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Mitochondrien übernehmen unerwartete Rolle im Fettstoffwechsel

Mann und Frau in weißen Laborkitteln sitzen vor einem Mikroskop.

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Mitochondrien übernehmen unerwartete Rolle im Fettstoffwechsel

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Komorbiditäten von Diabetes

mgo medizin Redaktion

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Erschienen in: diabetes heute

Mitochondrien sind weit mehr als zelluläre Energieproduzenten: Eine aktuelle Studie zeigt erstmals, dass sie über einen neu entdeckten Mechanismus – das sogenannte „Translocase Capture” – die Anzahl von Lipidtröpfchen regulieren können. Die Erkenntnisse könnten langfristig neue Einblicke in die Entstehung metabolischer Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Adipositas liefern.

Störungen im zellulären Lipidstoffwechsel spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Progression von Typ-2-Diabetes, nichtalkoholischer Fettlebererkrankung und Adipositas. Bislang war wenig darüber bekannt, wie die Anzahl der Lipidtröpfchen – der wichtigsten intrazellulären Fettspeicher – auf molekularer Ebene reguliert wird. Eine neue Studie von Universität Bonn, Universitätsklinikum Bonn und der Universität Freiburg, erschienen in Nature Cell Biology, beschreibt nun einen bisher unbekannten Mechanismus: Mitochondrien können über ihre Außenmembran-Maschinerie direkt Einfluss auf die zelluläre Fettspeicherung nehmen – durch eine funktionale Umwidmung eines zentralen Membranproteinkomplexes.

Lipidtröpfchen: Unterschätzte Organellen im Stoffwechselgeschehen

Lipidtröpfchen galten lange als passive Fettspeicher der Zelle. Heute ist bekannt, dass sie hochdynamische Organellen sind, die aktiv am Lipidstoffwechsel, an Entzündungsprozessen und an der Energiehomöostase beteiligt sind. Ihre Anzahl und Größe ist bei Stoffwechselerkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Adipositas oft verändert – eine genaue Regulation ist daher für die Stoffwechselgesundheit essenziell.

Welche molekularen Mechanismen die Zahl der Lipidtröpfchen steuern, ist noch weitgehend ungeklärt. Die neue Studie liefert nun einen wichtigen Puzzlestein.

Der MIM-Komplex: Haupttranslocase der mitochondrialen Außenmembran

Mitochondrien sind von einer Außen- und einer Innenmembran umgeben. In der Außenmembran ist eine spezielle molekulare Maschinerie verankert – in der Bäckerhefe (Saccharomyces cerevisiae) der sogenannte MIM-Komplex (Mitochondrial Import Complex). Seine bekannte und zentrale Funktion: Er ist die Haupt-Translocase für den Import von Vorläuferproteinen und verantwortlich für den Einbau von mehr als 90 % aller integralen Außenmembranproteine. Damit ist er eine der wichtigsten molekularen Maschinen der mitochondrialen Biogenese.

Das Forschungsteam um Prof. Dr. Thomas Becker (Institut für Biochemie und Molekularbiologie, Universitätsklinikum Bonn), in Kooperation mit den Arbeitsgruppen von Prof. Dr. Nikolaus Pfanner (Universität Freiburg) und Prof. Dr. Maria Bohnert (Universität Münster), hat nun gezeigt, dass der MIM-Komplex eine zweite, bislang unbekannte Hauptfunktion besitzt: die Regulation der Lipidtröpfchen-Homöostase.

„Substrate Mimicry”: Wie Ayr1 die Maschinerie überlistet

Zentral für diesen Mechanismus ist das Enzym Ayr1, das im Fettstoffwechsel eine wichtige Rolle spielt. Ayr1 bindet über ein einzelnes hydrophobes Segment an den MIM-Komplex – und imitiert dabei strukturell ein reguläres Membranprotein-Substrat. Dieser Vorgang wird als „Substrate Mimicry” bezeichnet: Ayr1 täuscht dem Komplex vor, ein einzubauendes Protein zu sein.

Anders als reguläre Substrate wird Ayr1 jedoch nicht in die Membran entlassen, sondern verbleibt dauerhaft am MIM-Komplex gebunden – da ihm die vollständige Transmembrandomäne fehlt. Da Ayr1 gleichzeitig mit Lipidtröpfchen interagiert, bewirkt seine Bindung eine verstärkte Anlagerung von Lipidtröpfchen an die mitochondriale Außenmembran, mit der Bildung sogenannter Mitochondrien–Lipidtröpfchen-Kontaktstellen (contact sites). Die Folge: Je mehr Ayr1-Moleküle an MIM-Komplexe binden, desto mehr Lipidtröpfchen akkumulieren in der Zelle.

„Somit wird die Funktion des MIM-Komplexes durch Anbindung von Ayr1 so verändert, dass MIM die Anzahl der Lipidtröpfchen und damit den zellulären Lipidstoffwechsel moduliert”

Prof. Dr. Thomas Becker, Universitätsklinikum Bonn

Zwei spezialisierte MIM-Komplex-Varianten

Ein besonders bemerkenswerter Befund der Studie: Die funktionale Vielfalt wird durch zwei verschiedene MIM-Komplex-Varianten realisiert, die parallel in der Zelle existieren:

  • MIM–Preprotein: übernimmt die klassische Funktion des Proteineinbaus in die Außenmembran
  • MIM–Ayr1: ist spezialisiert auf die Rekrutierung von Lipidtröpfchen und die Regulation ihrer Anzahl

Dies bedeutet, dass es sich nicht um eine unspezifische Zweckentfremdung handelt, sondern um eine gezielte funktionale Spezialisierung desselben Grundkomplexes. Die Autoren bezeichnen dieses übergeordnete Prinzip als „Translocase Capture” – einen neu beschriebenen Mechanismus, durch den ein Membranproteinkomplex funktional vom Proteineinbau auf den Lipidstoffwechsel umgeschaltet werden kann.

Relevanz für den Menschen: Vielversprechend, aber noch offen

Bislang wurde dieser Mechanismus ausschließlich in der Bäckerhefe nachgewiesen. Der entscheidende Hinweis auf eine mögliche Übertragbarkeit: Humane Mitochondrien verfügen ebenfalls über Außenmembran-Importmaschinerie, und in menschlichen Zellen existieren Proteine aus derselben Familie wie Ayr1. Ob ein analoger „Translocase Capture”-Mechanismus auch in humanen Zellen existiert und möglicherweise zur Entstehung von Stoffwechselerkrankungen beiträgt, müssen weiterführende Studien zeigen.

Für Behandler-Teams im Bereich Diabetologie und Metabolismus ist dieser Forschungsstrang dennoch bereits jetzt relevant: Er beschreibt einen grundlegend neuen Weg, über den Mitochondrien – jenseits ihrer Energieproduktion – direkt in die Regulation des Fettstoffwechsels eingreifen könnten und damit potenziell an der Pathophysiologie metabolischer Erkrankungen beteiligt sind. Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Europäischen Forschungsrat (ERC) gefördert.

Originalpublikation: Heinen S, Tiku V, Grevel A, Hugenroth M, Ellenrieder L, Steymans I, Licheva M, Bonini S, Oeljeklaus S, Okon N, Lambertz J, Poppe S, Song J, Fester L, Meisinger C, Warscheid B, Eckhardt M, Wiedemann N, Winter D, Kraft C, den Brave F, Bohnert M, Pfanner N, Becker T. Mitochondria contact lipid droplets through the mitochondrial import complex binding to lipid metabolism enzyme Ayr1. Nat Cell Biol. 2026 Feb 26. doi: 10.1038/s41556-026-01890-3. [Paper]

Quelle: Pressemitteilung der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn vom 26.02.2026 : Mitochondrien beeinflussen die Fettspeicher der Zelle [Link]

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