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Neue Erkenntnisse zur Früherkennung von Typ-1-Diabetes: Fortschritte in Diagnostik und Screening

Symbolbild; im Vordergrund eine Art Tempoanzeige mit den HbA1c-Grenzwerten

Neue Erkenntnisse zur Früherkennung von Typ-1-Diabetes: Fortschritte in Diagnostik und Screening

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Diabetologie

Typ-1-Diabetes

5 MIN

Erschienen in: diabetes heute

Die Früherkennung von Typ-1-Diabetes steht vor einer Revolution. Eine kürzlich veröffentlichte wissenschaftliche Arbeit von Prof. Dr. Ezio Bonifacio und Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler beleuchtet neue Ansätze zur Identifikation und Überwachung präklinischer Stadien von Typ-1-Diabetes. Diese Erkenntnisse könnten die Diagnostik und Behandlung der Erkrankung grundlegend verändern.


Präklinische Stadien: Ein neuer Fokus auf Früherkennung

Typ-1-Diabetes verläuft in mehreren Phasen, die nun klarer definiert sind. Besonders die präklinischen Stadien stehen im Mittelpunkt der neuen Forschung:

  • Stadium 1: Normoglykämie bei Vorhandensein von mindestens zwei Autoantikörpern.
  • Stadium 2: Dysglykämie ohne klinische Symptome.
  • Stadium 3: Hyperglykämie mit klinischer Manifestation.

Der Fokus liegt darauf, Betroffene bereits in den Stadien 1 und 2 zu identifizieren, um frühzeitig eingreifen zu können. Dies ist besonders relevant, da neue Therapiemöglichkeiten durch Substanzen wie Teplizumab in der Lage sind, den Krankheitsverlauf zu verzögern.


Fortschritte in der Diagnostik: Der 2x2x2-Ansatz

Ein zentrales Element der neuen Empfehlungen ist der sogenannte 2x2x2-Ansatz, der die diagnostische Präzision erhöhen soll. Dieser Ansatz basiert auf:

  1. Nachweis von mindestens zwei Autoantikörpern,
  2. Bestätigung durch zwei unterschiedliche Testmethoden,
  3. Wiederholung der Tests an zwei Zeitpunkten.

Dieser strukturierte Ansatz minimiert das Risiko von Fehldiagnosen und schafft eine robuste Grundlage für die Identifikation von Risikopersonen.


Autoantikörper als Schlüsselmarker für die Früherkennung

Autoantikörper spielen eine zentrale Rolle in der Früherkennung von Typ-1-Diabetes. Sie zeigen eine Autoimmunreaktion gegen Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse an und können bereits in den präklinischen Stadien nachgewiesen werden. Die wichtigsten Autoantikörper und ihre Eigenschaften sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:

AutoantikörperHäufigkeit und AlterGenetische Assoziation (HLA)Progressionsrisiko
Insulin (IAA)Häufig bei Kindern < 1 Jahr, nimmt mit dem Alter abDR4-DQ8Hoch in Kombination mit anderen Antikörpern
GAD65Typisch für Erwachsene, frühe Spitze weniger ausgeprägtDR3-DQ2Hoch in Kombination, niedrig allein
IA-2Häufig in frühen Stadien, seltener bei ErwachsenenDR4-DQ8Hoch, auch wenn allein vorhanden
ZnT8Keine Altersabhängigkeit, seltener bei ErwachsenenKeineHoch in Kombination, niedrig allein
Tetraspanin-7Selten, keine spezifische AltersverteilungDR4-DQ8Hoch in Kombination, allein unbekannt
Merkmale der wichtigsten Autoantikörper bei Typ-1-Diabetes

Wichtige Erkenntnisse aus der Tabelle:

Die Kombination mehrerer Autoantikörper erhöht die Spezifität für die Progression zu Stadium 3 (klinischer Typ-1-Diabetes).
Insulin-Autoantikörper (IAA) treten besonders häufig im frühen Kindesalter auf, während GAD65-Autoantikörper typisch für Erwachsene sind.
Die genetische Assoziation mit HLA-Typen liefert zusätzliche Hinweise auf das individuelle Risiko.

Neue Testmethoden: Präzision und Effizienz

Die Veröffentlichung stellt drei innovative Testmethoden vor, die speziell für die Früherkennung von Typ-1-Diabetes entwickelt wurden:

  • 3Screen ELISA: Kostengünstig und ideal für großflächige Screenings in der Allgemeinbevölkerung.
  • ECL-Assay: Höhere Sensitivität und die Möglichkeit, spezifische Autoantikörper zu identifizieren
  • ADAP-Assay: Besonders sensitiv und mit geringem Probenvolumen, jedoch aktuell noch kostspielig.

Diese Methoden sind flexibel einsetzbar und können an die Bedürfnisse unterschiedlicher Gesundheitssysteme angepasst werden.

Risikostratifizierung mit dem Progression Likelihood Score (PLS)

Ein weiterer Meilenstein ist die Einführung des Progression Likelihood Score (PLS). Dieser kombiniert verschiedene Marker wie:

  • Autoantikörperprofile
  • HbA1c-Werte
  • oGTT-Ergebnisse

Der PLS ermöglicht eine präzisere Einschätzung des Risikos, in welchem Zeitraum ein Patient von einem präklinischen Stadium in die klinische Phase übergeht. Dies ist besonders hilfreich, um Patienten in Stadium 1 und 2 gezielt zu überwachen.

Screening bei Erwachsenen: Eine neue Zielgruppe

Während sich bisherige Screening-Programme hauptsächlich auf Kinder und Jugendliche konzentrierten, beleuchtet die Veröffentlichung auch die Bedeutung eines Screenings bei Erwachsenen. Erwachsene weisen häufig ein anderes Autoantikörperprofil auf (z. B. GAD65) und schreiten langsamer zur klinischen Manifestation fort. Dies erfordert angepasste Strategien, um auch diese Zielgruppe effektiv zu erreichen.

Herausforderungen in der Praxis

Die Umsetzung dieser neuen Erkenntnisse in die klinische Praxis bringt Herausforderungen mit sich, darunter:

  • Kosten und Infrastruktur: Die Einführung großflächiger Screening-Programme erfordert erhebliche Investitionen.
  • Schulung von Fachpersonal: Ärztinnen und Ärzte und medizinisches Personal müssen auf die neuen Tests und Strategien vorbereitet werden.
  • Psychosoziale Betreuung: Die Diagnose eines erhöhten Diabetes-Risikos kann für Patienten und Familien belastend sein.

Gleichzeitig betonen beide Autoren, dass Screening-Strategien an regionale und globale Unterschiede angepasst werden müssen, um eine breite und gerechte Anwendung zu gewährleisten.

Fazit: Ein Meilenstein für die Diabetologie

Die Veröffentlichung von Bonifacio und Ziegler markiert einen wichtigen Schritt in der Weiterentwicklung der Typ-1-Diabetes-Diagnostik. Durch die Kombination von innovativen Testmethoden, genetischen Risikobewertungen und neuen Ansätzen zur Risikostratifizierung eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten für die Früherkennung und Prävention. In der Folge können Komplikationen und schwere Folgeerkrankungen reduziert werden. Die umfassende Integration von genetischen, immunologischen und klinischen Ansätzen in die Früherkennung von Typ-1-Diabetes wird in der Publikation erstmals vorgenommen. Besonders bahnbrechend ist der Fokus auf die präklinischen Stadien, die standardisierten Screening-Ansätze und die Berücksichtigung von Risikomodifikatoren.

Die Autoren betonen die Notwendigkeit einer breiteren Anwendung von Screening-Programmen und einer besseren Infrastruktur im Gesundheitswesen. Für Diabetologinnen und Diabetologen in Deutschland bietet sich die Chance, diese Erkenntnisse in die Praxis zu integrieren und die Versorgung von Menschen mit Diabetes nachhaltig zu verbessern. Die Zukunft der Typ-1-Diabetes-Diagnostik beginnt jetzt!

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