Eine aktuelle Studie deckt auf, dass die jüngsten Schülerinnen und Schüler innerhalb einer Klasse signifikant häufiger zu ungesundem Essverhalten und Übergewicht neigen. Dieser “Relative-Alter-Effekt” ist ein bislang oft übersehener Faktor in der Adipositas-Prävention und liefert wichtige Argumente für die Bedeutung strukturierter Schulmahlzeiten.
In der täglichen Praxis sehen sich Behandelnde immer wieder mit der Herausforderung konfrontiert, die Ursachen für ungesundes Essverhalten und die Entwicklung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen zu ergründen. Neben familiären Gewohnheiten, sozioökonomischem Status und psychologischen Faktoren rückt nun ein weiterer, subtilerer Einfluss in den Fokus: das relative Alter eines Kindes innerhalb seiner Schulklasse. Eine großangelegte europäische Studie der Universität Trier liefert nun Evidenz dafür, dass die Position als eine der jüngsten Personen im Klassenverband ein unabhängiger Risikofaktor für schlechtere Ernährungsgewohnheiten und einen höheren Body-Mass-Index (BMI) ist.
Der Relative-Alter-Effekt und seine gesundheitlichen Folgen
Die Untersuchung von Dr. Sven Hartmann und Kollegen, die Daten von rund 600.000 Schülerinnen und Schülern aus 30 europäischen Ländern analysierte, kommt zu einem klaren Ergebnis. Nachdem Einflussfaktoren wie der familiäre Wohlstand herausgerechnet wurden, zeigte sich, dass die relativ jüngsten Kinder eines Schuljahrgangs eine um etwa 2 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit für Übergewicht aufweisen als die ältesten. Dieser auf den ersten Blick gering erscheinende Wert ist angesichts einer durchschnittlichen Übergewichtsprävalenz von 13,9 % in der Studienpopulation statistisch hochrelevant. Jungen scheinen von diesem Effekt noch stärker betroffen zu sein als Mädchen.
Dieses Phänomen, bekannt als “Relative-Alter-Effekt”, wurde bereits in anderen Kontexten beschrieben. Jüngere Kinder einer Klasse werden häufiger mit ADHS diagnostiziert, zeigen vermehrt mentale Probleme und haben im Durchschnitt schlechtere Schulnoten. Die neue Studie weitet dieses Wissen nun explizit auf das Gesundheits- und Essverhalten aus.
Mögliche Ursachen: Psychischer und sozialer Druck
Die genauen Gründe für diesen Zusammenhang sind noch nicht abschließend geklärt, die Forscher vermuten jedoch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Einerseits könnten die bereits bekannten, häufigeren mentalen Belastungen bei den Jüngeren zu schlechteren Essgewohnheiten als Bewältigungsstrategie führen. Andererseits könnte ein erhöhter sozialer Druck eine Rolle spielen. Es ist denkbar, dass jüngere Schülerinnen und Schüler versuchen, ihre wahrgenommene Unreife zu kompensieren, indem sie das ungesunde Verhalten älterer Mitschülerinnen und Mitschüler – wie den Konsum von Softdrinks oder das Auslassen von Mahlzeiten – überproportional nachahmen, um dazuzugehören.
Praktische Implikationen und Lösungsansätze
Die Studienergebnisse liefern wertvolle und direkt anwendbare Impulse für Behandler-Teams, aber auch für die öffentliche Gesundheitsvorsorge.
- Sensibilisierung und Anamnese: Der erste und wichtigste Schritt ist die Sensibilisierung von Eltern, Lehrkräften und Behandelnden für den Relative-Alter-Effekt. Bei der Anamnese von übergewichtigen oder von Adipositas bedrohten Kindern und Jugendlichen sollte die Frage nach der relativen Alters-Position in der Klasse ein fester Bestandteil werden. Es kann helfen, die sozialen Dynamiken und den empfundenen Druck besser zu verstehen.
- Ein starkes Argument für Schulmahlzeiten: Die Studie zeigt, dass die negativen Effekte in Ländern mit etablierten, flächendeckenden Schulmahlzeiten signifikant geringer ausfallen. Dies liefert ein starkes, evidenzbasiertes Argument, das Behandelnde in der Beratung und in gesundheitspolitischen Diskussionen nutzen können. Eine strukturierte, gesunde Mahlzeit in der Schule kann soziale Unterschiede im Essverhalten ausgleichen und sicherstellen, dass alle Kinder zumindest eine vollwertige Mahlzeit am Tag erhalten.
- Bedeutung des Frühstücks: Die Beobachtung, dass jüngere Schülerinnen und Schüler häufiger das Frühstück auslassen – möglicherweise, um Schlaf nachzuholen –, unterstreicht die Notwendigkeit, auf eine regelmäßige Mahlzeitenstruktur hinzuweisen. Ein späterer Schulbeginn könnte hier präventiv wirken und den Teufelskreis aus Schlafmangel und ungesunder Kompensation durchbrechen.
Originalpublikation: Luca Fumarco, Sven A. Hartmann, Francesco Principe, Influence of within-class age differences on dolescents’ eating behaviors, Economics of Education Review, Volume 110, 2026, 102756, ISSN 0272-7757, https://doi.org/10.1016/j.econedurev.2025.102756. [Paper]
Quelle: Pressemitteilung der Universität Trier vom 10.02.2026 : Zusammenhang von Geburtsmonat und Essverhalten



