Ein aktueller Cochrane-Review mit 82 randomisierten Studien belegt: Wenn Pflegefachpersonen klar definierte ärztliche Aufgaben übernehmen, hat dies keinen negativen Einfluss auf Sterblichkeit, Lebensqualität oder Sicherheit der Betroffenen. Die Ergebnisse sind für die Diabetesversorgung relevant – doch eine direkte Übertragung auf deutsche Strukturen erfordert begleitende Evaluation.
Angesichts von Personalmangel, steigendem Versorgungsbedarf und langen Wartezeiten diskutiert das Gesundheitswesen zunehmend über neue Aufgabenverteilungen zwischen den Berufsgruppen. Gerade in der Diabetologie – einem Fachgebiet mit hohem Beratungs- und Betreuungsaufwand – stellt sich die Frage, welche Tätigkeiten Pflegefachpersonen eigenverantwortlich übernehmen können, ohne dass Betroffene Nachteile erleiden. Ein jetzt veröffentlichter Cochrane-Review liefert hierzu umfassende internationale Evidenz und ordnet die Möglichkeiten wie auch die Grenzen solcher Modelle ein.
Umfangreiche Datenbasis aus 82 Studien
Der systematische Review schloss 82 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 28.041 Teilnehmenden ein. Die Untersuchungen wurden im stationären Bereich oder in Krankenhausambulanzen durchgeführt und betrachteten eine große Bandbreite an Versorgungsmodellen: Pflegefachpersonen übernahmen beispielsweise die Nachsorge bei Menschen mit Diabetes oder rheumatischen Erkrankungen, kontrollierten den Krankheitsverlauf oder passten Medikationen an. Weitere Studien untersuchten die Wundversorgung nach Operationen oder spezialisierte Tätigkeiten wie Vorsorge-Koloskopien durch entsprechend geschulte Pflegende.
Zentrale Ergebnisse: Sicherheit und Qualität bleiben erhalten
Die Analyse ergab, dass sich bei klar definierter Aufgabenübertragung an Pflegefachpersonal:
- Die Sterblichkeit wahrscheinlich kaum oder gar nicht unterscheidet (relatives Risiko: 1,03; 19 Studien, 8.239 Teilnehmende; moderate Vertrauenswürdigkeit).
- Lebensqualität und Selbstwirksamkeit wahrscheinlich keinen relevanten Unterschied zur ärztlichen Versorgung zeigen (22 bzw. 11 Studien; moderate Vertrauenswürdigkeit).
- Unerwünschte Ereignisse möglicherweise nicht häufiger auftreten, wobei diese Evidenz als unsicher einzustufen ist (31 Studien, 14.437 Teilnehmende; niedrige Vertrauenswürdigkeit).
„Der Einsatz von Pflegefachpersonal statt Ärztinnen ist kein einfacher Eins-zu-eins-Ersatz. Damit es in der Praxis gut funktioniert, sind die richtige Ausbildung, Unterstützung und geeignete Versorgungsmodelle erforderlich. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass Patientinnen dadurch nicht benachteiligt werden, sondern sogar davon profitieren können.”
Timothy Schultz, Seniorautor des Reviews und
Wissenschaftler am australischen Flinders Health and Medical Research Institute
Kostenaspekte bleiben unklar
Hinsichtlich der ökonomischen Auswirkungen liefert der Review kein eindeutiges Bild. Von 36 Studien, die direkte Kosten analysierten, zeigten 17 Kosteneinsparungen, während in neun Studien die Kosten stiegen. Als mögliche Gründe für Mehrkosten nennen die Autorinnen und Autoren längere Konsultationszeiten, mehr Überweisungen oder unterschiedliches Verordnungsverhalten. Eine pauschale Aussage zur Wirtschaftlichkeit lässt sich aus den vorliegenden Daten daher nicht ableiten.
Einschränkungen bei der Übertragbarkeit auf Deutschland
Mehr als zwei Drittel der eingeschlossenen Studien stammen aus europäischen Ländern, wobei über die Hälfte im Vereinigten Königreich durchgeführt wurde. Keine einzige Studie wurde in Deutschland realisiert.
„Die Rolle von Pflegefachkräften im Vereinigten Königreich unterscheidet sich aktuell rechtlich und organisatorisch von den Rahmenbedingungen in Deutschland. Wir können diese sehr ermutigenden Ergebnisse daher nicht pauschal und uneingeschränkt auf Deutschland übertragen.”
Prof. Dr. Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland
Meerpohl empfiehlt, eine Umsetzung entsprechender Maßnahmen in Deutschland begleitend zu evaluieren, um lokale Hürden in Organisation, Zuständigkeiten und Qualifikationswegen früh zu identifizieren und Sicherheit sowie Versorgungsqualität verlässlich abzusichern.
Neue gesetzliche Grundlage seit Januar 2026
Für Behandler-Teams in der Diabetologie bietet der Review eine wichtige Orientierung: Die internationale Evidenz spricht dafür, dass speziell geschulte Pflegefachpersonen etwa die Verlaufskontrolle, Medikamentenanpassungen oder strukturierte Nachsorge bei Menschen mit Diabetes übernehmen können – ohne Qualitätseinbußen für die Betroffenen. Dies könnte dazu beitragen, die Versorgungskapazitäten zu erweitern und ärztliche Ressourcen für komplexere Fragestellungen zu entlasten.
Allerdings sollten Behandelnde bei der praktischen Umsetzung auf klare Kompetenzabgrenzungen, strukturierte Schulungsprogramme und interprofessionelle Kommunikationswege achten. Die begleitende Evaluation entsprechender Modelle ist essenziell, um die Qualität der Versorgung langfristig zu sichern.
Quellen:
Pressemitteilung der Cochrane Deutschland vom 12.02.2026: Cochrane Review: Pflegefachpersonal kann bestimmte Aufgaben im Krankenhaus von Ärzt*innen übernehmen.
Originalpublikation: Butler M, Kirwan M, Mc Carthy VJ, Cole JA, Schultz TJ. Substitution of nurses for physicians in the hospital setting for patient, process of care, and economic outcomes. Cochrane Database Syst Rev. 2026 Feb 12;2(2):CD013616. doi: 10.1002/14651858.CD013616.pub2. [Paper]



