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Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Alter

Ältere Patientin mit ADHS

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Alter

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ADHS

mgo medizin Redaktion

Verlag

11 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS ) hat eine Prävalenz von 3,0 % [1, 2] und ist damit eine häufige Störung im psychiatrischen Fachgebiet. Umso erstaunlicher, dass es bisher eine Unterversorgung in der Diagnostik und Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter gibt. Dabei gilt: Je älter die ADHS-Erwachsenen werden, desto seltener werden sie diagnostiziert. Im Alter spielen die Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen ebenso wie affektive Erkrankungen, insbesondere die Depression eine große Rolle. Dies ist auch eine Herausforderung bei der Differentialdiagnose ADHS.

Wie häufig zeigt sich ADHS in den verschiedenen Lebensabschnitten?

Diese Frage ist gar nicht einfach zu beantworten, weil die Diagnostik in höherem Lebensalter unterschiedlich erfasst wird und die Prävalenz im Alter abnimmt, wenn auch nicht deutlich [3]. Eine deutsche Studie , die auch ADHS-Symptome in der Kindheit erfasst, zeigte in der Altersgruppe 40–59 Jahre eine Prävalenz von 3,1 % und in der Altersgruppe 60–80 Jahre von 2,1 % [4]. Zu berücksichtigen ist hierbei, dass die Lebenserwartung nach einer neuen englischen Studie bei Frauen mit ADHS um 9 Jahre und bei Männern mit ADHS um 7 Jahre verkürzt ist. Das ist mehr als bei vielen Tumorerkrankungen und diese Fakten sind auch eine der Erklärungen, warum im höherem Alter ADHS tatsächlich eine niedrigere Prävalenz zeigt [5].
Nach wie vor existieren jedoch zu wenige Studien und Daten, um eine fundierte Analyse der Prävalenz oder des Verlaufs von ADHS im Alter zu ermöglichen.
Auch im höheren Lebensalter treten die Kernsymptome der ADHS weiterhin deutlich zutage. Deshalb ist es wichtig, diese zu kennen und gezielt zu erfragen. Meist berichten uns Patientinnen und Patienten nicht spontan darüber, weil sie ja als ADHS-Betroffene auf die Welt gekommen sind und sich meist wenig Gedanken darüber gemacht haben, dass andere Menschen anders wahrnehmen, reagieren und handeln könnten. Auch im Alter leiden ADHS-Betroffene unter Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen und unter erhöhter Ablenkbarkeit. Wie schon im Erwachsenenalter typisch entwickeln 35–50 % der ADHS-Betroffenen zusätzlich eine Depression, die dann die ADHS-Symptome überlagern kann. Meist kommen ältere ADHS-Betroffene in Behandlung, weil sie zusätzlich unter Depressionen, Angststörungen, Essstörungen oder Suchterkrankungen leiden. Ohne eine genaue Befragung und gründliche Anamneseerhebung kann die ADHS-Symptomatik oft nicht erfasst und damit auch nicht störungsspezifisch behandelt werden.
Aktuell haben sich die ADHS Diagnosen verdreifacht, liegen aber immer noch deutlich unter der erwarteten Prävalenzrate [7]. Dabei werden die meisten Diagnosen bei Patientinnen und Patienten in der ersten Lebenshälfte gestellt.
Leider gibt es bisher nur wenige aussagefähige Studien für die Altersgruppe über 50 Jahren. Eine Studie von Torgersen et al. [8] zeigt, dass im Alter ADHS-Betroffene häufiger Singles sind (42 % versus 25 %). Auch sind sie häufiger arbeitslos und sie berichten von einer reduzierten Lebensqualität. Es zeigen sich mehr Scheidungen und weniger Kontakt zu anderen Familienmitgliedern. Weiterhin wurden schwierigere Lebensläufe und ein schlechteres Selbstwertgefühl gefunden. Das Thema Einsamkeit im Alter wird umso schwerwiegender, je weniger Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden bestehen. Und bei ADHS-Betroffenen zeigt sich häufig im gesamten Lebenslauf eine Beeinträchtigung ihrer sozialen Kompetenz, welche im Zusammenhang mit einer eingeschränkten Affektkontrolle und ihrer emotionalen Dysregulation stehen kann [9].
In der Gruppe der 70–80-jährigen Patientinnen und Patienten sinken die ADHS-Symptome, bzw. andere körperliche Erkrankungen stehen dann mehr im Vordergrund.
Bei der Hälfte aller ADHS-Patientinnen und Patienten wurden psychiatrische Begleiterkrankungen wie Depressionen und Angststörungen gefunden. Bei älteren ADHS-Patientinnen und Patienten zeigten sich auch häufiger somatische Erkrankungen wie eine Schilddrüsenunterfunktion (21 %), Fibromyalgie (19 %) Gelenkbeschwerden 16 % und chronische Schmerzen 73 % [10].
Frauen mit ADHS in der Menopause haben mehr Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen, Gelenkschmerzen oder Schlaflosigkeit.

ADHS und dementielle Erkrankungen

Es kann schwierig sein ADHS im fortgeschrittenen Lebensalter gegenüber Demenz abzugrenzen (▶ Tab. 1) [11].

Differentialdiagnose ADHS und Demenz; mod nach [11].
Tab. 1: Differentialdiagnose ADHS und Demenz; mod nach [11].

Außerdem stellt ADHS einen Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz dar, denn ADHS-Betroffene haben oft eine schlechtere Gesundheitsvorsorge und neigen dazu, ihre Gesundheit zu vernachlässigen. Durch ihre ADHS-bedingte verminderte Planungsfunktionen ernähren sie sich öfter suboptimal, leiden 3-mal häufiger unter Adipositas [13] sowie häufiger unter Nikotin- oder Alkoholabhängigkeit, Typ-2-Diabetes [12] und Bluthochdruck. Weiterhin haben sie ein schlechteres Krankheitsmanagement von chronischen Erkrankungen, weil es für sie häufig schwieriger ist, ein Therapieregime konsequent einzuhalten und regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Hinzu kommen oft noch mangelnde Bewegung und erhöhter Internetkonsum, die ebenfalls zu zahlreichen Gesundheitsrisiken beitragen. Auch soziale Isolation und eine schlechtere Lebensbilanz sind Auswirkungen der lebenslangen ADHS. Es ist zu vermuten, dass die Lebensführung bei ADHS die Demenz begünstigt und nicht die ADHS als solche.

Demenz und ADHS [15]

  • Demenz ist im Alter bei ADHS bis zu dreimal häufiger
  • Hier akkumulieren wahrscheinlich die ADHS-Symptome im Lebensverlauf
  • Rauchen, zu viel Alkohol, Suchtentwicklung
  • Schlechte Ernährung
  • Schlechtere Gesundheitsfürsorge
  • Schlechtes Management von chronischen Erkrankungen
  • Wenig Bewegung, zu viel Internetkonsum
  • Übergewicht, Typ-2-Diabetes
  • Bluthochdruck
  • Häufigere Auftreten von Depression
  • Soziale Isolation
  • Weniger stabiles soziales Umfeld
  • Schlechtere Lebensbilanz


Eine taiwanesische Studie zeigte, dass das Risiko bis zu 3,5-mal höher ist eine Alzheimer-Demenz zu entwickeln [14, 15]. Eine schwedische Registerstudie konnte nachweisen (bei n = 1,3 Mio.) dass eine mild cognitive impairment bis hin zu einer Demenz um den Faktor 3 erhöht war. Dies zeigte sich insbesondere in Verbindung mit Suchterkrankungen und affektiven Störungen [3, 16].

Was wir aktuell wissen

ADHS wird im Alter nicht ausreichend wahrgenommen [8]. Die Symptomatik ist häufig auch schwierig einzuordnen, da sich andere gesundheitliche Risiken wie Rauchen, Übergewicht und Bluthochdruck überlagern. Weiterhin ist es oft fast unmöglich nachzuweisen, ob die ADHS in der Kindheit bereits vorhanden war, wobei das für die Diagnostik der ADHS im Erwachsenenalter wichtig wäre. Kaum noch ein ADHS-Patient erinnert sich über 50 Jahre, wie er als Kind gewesen ist und welche Probleme er damals gehabt hatte. Auch eine Fremdanamnese der Eltern ist meist nicht zu bekommen. Hilfreich kann es sein, die Partner zu befragen, welche Probleme sie in der Alltagsbewältigung sehen.

Wie wird ADHS im Alter diagnostiziert?

Es gibt nur einen validierten Fragebogen [15] für ADHS im Alter und das ist der Wender Reimherr-Interview bei Senioren mit ADHS.

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