Der katheterbasierte Verschluss des linken Vorhofohrs gilt seit Jahren als wichtige Alternative zur dauerhaften Blutverdünnung bei Vorhofflimmern. Eine jetzt im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlichte Multicenter-Studie des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) liefert jedoch überraschende Ergebnisse: Bei Patienten mit gleichzeitig hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko zeigte das Verfahren keinen Vorteil gegenüber einer modernen, individuell gesteuerten medikamentösen Therapie.
Vorhofflimmern: Häufige Erkrankung mit gefährlichen Folgen
Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung in Deutschland – schätzungsweise 1,5 bis 2 Millionen Menschen sind betroffen. Bei der Erkrankung schlagen die Vorhöfe des Herzens unregelmäßig und oft sehr schnell, was Symptome wie Herzrasen, Erschöpfung oder Luftnot verursachen kann. Die schwerwiegendste Komplikation ist jedoch das erhöhte Schlaganfallrisiko: Durch die unregelmäßige Herzaktivität können sich Blutgerinnsel bilden, die in den Kreislauf gelangen und einen Schlaganfall auslösen.
Blutverdünnung als Standard – aber nicht für alle geeignet
Zur Schlaganfallprävention werden bei Vorhofflimmern in der Regel Antikoagulanzien – blutverdünnende Medikamente – eingesetzt. Für viele Patienten ist diese Therapie sicher und gut verträglich. Bei bestimmten Gruppen jedoch, etwa bei Personen mit früheren Blutungen, eingeschränkter Nierenfunktion oder schweren Begleiterkrankungen, ist das Blutungsrisiko unter Antikoagulation erheblich erhöht. Für sie stellt die dauerhafte medikamentöse Blutverdünnung eine besondere Herausforderung dar.
Das Verfahren: Katheterbasierter Vorhofohrverschluss
Als Alternative wurde vor rund zwei Jahrzehnten der katheterbasierte Verschluss des linken Vorhofohrs entwickelt. Das linke Vorhofohr ist eine sackartige Ausstülpung im Herzvorhof, in der die meisten Blutgerinnsel entstehen. Über einen Katheter wird ein sogenannter Okkluder eingesetzt, der diese Ausstülpung dauerhaft verschließt und so verhindert, dass Gerinnsel in den Blutkreislauf gelangen. Das Verfahren hat sich insbesondere bei Patienten mit Vorhofflimmern und erhöhtem Blutungsrisiko etabliert.
Die CLOSURE-AF-DZHK16-Studie: Erstmals belastbare Daten
Ob der Vorhofohrverschluss bei Patienten mit gleichzeitig hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko mindestens ebenso wirksam ist wie eine moderne medikamentöse Therapie, war bislang nicht in einer großen randomisierten Studie untersucht worden. Ein Forschungskonsortium unter Leitung von Prof. Dr. med. Ulf Landmesser vom DHZC schloss in der CLOSURE-AF-DZHK16-Studie an 42 spezialisierten Zentren insgesamt 912 Teilnehmende ein. Diese wurden per Zufallsprinzip entweder dem interventionellen Verfahren oder einer individuell gesteuerten medikamentösen Therapie zugeteilt. Die Nachbeobachtung erfolgte über einen Zeitraum von im Median drei Jahren.
Zentrale Ergebnisse: Kein Vorteil des Eingriffs nachweisbar
Die Ergebnisse sind eindeutig: Im Beobachtungszeitraum zeigte der Vorhofohrverschluss gegenüber der medikamentösen Therapie keinen Vorteil. Die Häufigkeit schwerwiegender Ereignisse – darunter Schlaganfälle, schwere Blutungen und kardiovaskuläre Todesfälle – war in der Interventionsgruppe sogar häufiger als in der Vergleichsgruppe. Die angestrebte Gleichwertigkeit konnte statistisch nicht nachgewiesen werden.
„Der Vorhofohrverschluss bleibt ein relevantes Verfahren, das das Schlaganfallrisiko reduzieren kann. Entscheidend ist jedoch, für welche Patientengruppen er tatsächlich einen zusätzlichen Nutzen bringt. Genau hier besteht weiterer Forschungsbedarf”, so Prof. Landmesser.
Bedeutung für Klinik und Leitlinien
Die Studie liefert erstmals eine belastbare Grundlage für die klinische Entscheidungsfindung bei dieser besonders gefährdeten Patientengruppe. Angesichts der hohen Verbreitung von Vorhofflimmern und einer alternden Bevölkerung haben die Ergebnisse unmittelbare Relevanz für die Praxis. Sie sprechen für eine stärker individualisierte Therapieentscheidung und werden in die Weiterentwicklung medizinischer Leitlinien einfließen. Weitere Studien sollen klären, welche Patient:innen konkret von einem Vorhofohrverschluss profitieren – und ob eine Kombination mit medikamentöser Blutverdünnung Vorteile bieten könnte.
Originalpublikation: Landmesser U et al. Left Atrial Appendage Closure or Medical Therapy in Atrial Fibrillation. N Engl J Med 2026 Mar 18. doi: 10.1056/NEJMoa2513310
Quelle: Deutsches Herzzentrum der Charité



