Die Erkenntnis, dass ein Herzinfarkt bei Frauen andere Symptome aufweist als bei Männern, ist inzwischen weit verbreitet. Zudem gibt es frauenspezifische Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und Frauen profitieren in vielen Fällen mehr von Präventionsmaßnahmen als Männer. Trotzdem ist die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln groß, wie die Healthcare Frauen (HCF) im Rahmen einer Pressekonferenz aufzeigten. Mit der #GoRed-Initiative und dem bundesweiten Aktionstag #GoRed soll daher am 6. Februar ein öffentliches und politisches Bewusstsein geschaffen werden.
„Frauenherzen schlagen anders“ ist nicht nur ein Slogan, es ist ein Fakt. Dieser findet sich jedoch bis heute nur unzureichend in der Versorgungsrealität wieder. Nicola Winter, Rettungssanitäterin und Rettungshubschrauberpilotin, schilderte anhand zweier realer Einsatzsituationen eindrücklich, wie sich Herzinfarkte und Herz-Kreislauf-Stillstände bei Frauen präsentieren und warum sie so häufig zu spät erkannt werden. Im ersten Fall berichtete sie von einer Frau Mitte fünfzig, die seit Tagen unter anhaltenden Rückenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen litt. Diese Symptome wurden weder von der Betroffenen selbst noch von ihrem Umfeld mit einem akuten Herzinfarkt in Verbindung gebracht. Erst das EKG im Rettungswagen zeigte einen eindeutigen ST-Hebungsinfarkt. Die klassische Ausstrahlung in den linken Arm fehlte vollständig. Der Herzmuskel war bereits über Tage unzureichend durchblutet gewesen, und wertvolles Myokard unwiederbringlich verloren. „Der Fall steht exemplarisch für ein bekanntes Muster: Frauen bagatellisieren Symptome, wollen niemandem zur Last fallen und passen mit ihren Beschwerden nicht in das Bild des „typischen“ Herzinfarkts“, so Winter.
Fallbeispiel
Im zweiten Fall erlitt eine junge Frau in einem Einkaufszentrum einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Obwohl zahlreiche Passanten anwesend waren, begann niemand mit der Reanimation. „Die Hemmschwelle, eine bewusstlose Frau zu entkleiden und eine Herz-Lungen-Wiederbelebung zu beginnen, war offenbar zu hoch“, mutmaßte die Rettungssanitäterin. Ein automatisierter externer Defibrillator war vorhanden, wurde aber nicht eingesetzt. Als der Rettungsdienst nach etwa zehn Minuten eintraf, war die sogenannte No-Flow-Time bereits kritisch lang. Winter betonte, wie entscheidend diese Minuten für das neurologische Outcome, das Überleben und die Lebensqualität sind. Sie kritisierte, dass Reanimationstrainings nach wie vor fast ausschließlich mit männlichen, anatomisch neutralen Puppen durchgeführt werden, und forderte ausdrücklich weibliche Reanimationsmodelle, um Berührungsängste abzubauen und Handlungssicherheit zu schaffen.
Kardiovaskuläre Risikofaktoren
Die präklinischen Erfahrungen spiegeln sich in epidemiologischen und populationsbasierten Daten wider, wie Prof. Dr. Christina Magnussen, stellvertretende Direktorin der Klinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), darlegte. Auf Grundlage des Global Cardiovascular Risk Consortiums, das mittlerweile Daten von über 2,3 Millionen Menschen weltweit umfasst, analysierte sie die Bedeutung klassischer kardiovaskulärer Risikofaktoren. Bluthochdruck, Hypercholesterinämie, Diabetes, Nikotinkonsum und extremes Körpergewicht erklären demnach rund 50 Prozent aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Bemerkenswert ist, dass der präventive Effekt bei Frauen noch größer ausfällt als bei Männern. Würden diese Risikofaktoren konsequent kontrolliert, ließen sich bei Frauen überproportional viele Ereignisse verhindern“, zeigte sie auf.
Besonders eindrucksvoll sind die Daten zum Lebenszeitrisiko: „Selbst Frauen ohne einen der klassischen Risikofaktoren haben ab dem 50. Lebensjahr ein relevantes Risiko, eine kardiovaskuläre Erkrankung zu entwickeln. Liegen hingegen mehrere Risikofaktoren vor, verdoppelt sich dieses Risiko deutlich. Gleichzeitig zeigte sich, dass Frauen ohne diese Risikofaktoren mehr als 13 Jahre länger ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen leben.“ Die Kontrolle des Bluthochdrucks erwies sich dabei als stärkster Hebel für zusätzliche gesunde Lebensjahre. Dennoch würden diese Erkenntnisse bislang kaum systematisch in präventive Strukturen überführt. Magnussen betonte, dass Wissen allein nicht ausreiche. Es brauche politische Rahmenbedingungen, strukturierte Screenings in frühen Lebensphasen und gesundheitsökonomische Anreize, etwa durch Steuerpolitik, um Prävention wirksam umzusetzen.
Strukturelle Defizite
Warum Frauen trotz dieser Evidenz weiterhin schlechter versorgt werden, erläuterte Dr. Lena Marie Seegers, Gründerin und Leiterin des ersten universitären Frauenherzzentrums am Universitätsklinikum Frankfurt. Sie machte deutlich, dass Frauen auch im Jahr 2026 ein höheres Risiko haben, an einem Herzinfarkt zu versterben als Männer. Die Ursachen liegen laut Seegers sowohl in Versorgungsunterschieden als auch in biologischen Besonderheiten. „Frauen erhalten in der präklinischen Phase seltener leitliniengerechte Maßnahmen, in der Notaufnahme später ärztlichen Kontakt, seltener eine invasive Diagnostik und haben geringeren Zugang zu intensivmedizinischer Versorgung. Diese strukturellen Defizite wirken sich direkt auf die Mortalität aus“, fasste sie zusammen.
Hinzu kommen geschlechtsspezifische biologische Faktoren. Die Atherosklerose beginnt bei Frauen im Durchschnitt zehn Jahre später als bei Männern, das Risiko steigt jedoch nach der Menopause um ein Vielfaches an. „Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie, hormonelle Störungen wie das polyzystische Ovarsyndrom oder eine frühe Menopause sind unabhängige Risikofaktoren, werden aber in der kardiologischen Anamnese bislang kaum berücksichtigt. Gleichzeitig sind klassische Risikofaktoren bei Frauen chronisch untertherapiert – sowohl aufgrund seltener Verordnung als auch wegen geringerer Therapieadhärenz, insbesondere bei Statinen und Antihypertensiva“, erklärte Seegers. Frauenherz-Zentren könnten hier eine entscheidende Lücke schließen, indem sie Prävention, Langzeitbetreuung und interdisziplinäre Versorgung bündeln.
Frauengesundheit ist kein Nischenthema
Die gesellschaftliche und gesundheitspolitische Dimension dieser Versorgungslücke ordnete Dr. Vanessa Conin-Ohnsorge, Mit-Initiatorin von #GoRed, ein. Sie machte klar, dass Frauenherzgesundheit kein Nischenthema ist, sondern eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Resilienz. „Frauen tragen einen Großteil der Care-Arbeit, treffen die Mehrheit der Gesundheitsentscheidungen in Familien und sind zunehmend ökonomisch tragend. Erkrankungen des Frauenherzens haben daher weitreichende Folgen für Familien, Arbeitsmarkt und Gesundheitssystem“, machte Conin-Ohnsorge deutlich. Mit der Go-Red-Kampagne erreichen die Healthcare Frauen Millionen Menschen und machen geschlechtsspezifische Unterschiede sichtbar. Ein besonderer Meilenstein ist die erstmalige Nutzung anonymisierter Versorgungsdaten, die belegen, dass bei Frauen seltener Lipidprofile erhoben werden.
Abschließend spannte Dr. Leonie Uhl, ebenfalls Mit-Initiatorin von #GoRed, den Bogen zur politischen Ebene. „Internationale Analysen zeigen, dass Investitionen in Frauengesundheit nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch hoch wirksam sind. Dennoch fehlen in Deutschland bislang verbindliche Strukturen, geschlechtsspezifische Aspekte systematisch in Prävention, Disease-Management-Programme, Aus- und Weiterbildung sowie Erste-Hilfe-Ausbildung zu integrieren“, so Uhl. Frauenherzgesundheit bliebe damit eine der größten ungenutzten Cancen des Gesundheitssystems.
Am #GoRed Aktionstag (6. Februar) rufen die Healthcare Frauen alle Menschen auf – Frauen wie Männer – ein rotes Accessoire zu tragen und damit dem Thema zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.
Sonja Buske
Quelle: Online-Pressekonferenz der Healthcare Frauen (HCF) e.V., Fokus Frauengesundheit, 20.01.2026



