100.000 Kinder und Jugendliche in Europa wurden bereits auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes gescreent – ein Meilenstein des EDENT1FI-Projekts. Mit einem einfachen Bluttest lassen sich Inselautoantikörper nachweisen, lange bevor erste Symptome auftreten. Angesichts der jüngsten Zulassung von Teplizumab gewinnt die Früherkennung zusätzlich an klinischer Bedeutung.
Typ-1-Diabetes beginnt nicht mit den ersten Symptomen – der zugrundeliegende Autoimmunprozess ist oft schon Jahre früher aktiv. Bislang wird die Erkrankung in den meisten Fällen erst erkannt, wenn Betroffene klinisch manifest erkranken, nicht selten im Rahmen einer diabetischen Ketoazidose. Das europäische Forschungsprojekt EDENT1FI setzt genau hier an: mit einem bevölkerungsweiten Screening auf Inselautoantikörper bei Kindern und Jugendlichen.
Autoimmunprozess beginnt lange vor der Diagnose
Typ-1-Diabetes entsteht durch eine Autoimmunreaktion, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse angreift und zerstört. Dieser Prozess beginnt häufig bereits im frühen Kindesalter – oft Jahre, bevor klinische Symptome wie Polyurie, Polydipsie oder Gewichtsverlust auftreten.
Inselautoantikörper im Blut sind dabei ein verlässlicher früher Marker: Ihr Nachweis zeigt die immunologische Aktivität an, die mit der Erkrankung assoziiert ist. Ein einfacher Bluttest – wenige Tropfen genügen – kann diesen Nachweis erbringen und Betroffene in einem Stadium identifizieren, in dem noch keine irreversiblen Schäden eingetreten sind.
EDENT1FI: Screening in ganz Europa skalieren
Das 2023 gestartete Projekt EDENT1FI (European action for the Diagnosis of Early Non-clinical Type 1 diabetes For disease Interception) hat sich zum Ziel gesetzt, Screening- und Monitoring-Programme für frühe Stadien von Typ-1-Diabetes europaweit zu etablieren. Geleitet wird es von Prof. Anette-Gabriele Ziegler (Helmholtz Munich) und Prof. Chantal Mathieu (KU Leuven).
Aufbauend auf den Erkenntnissen der deutschen Fr1da-Studie, die das populationsbasierte Screening in Bayern pionierartig etabliert hat, wurden im Rahmen von EDENT1FI Programme in Tschechien, Polen und Portugal neu aufgebaut sowie bestehende Initiativen in Deutschland, Italien, dem Vereinigten Königreich, Dänemark und Schweden gestärkt.
Jetzt hat das Projekt einen wichtigen Meilenstein erreicht: Mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche wurden gescreent, bei einer aktuellen Rate von rund 6.500 Teilnehmenden pro Monat. Das Gesamtziel liegt bei 220.000 Teilnehmenden.
Harmonisierung trotz unterschiedlicher Gesundheitssysteme
Eine besondere Herausforderung des Projekts lag in der Heterogenität der europäischen Gesundheitssysteme. Die Screening-Settings variierten erheblich – von der Primärversorgung über Krankenhäuser und Schulen bis hin zu Privathaushalten. Dennoch gelang es EDENT1FI, den Autoantikörpernachweis zu harmonisieren, zentrale Labore einzurichten und die Datenerfassung länderübergreifend zu standardisieren.
„Obwohl zunächst unklar war, ob die in Deutschland entwickelten Screening-Prinzipien auch erfolgreich auf Regionen mit ganz unterschiedlichen Gesundheitssystemen übertragbar sind, haben sich diese Programme bereits als äußerst erfolgreich erwiesen”
Prof. Anette-Gabriele Ziegler (Helmholtz Munich)
Teplizumab: Früherkennung schafft Therapiefenster
Die klinische Relevanz des Frühscreenings hat durch eine aktuelle Zulassung erheblich an Gewicht gewonnen: Im Januar 2026 wurde Teplizumab, ein immunmodulierender monoklonaler Antikörper, in Europa für Kinder ab acht Jahren mit präsymptomatischem Typ-1-Diabetes im Stadium 2 zugelassen. Der Wirkstoff kann den Ausbruch der klinisch manifesten Erkrankung verzögern.
Diese Zulassung unterstreicht, warum Früherkennung mehr ist als eine wissenschaftliche Übung: Nur wer Kinder im präsymptomatischen Stadium identifiziert, kann ihnen und ihren Familien ein konkretes Therapieangebot machen. Weitere krankheitsmodifizierende Therapien befinden sich derzeit in klinischen Studien.
„Angesichts neu zugelassener und zukünftiger krankheitsmodifizierender Therapien gewinnt eine frühzeitige Diagnose zusätzlich an Bedeutung. Dieser Erfolg zeigt, wie internationale Zusammenarbeit die Versorgung von Menschen mit Typ-1-Diabetes verändern kann.”
Prof. Chantal Mathieu (KU Leuven)
Begleitung der Familien als integraler Bestandteil
EDENT1FI beschränkt sich nicht auf den Testnachweis. Familien, deren Kinder positiv auf Inselautoantikörper getestet werden, erhalten umfassende Beratung, regelmäßige Nachuntersuchungen und Informationen zu Interventionsmöglichkeiten. Ziel ist es, Wissen und Handlungskompetenz zu vermitteln und die psychische Belastung im Falle eines späteren klinischen Ausbruchs zu reduzieren.
Für Behandelnde bedeutet das: Kinder, die über Screening-Programme identifiziert werden, kommen häufig bereits informiert und begleitet in die Praxis – eine neue Ausgangssituation, die eine veränderte Gesprächsführung und Versorgungsplanung erfordert.
Quellen:
1. Pressemitteilung von Helmholtz Munich vom 16.03.2026: EDENT1FI-Projekt: 100.000 Teilnehmende auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes getestet.
2. EDENT1FI – Projektwebsite
3. Fr1da-Studie – Projektwebseite
4. Medikament zur Verzögerung von Typ-1-Diabetes erhält EU-Zulassung, Meldung



