen, ob CosmeRNA unter Alltagsbedingungen eine vergleichbare Wirkung erzielen kann. Insgesamt handelt es sich um einen interessanten technologischen Ansatz, der jedoch derzeit kein Ersatz für evidenzbasierte Therapien ist.
  • PP405 ist ein topisch anzuwendendes kleines Molekül, das auf der Hemmung des mitochondrialen Pyruvattransporters (MPC) basiert und damit eine metabolische Reaktivierung von Haarfollikel-Stammzellen als Wirkmechanismus angibt. Die in Vorträgen und Pressemitteilungen gezeigten Haardichtezunahmen (>20 % bei 31 % der Teilnehmer) stammen aus Phase-2a-Zwischenauswertungen und nicht aus vollständig veröffentlichten oder regulatorisch eingereichten Studiendaten. Offizielle Ergebnisse der laufenden Phase-2- Studie (NCT06393452) liegen bislang nicht vor („No Results Posted“), und es existieren weder peer-reviewte Humanstudien noch Langzeitdaten zum fertigen PP405-Produkt. Angaben zur exakten Formulierung, Penetration, stabilen Wirkstoffkonzentration in vivo sowie zum Verhalten unter Alltagsbedingungen fehlen ebenfalls. Auf Basis der derzeit verfügbaren Informationen handelt es sich um einen vielversprechenden biologischen Ansatz, dessen tatsächliche klinische Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit jedoch erst durch zukünftige evidenzbasierte Studien belegt werden müssen und der aktuell keinen Ersatz für etablierte androgenetische Alopezie-Therapien darstellt.
  • sCD83 ist ein immunmodulatorisches Protein mit bemerkenswerten präklinischen Ergebnissen: In ex-vivo-Modellen menschlicher Haarfollikel sowie in Mausstudien zeigte sCD83 eine deutliche Reduktion AGA-typischer Entzündungssignale (z. B. DKK1, TGF-β1), eine Stabilisierung der Anagenphase und eine Aktivierung regenerativer Programme wie WNT- und Keratinexpression. Diese Daten legen nahe, dass die sCD83-Achse zu einem der interessantesten biologischen Ansatzpunkte für zukünftige Therapien gehören könnte. Für den medizinischen Kandidaten MAL-856 existieren allerdings bislang keine veröffentlichten Humanstudien, sodass der mögliche Nutzen beim Menschen erst noch untersucht werden muss. Die kosmetische Variante MAL-838, Bestandteil der 8T3-Seren, darf keine medizinischen Wirkversprechen machen; zu Penetration, Wirkstoffstabilität oder klinischer Wirksamkeit liegen zudem noch keine publizierten Daten vor. Insgesamt handelt es sich um einen vielversprechenden Forschungsansatz mit überzeugenden Laborbefunden. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich dieses biologische Konzept auch in gut kontrollierten Humanstudien bestätigen lässt, das macht sCD83 zu einem der spannendsten Kandidaten „Made in Germany“ für zukünftige Innovationen im Bereich Haarwachstum und Kopfhautbiologie.

Für PatientIinnen und ÄrztInnen bleibt dennoch immer entscheidend: wissenschaftliche Belastbarkeit, nicht eine Vermarktungsdynamik, bestimmt therapeutischen Nutzen. Die kommenden Jahre werden zeigen, welche dieser Konzepte den Sprung aus der Forschung in echte klinische Relevanz schaffen.

Dr. Katrin Beyer, Essen
Dr. Katrin Beyer, Essen
© privat

Korespondenzadresse
Dr. Katrin Beyer
E-Mail: praxis@haardiagnose-dr-beyer.de
Website: https://haardiagnose-dr-beyer.de/

Literatur:

[1] Gupta A, Wang T, Rapaport J. Exosome treatment in hair restoration: preliminary evidence, safety, and future directions. J Cosmet Dermatol. 2023; 22:2424–2433. doi:10.1111/jocd.15869

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