Die Verteilung von Kohlenhydraten und Fetten über den Tag hinweg verändert die Aktivität von mehr als tausend Genen im Fettgewebe – darunter solche, die Entzündungen und den Glukosestoffwechsel steuern. Eine neue Studie liefert erstmals humane Daten zur molekularen Wirkung des Mahlzeiten-Timings und eröffnet neue Perspektiven für die Prävention von Typ-2-Diabetes.
Im klinischen Alltag konzentrieren sich Ernährungsempfehlungen für Menschen mit erhöhtem Diabetesrisiko meist auf Kalorienmenge und Nährstoffzusammensetzung. Doch eine wachsende Evidenzlage aus dem Forschungsfeld der Chrononutrition legt nahe, dass nicht nur was, sondern auch wann gegessen wird, den Stoffwechsel maßgeblich beeinflusst. Eine aktuelle Studie aus Deutschland liefert nun erstmals humane Daten dazu, wie das zeitliche Muster der Makronährstoffaufnahme die Genexpression im Fettgewebe verändert – mit potenziell relevanten Implikationen für die Diabetesprävention und künftige personalisierte Ernährungsstrategien.
Chrononutrition: Die innere Uhr trifft auf den Teller
Der menschliche Stoffwechsel unterliegt zirkadianen Rhythmen: Glukoseaufnahme, Fettverbrennung und Hormonfreisetzung oszillieren in charakteristischen 24-Stunden-Zyklen. Das Forschungsfeld der Chrononutrition untersucht, wie das Timing der Nahrungsaufnahme mit diesen biologischen Rhythmen interagiert. Werden Nährstoffe außerhalb der für die innere Uhr optimalen Zeitfenster aufgenommen, könnte das langfristig Stoffwechselstörungen begünstigen – eine Hypothese, die bislang vor allem in Tier- und Zellkulturmodellen untersucht wurde.
Jetzt hat ein Team um Prof. Olga Ramich vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin erstmals am Menschen gezeigt, dass allein die zeitliche Verteilung von Kohlenhydraten und Fetten – bei identischer Kalorienmenge – die tageszeitliche Genexpression im Unterhautfettgewebe messbar verändert. Die Studie wurde im Fachjournal Food Research International publiziert.
Studiendesign: Crossover mit isokalorischen Interventionen
An der kontrollierten Crossover-Studie nahmen 29 übergewichtige, nicht adipöse Männer ohne Diabetes teil. Sie durchliefen jeweils zwei vierwöchige, isokalorische Ernährungsintervalle:
- Intervention A: Kohlenhydratreiche Mahlzeiten (65 EN % KH, 20 EN % Fett) am Vormittag (6:00–13:30 Uhr), fettreiche Mahlzeiten (50 EN % Fett, 35 EN % KH) am Nachmittag/Abend (16:30–22:00 Uhr)
- Intervention B: Umgekehrte Reihenfolge – fettreich am Morgen, kohlenhydratreich am Abend
Durch den Crossover-Ansatz erhielten alle Teilnehmer beide Interventionen, was individuelle Stoffwechselunterschiede methodisch kontrollierbar machte. Zu drei Tageszeiten (morgens, mittags, abends) wurden Biopsien aus dem Unterhautfettgewebe entnommen und das Transkriptom – die Gesamtheit aller aktiven Gentranskripte zu einem bestimmten Zeitpunkt – analysiert. Dies geschah in Kooperation mit Prof. Achim Kramer, Leiter des Arbeitsbereichs Chronobiologie an der Charité.
Mehr als 1.000 Gene reagieren auf das Nährstoff-Timing
Die Analysen ergaben, dass 1.386 Gene im Unterhautfettgewebe tageszeitlichen Oszillationen unterliegen. Viele davon sind mit dem Glukose- und Fettstoffwechsel sowie mit Entzündungsprozessen assoziiert. Bemerkenswerterweise wurde die Rhythmik von fast einem Drittel dieser Gene durch den bloßen Zeitpunkt der Makronährstoffaufnahme verändert:
- Manche Gene veränderten ihre Oszillationsparameter (z. B. Amplitude oder Phase)
- Andere stellten ihre rhythmische Aktivität vollständig ein
- Umgekehrt wurden bislang nicht-rhythmische Gene neu in ein tageszeitliches Muster überführt
Insulinsensitivität und Entzündungsrisiko: Timing macht den Unterschied
Ein besonders praxisrelevanter Befund: Der Verzehr von fettreicher Kost am Morgen und kohlenhydratreicher Nahrung am Abend war mit einer Verbesserung von Markern der Insulinsensitivität im Fettgewebe assoziiert. Die umgekehrte Reihenfolge – also die Verschiebung der Fettaufnahme in den Abend – erhöhte hingegen die Aktivität proinflammatorischer Gene. Dieses Muster könnte laut den Forschenden einen frühen proinflammatorischen Zustand im Fettgewebe anzeigen, der als Risikofaktor für die Entstehung von Adipositas und Typ-2-Diabetes gilt.
„Späte, fettreiche Mahlzeiten könnten ungünstige molekulare Prozesse anstoßen, die möglicherweise langfristig Entzündungen und Stoffwechselprobleme fördern”
Prof. Olga Ramich (DIfE)
Implikationen für die Prävention – und die Grenzen der Studie
Die Ergebnisse liefern einen molekularen Erklärungsansatz dafür, warum nicht nur was gegessen wird, sondern wann, metabolisch bedeutsam sein könnte. Für Behandler-Teams, die Menschen mit erhöhtem Diabetesrisiko beraten, eröffnet dies eine neue Dimension der Ernährungsberatung: Das Mahlzeiten-Timing könnte künftig – neben Kalorienmenge und Nährstoffqualität – ein eigenständiger Parameter in personalisierten Ernährungsempfehlungen werden.
Gleichzeitig mahnen die Forschenden zur Vorsicht: Die Studie umfasste ausschließlich übergewichtige Männer ohne Diabetes. Ob die Befunde auf Frauen, ältere Menschen, Personen mit Typ-2-Diabetes oder andere Bevölkerungsgruppen übertragbar sind, ist noch offen. Größere, langfristig angelegte Interventionsstudien sowie mechanistische Untersuchungen in Zell- und Tiermodellen sind erforderlich, um kausale Zusammenhänge zu belegen und bevölkerungsbezogene Empfehlungen ableiten zu können.
Originalpublikation: Soliz-Rueda, J. R., Kessler, K., Jürchott, K., Sticht, C., Hornemann, S., Kramer, A., Pfeiffer, A. F. H., Pivovarova-Ramich, O. (2026): Remodeling of human diurnal adipose tissue transcriptome by the composition of morning and afternoon meals. Food Research International, 231(1), 118685. [Paper]
Quelle: Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) vom 26.02.2026: Nährstoff-Timing beeinflusst Genaktivität im Fettgewebe [Link]



