Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie bezeichnet Impfungen gegen verschiedene Atemwegsinfekte in einem aktuellen Konsensuspapier als wichtige Säule der kardiovaskulären Prävention. Insbesondere an ältere Menschen und Patienten mit Vorerkrankungen richten sich die Impfappelle, die jedoch derzeit unzureichend nur umgesetzt werden. Die Nationale Herz-Allianz hat eine verstärkte Aufklärung auf ihre Agenda gesetzt.
Während die potenziellen Gefahren einer Infektion mit COVID-19 hinlänglich bekannt sein dürften, werden Influenzaviren und auch das Humane Respiratorische Syncytial-Virus (RSV) gemeinhin unterschätzt. Das betrifft speziell auch die kardiovaskulären Risiken, die mit diesen Erregern verbunden sind. Vor allem ältere Menschen und Patienten mit kardialen Vorerkrankungen sind gefährdet, bei einer Infektion schwere – potenziell lebensbedrohliche – kardiovaskuläre Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall zu entwickeln.
Der Zusammenhang zwischen Atemwegsinfekten und kardiovaskulären Ereignissen ist insbesondere für die Influenza mit guter Evidenz belegt. Das Herzinfarktrisiko steigt bei Hochrisikopersonen im Fall einer Infektion auf das Achtfache [1]. Aber auch das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) sollte man auf dem Schirm haben. Die RSV-Impfung wurde 2024 von der Ständigen Impfkommission (STIKO) auf die Liste der für ältere Menschen (ab 75) empfohlenen Impfungen gesetzt. Patienten mit schwerer kardiopulmonaler Vorerkrankung sollten laut STIKO bereits ab dem 60. Lebensjahr gegen RSV geimpft werden [2].
Eine große Gefahr für ältere Menschen stellt zudem eine Infektion mit Streptococcus pneumoniae dar. Das zu den Pneumokokken gehörenden Bakterium ist der Haupterreger der ambulant erworbenen Pneumonie (CAP). Die systemische entzündliche Reaktion auf die Erreger führt bei Patienten mit koronaren Gefäßveränderungen zu einem Anstieg des kardiovaskulären Risikos, der nach Ausheilen der Lungenentzündung über Wochen bis Monate – nach Sepsis sogar über Jahre hinweg – bestehen bleibt.
Inflammation ist das Bindeglied
Entzündungsprozesse, die durch manche Erreger direkt ausgelöst werden, die aber andererseits auch zum immunologischen Abwehrgeschehen gehören, sind grundlegend für die Verknüpfung von Infektionskrankheiten und kardiovaskulären Komplikationen. Im modernen Krankheitsverständnis gilt es als bewiesen, dass Arteriosklerose eine entzündliche Erkrankung ist. Destabilisierung und Ruptur koronarer Plaques sind mit inflammatorischen Prozessen assoziiert. Die systemische Entzündung im Fall eines akuten Infekts kann deshalb bei vorbestehender Koronarsklerose einen Myokardinfarkt provozieren. Außerdem spielen prothrombotische Effekte eine Rolle. Influenzaviren, aber auch andere Viren und Erreger, schaffen durch Freisetzung proinflammatorischer Zytokine ein thrombogenes Milieu [3, 4]. Verstärkte Entzündungsreaktionen sind andererseits ein Zeichen der Alterung des Immunsystems [5]. Das Nachlassen der immunologischen Schlagkraft im Alter ist auf komplexe Veränderungen zurückzuführen, von denen u.a. B- und T-Zellen betroffen sind. In der Folge steigt nicht nur die Infektanfälligkeit, auch die Rate schwerer – komplikationsträchtiger und potenziell lebensbedrohlicher – Infektverläufe ist bei älteren Menschen erhöht.
Aktuelles Konsensuspapier der ESC
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) bezeichnet vor diesem Hintergrund die Impfung gegen bestimmte Erreger in einem im September 2025 publizierten Konsensuspapier – neben der konsequenten Behandlung von Hypertonie, Hyperlipidämie und Diabetes mellitus – als vierte Säule der kardiovaskulären Prävention [6]. Erstautorin Prof. Dr. med. Bettina Heidecker, Berlin, fasst die Kernbotschaften zusammen [7]:
- Infektionen mit Influenzaviren, SARS-CoV-2, Pneumokokken, RSV oder Herpes-zoster-Viren erhöhen nachweislich das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Myokardinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz.
- Impfungen gegen diese Erreger reduzieren nicht nur das Risiko von Infektionen. Es gibt zunehmend Evidenz, dass Impfungen auch die Infekt-bedingten kardiovaskulären Risiken reduzieren.
- Die Influenza-Impfung hat in der Sekundärprävention nach Myokardinfarkt einen deutlichen Mortalitätsvorteil gezeigt.
- Die Impfempfehlungen gelten besonders für ältere Personen und für Patienten mit koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz oder angeborenen Herzfehlern.
- Impfungen sind insgesamt sicher.
- Das Myokarditisrisiko nach COVID-19-Impfung ist deutlich geringer als das Risiko nach COVID-19-Infektion.
- Impfangebote sollten proaktiv in der kardiologischen Versorgung verankert werden.
Hoher Benefit für Risikopersonen
Vor allem mit Blick auf die Influenzaimpfung gibt es inzwischen gute Evidenz, dass diese Hochrisikopersonen vor schweren kardiovaskulären Ereignissen (Major Adverse Cardiac Events, MACE) schützt. Unter diesem Begriff werden in erster Linie kardiovaskulär bedingter Tod sowie nicht letale Herzinfarkte und Schlaganfälle subsummiert.
Hochrisikopersonen sind insbesondere Patienten mit koronarer Herzkrankheit. Inzwischen liegen umfangreiche Daten vor, die dafürsprechen, dass speziell auch Patienten mit kürzlich durchgemachtem Myokardinfarkt von der Influenzaimpfung profitieren und ohne Sicherheitsbedenken geimpft werden können. Dazu wurde 2022 eine Metaanalyse randomisierter klinischer Studien mit insgesamt fast 15.000 Teilnehmern publiziert. Die Reduktion schwerer kardiovaskulärer Ereignisse durch die Influenzaimpfung lag in diesem Datenpool bei 25 % [8]. Der Vergleich mit Placebo habe keine Hinweise auf gravierende Impfrisiken in dieser akuten Situation ergeben, betonen die Autoren.
Eingegangen in die Metaanalyse ist u.a. die randomisierte IAMI-Studie an mehr als 2.500 Patienten, die innerhalb von 72 Stunden nach akutem Myokardinfarkt entweder gegen Influenza geimpft wurden oder keine Impfung erhielten. Bei den Geimpften lag die MACE-Rate (primärer Endpunkt: Tod, Myokardinfarkt, Stentthrombose innerhalb von 12 Monaten) um 28% niedriger als in der Kontrollgruppe. Die kardiovaskuläre Sterblichkeit war ebenso wie die Gesamtsterblichkeit bei den Geimpften um 41% verringert [9].
STIKO-Empfehlungen für ältere und vorerkrankte Personen
Angesichts der aktuellen Evidenzlage empfiehlt die STIKO älteren Menschen eine Standardimpfung gegen Influenzaviren, RSV, COVID-19 sowie Pneumokokken, um die Infektionsrisiko und auch das damit verbundene kardiovaskuläre Risiko zu begrenzen [10]. Die Empfehlung für RSV gilt ab dem 75. Lebensjahr, die anderen Impfungen werden ab dem 60. Lebensjahr empfohlen. Außerdem wird Personen ab 60 die Impfung gegen Herpes-zoster – auch mit Blick auf das Schlaganfallrisiko – empfohlen. Für Patienten mit relevanten Vorerkrankungen gelten die Impfempfehlungen bereits in jüngerem Alter.
Viel Luft nach oben
Die aktuellen Impfquoten bleiben weit hinter den gesetzten Zielen zurück und unterstreichen einen hohen Aufklärungsbedarf. In der Saison 2023/2024 haben sich nur 38,2% aller Erwachsenen über 60 gegen Influenza impfen lassen [11]. Um die Pneumokokken-Impfung war es mit einer Quote von nur 11,8 % noch schlechter bestellt. Nicht nur Hausärzte, sondern auch Kardiologen sind laut der DGK aufgerufen, durch gezielte Information und Motivation dazu beizutragen, dass ältere und vorerkrankte Risikopersonen die Chancen der kardiovaskulären Prävention via Impfung besser nutzen.
Die Nationale Herz-Allianz als Bündnis der großen herzmedizinischen Fachgesellschaften und der Deutschen Herzstiftung hat deshalb eine großangelegte Aufklärungskampagne initiiert. Auch der frühere DGK-Präsident Prof. Dr. med Stefan Baldus, Köln, der die NHA-Aktivitäten koordiniert, fokussiert auf die Impfung als zentralem Hebel der kardiovaskulären Prävention [1]. Baldus spricht sich dafür aus, Kardiologen in das Impfgeschehen stärker einzubinden, obwohl die Impfung klassisch nicht zur Kernkompetenz dieser Fachgruppe zählt. Sowohl die ambulante als auch die stationären Versorgungssituation liefere ein gutes Setting, um Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen nachdrücklich über den Benefit der Impfung aufzuklären. Eine gute Übersicht über die aktuelle Datenlage sowie die Impfempfehlungen von STIKO, DGK und ESC gibt der von der NHA erarbeitete Praxisguide „Impfempfehlungen für Herzpatientinnen und -patienten“ [12].
Literatur:
- Interview: „Auch wir müssen impfen.“, Cardio News 04/2025. Verfügbar unter: https://herzmedizin.de/fuer-aerzte-und-fachpersonal/herz-ist-impf/auch-wir-muessen-impfen.html
- Falman A et al. Beschluss und Wissenschaftliche Begründung zur Empfehlung der STIKO für eine Standardimpfung gegen Erkrankungen durch Respiratorische Synzytial-Viren (RSV) für Personen ≥ 75 Jahre sowie zur Indikationsimpfung von Personen im Alter von 60 bis 74 Jahren mit Risikofaktoren. Epid Bull 2024; 32: 3-28
- Herzmedizin.de; Herzinfarkt und Schlaganfall durch Impfen vorbeugen. Verfügbar unter: https://herzmedizin.de/fuer-aerzte-und-fachpersonal/kardiologie-interdisziplinaer/praevention/impfungen-praevention-cvd.html
- Ecarnot F et al. Infectious diseases, cardio-cerebrovascular health and vaccines: pathways to prevention. Aging Clin Exp Res 2025; 37(1): 80
- Kwetkat A; die AG Impfen der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. Impfen bei Senioren [Vaccination in old age]. Basiskurs Geriatrie 2021: 1–7
- Heidecker B et al. Vaccination as a new form of cardiovascular prevention: a European Society of Cardiology clinical consensus statement. Eur Heart J 2025; 46(36): 3518–31
- Herzmedizin.de; Quick Dive: Impfen zur kardiovaskulären Prävention. Verfügbar unter: https://herzmedizin.de/fuer-aerzte-und-fachpersonal/kardiologie-interdisziplinaer/praevention/quick-dive-impfen-kardiovaskulaere-praevention.html
- Maniar YM et al. Influenza Vaccination for Cardiovascular Prevention: Further Insights from the IAMI Trial and an Updated Meta-analysis. Curr Cardiol Rep 2022; 24: 1327–359. Fröbert O et al. Influenza Vaccination After Myocardial Infarction: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Multicenter Trial. Circulation 2021; 144: 1476–84
- Robert Koch-Institut. Epidemiologisches Bulletin 4/2025. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2025/04_25.pdf?__blob=publicationFile&v=9
- Robert Koch-Institut; Influenza: Impfquote (ab 60 Jahre). Verfügbar unter: https://www.gbe.rki.de/DE/Themen/GesundheitsfoerderungPraeventionUndVersorgung/GesundheitsfoerderungundPraevention/VorsorgeUndFrueherkennung/Influenzaimpfung/influenzaimpfung_node.html?darstellung=0&kennzahl=1&zeit=2023&geschlecht=0&standardisierung=0
- Nationale Herz-Allianz: „Impfempfehlungen für Herzpatientinnen und -patienten“. Düsseldorf 2025



