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Invasive Diagnostik chronisches Koronarsyndrom – wann und warum?

Arzt zeigt auf IVUS-Monitor mit Querschnittsbild einer Koronararterie – Diagnostik beim chronischen Koronarsyndrom

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Invasive Diagnostik chronisches Koronarsyndrom – wann und warum?

Fachartikel

Kardiologie

Koronare und Gefäßerkrankungen

mgo medizin Redaktion

Verlag

15 MIN

Erschienen in: herzmedizin

Die invasive Diagnostik des chronischen Koronarsyndroms ist ein gezieltes Instrument in der modernen Kardiologie. Trotz erheblicher Fortschritte in Prävention, Diagnostik und Therapie bleibt die ischämische Herzerkrankung die führende Todesursache in Deutschland. Dieser Artikel erklärt, wann invasive Diagnostik sinnvoll ist und welche Therapieoptionen zur Verfügung stehen.

Was ist das chronische Koronarsyndrom? 

Das chronische Koronarsyndrom (CCS) beschreibt die stabile klinische Phase einer koronaren Herzerkrankung (KHK). Es ist gekennzeichnet durch eine myokardiale Ischämie infolge struktureller oder funktioneller Koronarveränderungen.

Nach dem Deutschen Herzbericht 2025 ist die altersstandardisierte Sterblichkeit zwar rückläufig. Dennoch bleibt die absolute Zahl kardiovaskulärer Todesfälle und Hospitalisierungen unverändert hoch. Dies unterstreicht, dass die optimale Behandlung des chronischen Koronarsyndroms nach wie vor eine zentrale Herausforderung darstellt.

Klinische Szenarien beim CCS

Die ESC-Leitlinie von 2024 fasst unter dem Begriff verschiedene klinische Szenarien zusammen:

  • Belastungsinduzierte Angina pectoris bei obstruktiver KHK
  • Stabile Verläufe nach akutem Koronarsyndrom
  • Zustand nach Revaskularisation
  • Funktionelle Störungen ohne relevante Stenosen

Moderne invasive Diagnostik: Von der Anatomie zur Funktion

Die invasive Diagnostik des chronischen Koronarsyndroms hat sich grundlegend gewandelt. Durch den Einsatz moderner Techniken wie Druckdrahtmessung (FFR, iFR) und intravaskulärer Bildgebung (IVUS, OCT) entwickelte sich die Koronarangiographie von einer rein anatomischen zu einer integrativen morphologisch-funktionellen Methode.

Die Diagnostik folgt einem risikoadaptierten, stufenweisen Ansatz. Dieser basiert auf einer klinischen Wahrscheinlichkeitsabschätzung und dem gezielten Einsatz nicht-invasiver Bildgebung. Die invasive Koronarangiographie stellt dabei kein Erstlinienverfahren mehr dar, sondern wird gezielt eingesetzt.

Wann kommt invasive Diagnostik zum Einsatz?

Eine invasive Koronarangiographie ist angezeigt, wenn:

  • Nicht-invasive Tests eine weiterführende Abklärung erforderlich machen
  • Eine hohe klinische Wahrscheinlichkeit für eine revaskularisationsbedürftige KHK besteht
  • Hochrisikomerkmale vorliegen

Die interventionelle Therapie bleibt ein zentraler Bestandteil der CCS-Behandlung. Sie dient primär der Linderung belastungsinduzierter Symptome. Darüber hinaus kann sie bei Hochrisikoanatomien oder ausgedehnter Ischämie auch die Prognose verbessern – stets ergänzend zur optimalen medikamentösen Therapie.

Diagnostischer Algorithmus des chronischen Koronarsyndroms

Die aktuelle ESC-Leitlinie von 2024 empfiehlt für die meisten Patienten mit Verdacht auf ein CCS zunächst eine nicht-invasive Stufendiagnostik.

Risikoabschätzung mit dem RF-CL-Modell

Ausgangspunkt ist die klinische Vortestwahrscheinlichkeit. Diese wird mithilfe des Risk Factor-Weighted Clinical Likelihood (RF-CL)-Modells abgeschätzt. Zusätzliche Informationen können die Einschätzung präzisieren:

Faktoren zur Risikoadjustierung:

  • Pathologische EKG-Veränderungen
  • Eingeschränkte linksventrikuläre Funktion
  • Periphere Gefäßerkrankung
  • Koronarkalk-Score (CACS)

Nicht-invasive Diagnostik nach Vortestwahrscheinlichkeit

Bei niedriger Vortestwahrscheinlichkeit (5–15 %):

  • Weitere Risikoadjustierung mittels CACS
  • Bei klinischem Verdacht: koronare CT-Angiographie (CCTA)

Bei moderater oder hoher Vortestwahrscheinlichkeit (> 15–85 %):

Patienten sollten primär einer anatomischen oder funktionellen Bildgebung zugeführt werden:

  • Anatomische Bildgebung: CCTA
  • Funktionelle Bildgebung: Myokardszintigraphie, PET, Stress-Echokardiographie oder kardiale MRT

Ziel ist es, das Vorliegen einer obstruktiven KHK oder Hochrisikoanatomie zu klären. Zusätzlich wird das Risiko zukünftiger Ereignisse anhand des Ischämieausmaßes eingeschätzt.

Wahl der geeigneten Modalität

Die Wahl der geeigneten Modalität erfolgt individualisiert. Die CCTA bietet aufgrund ihrer hohen negativen prädiktiven Aussagekraft Vorteile bei niedriger bis moderater Vortestwahrscheinlichkeit.

Einschränkungen der CCTA:

  • Fortgeschrittene Niereninsuffizienz
  • Kontrastmittelallergie
  • Ausgedehnte koronare Kalzifikationen
  • Unregelmäßiger Herzrhythmus

Funktionelle Bildgebungsverfahren erlauben im Gegensatz zur CCTA keine Plaquecharakterisierung. Sie ermöglichen jedoch die Beurteilung von Schweregrad und Lokalisation einer belastungsinduzierten Myokardischämie sowie der myokardialen Vitalität.

Konservative Therapie als Grundlage

Nach Bestätigung der Diagnose eines CCS sollten alle Patientinnen und Patienten zunächst eine strukturierte konservative Therapie erhalten.

Zentrale Elemente der konservativen Therapie:

  • Lebensstilmodifikation
  • Risikofaktorkontrolle
  • Antianginöse Therapie
  • Optimale medikamentöse Sekundärprävention

Diese Maßnahmen haben in den letzten Jahren maßgeblich zur Verbesserung der Prognose beigetragen. Nach aktueller Evidenz, unter anderem aus der ISCHEMIA-Studie, können die meisten Patienten mit stabiler KHK zunächst konservativ und nicht-invasiv behandelt werden, solange keine Hochrisikomerkmale vorliegen.

Indikationen zur invasiven Koronarangiographie 

Eine invasive Koronarangiographie ist bei bestimmten Patientengruppen angezeigt. Die Entscheidung basiert auf der klinischen Vortestwahrscheinlichkeit und prognostischen Risikofaktoren.

Sehr hohe klinische Vortestwahrscheinlichkeit

Eine invasive Diagnostik des chronischen Koronarsyndroms ist bei Patienten mit sehr hoher klinischer Vortestwahrscheinlichkeit (> 85 %) oder bei prognostisch relevanten Hochrisikomerkmalen angezeigt.

Die Definition einer sehr hohen klinischen Prätestwahrscheinlichkeit beruht nicht ausschließlich auf dem RF-CL-Score. Dessen maximaler Wertebereich liegt bei rund 45 %. Vielmehr erfordert sie eine klinische Kontextualisierung.

Zusätzliche Befunde für individuelle Anpassung:

  • Pathologische EKG-Veränderungen
  • Eingeschränkte linksventrikuläre Funktion
  • Ventrikuläre Arrhythmien
  • Ausgeprägte koronare Kalzifikationen im Thorax-CT
  • Periphere Gefäßerkrankung

Prognostische Hochrisikomerkmale:

  • Typische Angina pectoris unter geringer Belastung
  • Schwere LV-Dysfunktion
  • Belastungsinduzierte Hypotonie

Bei Vorliegen dieser Merkmale ist eine primär-invasive Abklärung indiziert. Ebenso sollte eine Koronarangiographie erfolgen, wenn nicht-invasive Untersuchungen auf eine prognostisch-relevante Erkrankung hinweisen oder eine therapierefraktäre Angina trotz optimaler medikamentöser Therapie fortbesteht.

Hochrisikoanatomie in der nicht-invasiven Bildgebung

Zu den Patientengruppen, die von einer weiterführenden invasiven Abklärung profitieren, zählen insbesondere Patientinnen und Patienten mit nachgewiesener Hochrisikoanatomie.

Hochrisikoanatomie in der CCTA:

  • Relevante Stenose des linken Hauptstamms (> 50 %)
  • Signifikante Dreigefäßerkrankung mit hochgradigen Stenosen (≥ 70 %)
  • Ein- bzw. Zweigefäßerkrankung unter Beteiligung der proximalen LAD (≥ 70 % Stenose)

Ausgedehnte Ischämie in der funktionellen Bildgebung:

  • ≥ 10 % LV-Ischämielast in SPECT/PET
  • ≥ 3 pathologische Segmente in der Stress-Echokardiographie
  • Pathologische Befunde in der kardialen Stress-MRT

Diese Befunde stellen eine klare Indikation für eine invasive Abklärung dar.

Invasive funktionelle Diagnostik: Druckdrahtmessung

Die invasive funktionelle Beurteilung koronarer Stenosen mittels Druckdrahtmessung ist ein zentraler Bestandteil der modernen invasiven Diagnostik des chronischen Koronarsyndroms.

FFR und iFR: Zwei Verfahren im Vergleich

Zwei etablierte Verfahren stehen zur Verfügung:

Fraktionelle Flussreserve (FFR):

  • Messung unter maximaler Hyperämie
  • Ermöglicht physiologische Einschätzung der hämodynamischen Relevanz
  • Grenzwert: FFR ≤ 0,80 gilt als hämodynamisch relevant

Instantaneous wave-free ratio (iFR):

  • Messung im Ruhezustand
  • Kürzere Prozedurzeit
  • Höherer Patientenkomfort
  • Grenzwert: iFR ≤ 0,89 gilt als hämodynamisch relevant

Evidenz für druckdrahtgeführte Revaskularisation

Mehrere randomisierte Studien belegen den Nutzen der Druckdrahtmessung:

FAME 1 und 2:

Diese Studien zeigten, dass eine druckdrahtgeführte Revaskularisationsstrategie im Vergleich zur rein angiographischen Beurteilung kardiovaskuläre Ereignisse signifikant reduziert.

DEFINE-REAL:

Beobachtungsdaten belegen, dass die funktionelle Beurteilung häufig zu einer Anpassung der Revaskularisationsstrategie durch Reklassifizierung der Stenosegrade führt.

iFR-SWEDEHEART:

Die Studie bestätigte die Nichtunterlegenheit der iFR gegenüber der FFR bei kürzerer Prozedurzeit und höherem Patientenkomfort.

ESC-Leitlinien-Empfehlung

Die ESC-Leitlinie empfiehlt die Druckdrahtmessung zur Beurteilung der funktionellen Relevanz angiographisch intermediärer Stenosen (40–90 %). Dies ermöglicht eine präzisere Indikationsstellung einer Revaskularisation.

Invasive Therapie des CCS: Wann ist Revaskularisation sinnvoll?

Die Indikation zur Revaskularisation beim chronischen Koronarsyndrom orientiert sich an symptomatischen und prognostischen Zielgrößen.

Symptomatische Indikation zur Revaskularisation

Die ESC-Leitlinie empfiehlt eine Revaskularisation bei Patienten mit persistierender belastungsinduzierter Angina pectoris oder äquivalenten Beschwerden trotz optimaler medikamentöser Therapie. Ziel ist die Linderung der Symptomatik und eine Verbesserung der Lebensqualität.

Evidenz für symptomatischen Nutzen:

ORBITA-2-Studie:

Die Studie konnte erstmals in einer randomisierten, doppelt verblindeten, placebokontrollierten Studie den symptomatischen Nutzen der PCI objektiv belegen. Bei Patienten mit stabiler Angina pectoris und nachgewiesener Ischämie führte die PCI – nach Absetzen der antianginösen Dauertherapie – zu einer signifikanten Reduktion der Angina-Last und zu einer Verbesserung der Lebensqualität.

ISCHEMIA-Studie (Sekundäranalysen):

Ähnliche Ergebnisse zeigten Sekundäranalysen der ISCHEMIA-Studie. Die invasive Strategie führte insbesondere bei ausgeprägter Symptomatik zu einer deutlichen Besserung von Beschwerden und Lebensqualität.

Prognostische Indikation zur Revaskularisation

Der prognostische Nutzen einer Revaskularisation im CCS wird seit Veröffentlichung der ISCHEMIA-Studie intensiv diskutiert. Diese zeigte bei Patienten mit stabiler KHK und moderater bis schwerer Ischämie zunächst keinen Vorteil einer frühen invasiven Strategie gegenüber einem konservativen Vorgehen.

Wichtige Einschränkungen der ISCHEMIA-Studie:

Zu berücksichtigen ist jedoch, dass Hochrisikopatienten von der Studienteilnahme ausgeschlossen waren:

  • Signifikante Hauptstammstenose (> 50 %)
  • Schwere linksventrikuläre Dysfunktion (LVEF < 35 %)

Für diese Gruppen besteht nach früheren Studien ein gesicherter prognostischer Nutzen einer chirurgischen Revaskularisation.

Subgruppenanalysen der ISCHEMIA- und ISCHEMIA-EXTEND-Studien

Subgruppenanalysen zeigten, dass Patienten mit hoher anatomischer Krankheitslast von einer invasiven Strategie profitieren:

Patientengruppen mit Vorteil:

  • Funktionell relevante Dreigefäßerkrankung
  • Proximale LAD-Stenose

Bei diesen Patienten war die Rate kardiovaskulärer Todesfälle oder Myokardinfarkte im Langzeitverlauf signifikant geringer, während die Gesamtsterblichkeit vergleichbar blieb.

Aktuelle Metaanalyse bestätigt Nutzen

Eine aktuelle Metaanalyse bestätigte, dass eine elektive Revaskularisation zusätzlich zur optimalen medikamentösen Therapie die kardiale Mortalität signifikant reduziert. Dies geschieht vor allem durch eine geringere Rate spontaner Myokardinfarkte.

Wichtige Erkenntnisse:

  • Der Überlebensvorteil nahm mit längerer Nachbeobachtung zu
  • Der Vorteil blieb auch nach Ausschluss chirurgischer Studien bestehen
  • Dies unterstreicht den eigenständigen prognostischen Stellenwert der PCI

Aktuelle ESC-Leitlinien-Empfehlung

In der Zusammenschau empfiehlt die aktuelle ESC-Leitlinie eine Revaskularisation bei Patienten mit chronischem Koronarsyndrom, einer linksventrikulären Ejektionsfraktion über 35 % und Hochrisikoanatomie:

  • Funktionell relevante Hauptstammstenose
  • Signifikante Dreigefäßerkrankung
  • Ein- bzw. Zweigefäßerkrankung mit Beteiligung der proximalen LAD

Ziel ist die Verbesserung der Langzeitprognose.

Revaskularisation bei Herzinsuffizienz (HFrEF)

Auch bei Patienten mit Herzinsuffizienz und reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) infolge ischämischer Herzerkrankung (LVEF ≤ 35 %) stellt sich die Frage, ob eine Revaskularisation die Prognose verbessert.

Studienlage: STICH vs. REVIVED-BCIS2

Die Ergebnisse der STICH- und REVIVED-BCIS2-Studien werden weiterhin kontrovers diskutiert.

STICH-Studie (STICHES nach 10 Jahren):

In der STICH-Studie zeigte sich nach 10-jähriger Nachbeobachtung ein signifikanter Überlebensvorteil für die aortokoronare Bypassoperation im Vergleich zur alleinigen medikamentösen Therapie.

REVIVED-BCIS2-Studie:

Die REVIVED-BCIS2-Studie hingegen konnte für die PCI keinen prognostischen Vorteil in Bezug auf Gesamtmortalität oder Hospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz nachweisen.

Unterschiede zwischen den Studien:

  • Patientenkollektiv
  • Schweregrad der KHK
  • Vollständigkeit der Revaskularisation
  • Stand der medikamentösen Herzinsuffizienztherapie

Diese Unterschiede erschweren eine direkte Vergleichbarkeit. Dennoch unterstreichen sie, dass die Entscheidung über eine Revaskularisation bei schwer eingeschränkter LV-Funktion individualisiert und interdisziplinär erfolgen sollte.

ESC-Leitlinien-Empfehlung bei HFrEF

Nach aktueller ESC-Leitlinie sollte bei Patienten mit LVEF ≤ 35 % und koronarer Mehrgefäßerkrankung die Indikation zur Revaskularisation im Heart-Team diskutiert werden.

Empfohlenes Vorgehen:

  • Bypassoperation bei operablen Patienten zur Verbesserung der Prognose empfohlen
  • PCI bei inoperablen Hochrisikopatienten als Alternative erwogen

Komplette vs. partielle Revaskularisation

Das Ausmaß der Revaskularisation spielt sowohl im akuten als auch im chronischen Koronarsyndrom eine zentrale Rolle. Während im akuten Koronarsyndrom die COMPLETE-Studie einen klaren Vorteil einer vollständigen Revaskularisation hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse zeigte, ist die Evidenz im CCS weniger eindeutig.

Evidenz für vollständige Revaskularisation

Mehrere Analysen deuten jedoch darauf hin, dass eine möglichst vollständige Revaskularisation mit einer besseren Prognose assoziiert ist:

COURAGE-Studie (Substudie):

In einer Substudie der COURAGE-Studie war eine Reduktion der Ischämielast nach vollständiger PCI mit einer verbesserten Prognose verknüpft.

ISCHEMIA-Studie (Subanalyse):

Eine Subanalyse der ISCHEMIA-Studie zeigte, dass eine vollständige Revaskularisation mit einer geringeren Rate an kardiovaskulärem Tod oder Myokardinfarkt einherging.

Gepoolte Analysen (SYNTAX, PRECOMBAT, BEST):

Gepoolte Analysen der SYNTAX-, PRECOMBAT- und BEST-Studien bestätigten, dass eine vollständige Revaskularisation – insbesondere mittels PCI – mit einer niedrigeren Mortalitäts- und Infarktrate assoziiert war.

Praktische Empfehlung

Zu berücksichtigen ist, dass eine unvollständige Revaskularisation häufig ein Marker höherer anatomischer Komplexität und Komorbidität ist. Dies limitiert die Interpretation der Daten.

Dennoch legt die aktuelle Evidenz nahe, dass – sofern anatomisch und klinisch vertretbar – eine möglichst vollständige Revaskularisation anzustreben ist. Die Entscheidung sollte individualisiert unter Abwägung von Nutzen, Risiko und technischer Machbarkeit erfolgen.

PCI vs. Bypassoperation: Die richtige Strategie wählen

Bei sorgfältiger Patientenselektion können sowohl PCI als auch aortokoronare Bypassoperation exzellente Revaskularisationsergebnisse erzielen. Die Wahl der Strategie sollte individuell erfolgen.

Entscheidungskriterien:

  • Anatomische Komplexität
  • Linksventrikuläre Funktion
  • Relevante Komorbiditäten
  • Operationsrisiko
  • Lokale Expertise
  • Patientenpräferenz

Koronare Ein- oder Zweigefäßerkrankung

Ohne Beteiligung der proximalen LAD:

Bei signifikanter koronarer Ein- oder Zweigefäßerkrankung ohne Beteiligung der proximalen LAD und persistierender Angina pectoris trotz optimaler medikamentöser Therapie empfiehlt die ESC-Leitlinie eine PCI zur Symptomlinderung.

Mit Beteiligung der proximalen LAD:

Bei zusätzlicher Beteiligung der proximalen LAD können sowohl PCI als auch Bypassoperation als gleichwertige Verfahren in Betracht gezogen werden – sowohl in symptomatischer als auch prognostischer Indikation.

Koronare Herzerkrankung mit Beteiligung des linken Hauptstamms

Klassischerweise wurde die Hauptstammstenose chirurgisch behandelt. Doch moderne PCI-Techniken und DES-Technologie haben die PCI zu einer echten Alternative gemacht.

Metaanalyse (SYNTAX, PRECOMBAT, EXCEL, NOBLE):

Eine Metaanalyse der SYNTAX-, PRECOMBAT-, EXCEL- und NOBLE-Studien zeigte über fünf Jahre keinen signifikanten Unterschied in der Gesamtmortalität zwischen PCI und Bypassoperation. Das Risiko für spontane Myokardinfarkte und erneute Revaskularisationen war nach PCI höher, die Schlaganfallrate war vergleichbar.

ESC-Leitlinien-Empfehlung:

Bei operablen Patienten mit niedrigem Operationsrisiko:

  • Bypassoperation als bevorzugte Strategie

Bei anatomisch niedriger Komplexität (SYNTAX ≤ 22):

  • PCI als gleichwertige Alternative

Bei intermediärer Komplexität (SYNTAX 23–32):

  • PCI kann erwogen werden, sofern vollständige Revaskularisation erreichbar ist

Koronare Mehrgefäßerkrankung

Bei stabiler Mehrgefäßerkrankung ohne Hauptstammbeteiligung richtet sich die Wahl der Strategie nach mehreren Faktoren:

  • Anatomische Komplexität
  • LV-Funktion
  • Diabetesstatus
  • Operationsrisiko

SYNTAX-Studie:

In der SYNTAX-Studie zeigten Patienten mit niedriger bis intermediärer Komplexität (SYNTAX ≤ 32) keinen Überlebensunterschied zwischen PCI und Bypassoperation. Bei komplexerer Anatomie (SYNTAX ≥ 33) bestand ein Vorteil für die chirurgische Revaskularisation.

FAME-3-Studie:

Die FAME-3-Studie, die eine FFR-geführte PCI mit moderner DES-Technologie mit der Bypassoperation verglich, fand keinen signifikanten Unterschied im kombinierten Endpunkt aus Tod, Schlaganfall oder Myokardinfarkt.

ESC-Leitlinien-Empfehlung bei Dreigefäßerkrankung

Ohne Diabetes mellitus (LVEF > 35 %):

Die ESC-Leitlinie empfiehlt bei Patienten mit signifikanter Dreigefäßerkrankung und erhaltener linksventrikulärer Funktion ohne Diabetes mellitus die aortokoronare Bypassoperation als bevorzugte Revaskularisationsstrategie. Ziel ist die Verbesserung von Symptomen und Langzeitprognose.

Bei geringer oder intermediärer anatomischer Komplexität und der Möglichkeit einer vollständigen Revaskularisation wird die PCI als gleichwertige Alternative empfohlen.

Mit Diabetes mellitus:

Bei Patienten mit Diabetes mellitus zeigte die FREEDOM-Studie eine geringere Mortalität und Infarktrate nach Bypassoperation, jedoch mit leicht erhöhtem Schlaganfallrisiko.

Entsprechend empfiehlt die ESC-Leitlinie bei dieser Gruppe primär die Bypassoperation zur Prognoseverbesserung, während die PCI bei hohem Operationsrisiko eine sinnvolle Alternative darstellt.

Rolle der intrakoronaren Bildgebung

Der Einsatz intrakoronarer Bildgebung (IVUS, OCT) verbessert im Vergleich zur rein angiographischen Beurteilung nachweislich die Sicherheit und Wirksamkeit der PCI.

Vorteile der intrakoronaren Bildgebung:

Studien zeigen unter Einsatz eines Bildgebungsverfahrens eine geringere Rate an:

  • Tod
  • Myokardinfarkt
  • Reintervention
  • Stentthrombose

ESC-Leitlinien-Empfehlung

Die aktuelle ESC-Leitlinie empfiehlt den Einsatz invasiver Bildgebungsverfahren insbesondere bei komplexen Koronarinterventionen:

  • Hauptstammstenosen
  • Bifurkationen
  • Lange Läsionen

Entwicklung in Deutschland

Auch in Deutschland nimmt der Einsatz dieser Techniken zu. Laut Herzbericht 2025 stieg der Anteil intrakoronarer Bildgebung im Rahmen einer PCI:

  • 2020: 3,8 %
  • 2023: 6,5 %

Physiologische Messungen (z. B. FFR, iFR) wurden weiterhin konstant bei ca. 8 % der Prozeduren eingesetzt.

Fazit: Invasive Diagnostik als gezieltes Instrument

Die invasive Diagnostik des chronischen Koronarsyndroms ist ein gezieltes Instrument im Rahmen der koronaren Stufendiagnostik. Unterstützt durch Druckdrahtmessung und intrakoronare Bildgebung ermöglicht die moderne Koronarangiographie eine sowohl morphologische als auch funktionelle Beurteilung angiographisch relevanter Befunde.

Ziele der Revaskularisation im Rahmen der PCI:

Die Revaskularisation verfolgt einerseits das Ziel der Symptomlinderung bei Patienten mit persistierender Angina trotz leitliniengerechter konservativer Therapie. Andererseits strebt sie eine Verbesserung der Prognose bei Hochrisikoanatomie an.

Individualisierte Therapieentscheidung:

Besonders bei komplexen Koronarbefunden bleibt die individualisierte Therapieentscheidung im Heart Team entscheidend. Dabei werden anatomische, funktionelle und patientenspezifische Aspekte berücksichtigt.

Bedeutung der konservativ-medikamentösen Therapie:

Darüber hinaus bleibt eine optimale konservativ-medikamentöse Therapie des CCS entscheidend, da sie die Langzeitprognose dieses Patientenkollektivs nachhaltig verbessert.

ZUSAMMENFASSUNG 

Invasive Diagnostik chronisches Koronarsyndrom: Das Wichtigste im Überblick 

Das chronische Koronarsyndrom (CCS) umfasst die stabile klinische Phase der koronaren Herzerkrankung. Die invasive Diagnostik des chronischen Koronarsyndroms erfordert einen risikoadaptierten, stufenweisen diagnostischen Ansatz im Rahmen der Therapieplanung.

Wann kommt invasive Diagnostik zum Einsatz?

Die invasive Koronardiagnostik stellt ein gezieltes Instrument am Ende der Stufendiagnostik dar. Sie wird eingesetzt, wenn:

  • Nicht-invasive Verfahren eine weiterführende Abklärung erforderlich machen
  • Eine primär sehr hohe Prätestwahrscheinlichkeit für eine revaskularisationsbedürftige KHK besteht

Moderne Technologien für präzise Diagnostik:

Neben der anatomischen Darstellung ermöglicht die moderne Koronarangiographie durch den Einsatz moderner Verfahren eine funktionelle und morphologische Beurteilung von Koronarstenosen:

  • Druckdrahtmessung (FFR, iFR)
  • Intrakoronare Bildgebung (IVUS, OCT)

Ziele der Revaskularisation im Rahmen der PCI:

Die Revaskularisation verfolgt vorrangig zwei Hauptziele:

  1. Symptomlinderung: Bei Patienten mit persistierender Angina pectoris trotz leitliniengerechter konservativer Therapie
  2. Prognostische Vorteile: Bei Hochrisikoanatomien kann die Revaskularisation Vorteile gegenüber einer rein medikamentösen Therapie bieten

Wahl der Revaskularisationsstrategie: PCI vs. Bypass

Die Wahl der Revaskularisationsstrategie (PCI vs. Bypass) richtet sich nach mehreren Faktoren:

  • Anatomische Faktoren der Koronarläsionen
  • Komorbiditäten
  • Lokale Expertise des Behandlungsteams
  • Operationsrisiko
  • Patientenpräferenz

PCI in Deutschland:

Während die PCI in Deutschland den überwiegenden Teil aller Revaskularisationen ausmacht und bei den meisten Patienten eine sichere und effektive Therapieoption darstellt, kann die aortokoronare Bypassoperation bei sehr komplexer Mehrgefäßerkrankung langfristige Vorteile bieten. Dies gilt insbesondere bei:

  • Hauptstammbeteiligung
  • Diabetes mellitus

Bedeutung der konservativ-medikamentösen Therapie:

Darüber hinaus bleibt eine optimale konservativ-medikamentöse Therapie des CCS entscheidend, da sie die Langzeitprognose dieses Patientenkollektivs nachhaltig verbessert.

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Autoren A. Asmussen, C. von zur Mühlen

Korrespondenzadressen:

Dr. med. Alexander Asmussen
Prof. Dr. med. Constantin von zur Mühlen
Klinik für Kardiologie und Angiologie,
Department Universitäts-Herzzentrum Freiburg – Bad Krozingen

Universitätsklinik Freiburg, Medizinische Fakultät, Universität Freiburg
Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg i. Br.
E-Mail: alexander.asmussen@uniklinik-freiburg.de

constantin.vonzurmuehlen@uniklinikfreiburg.de

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