Symptome wie beim Herzinfarkt: 80 bis 90 Prozent der Takotsubo-Betroffenen sind Frauen zwischen 65 und 75 Jahren. Das Broken-Heart-Syndrom wird meist durch emotionalen oder körperlichen Stress ausgelöst und kann zu schwerer Herzschwäche führen.
Broken-Heart-Syndrom
Auch Stress-Kardiomyopathie genannt, ist das Broken-Heart-Syndrom eine plötzlich auftretende Herzmuskelschwäche, die vor allem durch emotionalen Stress – auch in Kombination mit physischem Stress wie extremer körperlicher Anstrengung – ausgelöst wird. „Beim Broken-Heart-Syndrom lässt die Pumpleistung des Herzens akut nach, es kommt zu einer lebensbedrohlichen Situation. Die Symptome ähneln denen eines Herzinfarkts, es liegt allerdings kein Verschluss eines Herzkranzgefäßes vor“, erklärt die Kardiologin Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung.
Die Herzspitze ist wie ein Ballon aufgetrieben
Eine Herzkatheteruntersuchung macht die Herzkranzgefäße und die linke Herzkammer auf einem Monitor sichtbar, es zeigt sich: Die Herzkranzgefäße sind weder verengt noch wie bei einem Herzinfarkt durch ein Blutgerinnsel verschlossen. Stattdessen sehen die Ärzte eine Auffälligkeit im Bereich der linken Herzkammer. „Die Herzbasis bewegt sich kräftig, während die Herzspitze wie ein Ballon aufgetrieben ist und stillsteht“, erklärt Dr. Birke Schneider, ehemalige Chefärztin der Abteilung Kardiologie und Angiologie an den Sana Kliniken Lübeck. Das ist typisch für ein sogenanntes Takotsubo-Syndrom (TTS), erstmals 1990 in Japan beschrieben und wegen der Silhouette der linken Herzkammer nach der japanischen Tintenfischfalle benannt (Japan. „tako“: Oktopus, „tsubo“: Pott). Das TTS ist auch bekannt als Broken-Heart-Syndrom: Von 100 Betroffene mit Verdacht auf einen Herzinfarkt haben ein bis drei ein „gebrochenes Herz“, wie man im Volksmund zu der Erkrankung sagt.
Auslöser sind emotionaler und körperlicher Stress
„Was so harmlos klingt, ist eine ernstzunehmende akute Herzschwäche (Herzinsuffizienz). Die Betroffenen sind zu 80 bis 90 Prozent Frauen im Alter von 65 bis 75 Jahren“, erklärt die Herz- und Gefäßspezialistin Prof. Tiefenbacher, Chefärztin der Klinik für Kardiologie und Gefäßmedizin am Marien-Hospital in Wesel. Prinzipiell können auch Männer betroffen sein, selten Kinder und Jugendliche. Auslöser bei Frauen sind häufig emotionaler Stress wie etwa der Tod eines nahestehenden Menschen, heftiger Streit in der Familie, die Diagnose einer Tumorerkrankung, Panik und große Angst. Bei Männern überwiegen körperliche Trigger, vor allem ungewohnte Anstrengungen, Lungenerkrankungen mit Anfällen von Luftnot, Unfälle oder Operationen. Bei bis zu einem Drittel der Betroffenen allerdings gibt es kein auslösendes Ereignis. In acht bis neun Prozent der Fälle findet sich eine Kombination von emotionalem und physischem Stress. Dr. Schneider hat 2005 ein erstes zentrales Takotsubo-Register der Arbeitsgemeinschaft Leitende Kardiologische Krankenhausärzte (ALKK) initiiert, um hierzulande das ungewöhnliche Krankheitsbild und seinen Verlauf anhand einer größeren Anzahl von Betroffenen genauer zu charakterisieren.
Die Herzmuskelzellen werden geschädigt – Frühwarnzeichen bleiben aus
Was genau im Herzen passiert, ist noch unzureichend geklärt. Tatsache ist: beim Takotsubo-Syndrom steigen die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin extrem an – teils deutlich höher als beim Herzinfarkt. Besonders Frauen nach den Wechseljahren sind betroffen. Die Folge: Schädigung der Herzmuskelzellen, Durchblutungsstörungen und Wassereinlagerungen im Herzmuskel. Typische Symptome sind plötzlich auftretende Brustschmerzen, Luftnot, Übelkeit oder Schwindel. Frühwarnzeichen gibt es keine – im Gegensatz zum Herzinfarkt, bei dem Beschwerden oft schon vorab auftreten.
Lebensbedrohliche Komplikationen bei bis zu 50 Prozent möglich
Das Elektrokardiogramm (EKG) zeigt im Unterschied zur Herzkatheteruntersuchung im Akutstadium ähnliche Veränderungen wie bei einem Herzinfarkt. Erst nach zwei bis fünf Tagen sind im EKG-Verlauf Unterschiede zum Infarkt zu sehen. Bei bis zu 50 Prozent der Patienten können akute lebensbedrohliche Komplikationen auftreten wie unter anderem eine schwere Herzschwäche, ein Kreislaufschock, Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern mit schnellem Puls oder Rhythmusstörungen aus der Herzkammer, die unbehandelt zum plötzlichen Herztod führen können. Bei manchen Patienten bilden sich Blutgerinnsel in der linken Herzkammer. „Wegen der häufig auftretenden Komplikationen ist es wichtig, die Betroffenen auf einer Intensivstation über 48 bis 72 Stunden an einem Monitor zu überwachen und eine Herzultraschalluntersuchung durchzuführen“, erklärt die Lübecker Kardiologin. Ein entscheidender Marker für die Diagnose eines TTS sind die Blutwerte. Im Vergleich zum akuten Herzinfarkt sind die Herzenzyme Troponin und Creatinkinase (CK) beim TTS nur gering erhöht. Aufgrund der akuten Herzschwäche sind aber die „Herzhormone“, die sogenannten natriuretischen Peptide, zwei- bis vierfach stärker erhöht als beim Herzinfarkt. Diese regen die Nieren an, mehr Natrium und Wasser auszuscheiden. Um die Diagnose eines Broken-Heart-Syndroms abzusichern, nehmen die Ärzte häufig eine Magnetresonanztomografie des Herzens vor. „Im Gegensatz zum Herzinfarkt sieht man auf der Aufnahme keine Narben im Bereich der Herzwand“, betont Dr. Schneider.
Dass das TTS offenbar auch langfristige Risiken birgt, geht aus Daten aus dem „Scottish Takotsubo Registry“ (2024) hervor. Die Studie mit 620 Betroffenen mit diagnostizierter Takotsubo-Herzschwäche ergab, dass das Sterberisiko nach einer überwundenen TTS-Episode im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöht bleibt [1].
Herz pumpt nach wenigen Tagen wieder normal
Die Akutbehandlung des Takotsubo-Syndroms ähnelt der bei Herzschwäche: Es werden meist wassertreibende und blutverdünnende Medikamente gegeben, bei Bedarf auch Beatmung oder Herzunterstützungssysteme eingesetzt. Die Herzfunktion normalisiert sich meist nach wenigen Tagen, selten dauert es länger. In dieser Zeit besteht das Risiko, dass Blutgerinnsel aus der linken Herzkammer in die Blutbahn gelangen und Gefäße verstopfen. Zwischen vier und zehn Prozent der Menschen, die ein Broken-Heart-Syndrom hinter sich haben, erleiden im Laufe ihres Lebens nach Monaten und Jahren einen Rückfall. Es wurden auch mehrere Rückfälle in größeren zeitlichen Abständen beobachtet. „Bisher sind keine Medikamente bekannt, die ein Rezidiv verhindern.“, sagt die Kardiologin Dr. Schneider. Da hilft auf jeden Fall eins: Wenn möglich, den Stress reduzieren.
Referenz:
- Cardiovascular and Noncardiovascular Prescribing and Mortality After Takotsubo, JACC 2024, DOI: 10.1016/j.jacadv.2023.100797
Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Herzstiftung vom 18.11.2025



