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Kulturelle und religiöse Sensibilität in der Darmkrebsvorsorge bei Migrant*innen

Arzt hält leuchtende Darm-Illustration – Symbolbild für Darmkrebsvorsorge und Darmkrebsfrüherkennung

Quelle: © mi_viri – stock.adobe.com

Kulturelle und religiöse Sensibilität in der Darmkrebsvorsorge bei Migrant*innen

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mgo medizin Redaktion

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Erschienen in: onkologie heute

Krebsfrüherkennung ist ein entscheidender Faktor, um die Krebsmortalität langfristig zu senken und Heilungschancen zu verbessern. In Deutschland gibt es Screening-Programme, die die Inzidenz und Mortalitätsraten bei Darmkrebs deutlich verbessert haben. Doch Menschen mit Migrationshintergrund werden dabei nicht ausreichend berücksichtigt.

Darmkrebs ist eine der häufigsten und tödlichsten Tumorerkrankungen der Welt. Weltweit erkranken pro Jahr ca. 1,9 Millionen Menschen neu an der Erkrankung und 900.000 Menschen sterben daran. Darmkrebs ist in hohem Maß präventionssensibel. Die Überlebenswahrscheinlichkeit ist dabei sehr Stadien-abhängig, weshalb Früherkennung so wichtig ist.

Barbara John, Wertheim, Deutschland, sprach auf dem DKK über die Relevanz kultureller und religiöser Sensibilität in der Darmkrebsvorsorge bei Migrant*innen. Dies sei ein häufig vernachlässigter Aspekt in der Onkologie und auch die Politik steuere aktuell nichts dazu bei, dies zu ändern.

Sie zeigte auf, dass migrantische Gruppen in der Vorsorge nachweislich weniger gut erreicht werden, als Deutsche. Dennoch fehlen in Deutschland bis heute differenzierte Routinedaten zur Teilnahme von Menschen mit Migrationshintergrund an der Darmkrebsvorsorge.

Schätzungen zufolge haben von rund 4,7 Millionen Menschen mit Krebsdiagnose in Deutschland etwa 16 Prozent einen Migrationshintergrund. Vorsorgeprogramme müssen deshalb die gesellschaftliche Realität abbilden, tuen es jedoch aktuell nicht.

Teilnahme an Vorsorge ist keine Frage der Herkunft

Nicht jede Bevölkerungsgruppe nimmt gleich stark an der Darmkrebsvorsorge teil. Menschen mit bestimmten Migrationsgeschichten nehmen signifikant seltener an der Vorsorge teil. Menschen die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, unterscheiden sich hingegen kaum von der Mehrheitsbevölkerung. Regionale Unterschiede, auch innerhalb Deutschlands, deuten auf systemische Effekte hin. Das heißt konkret, dass die Herkunft zwar eine Rolle spielt, doch Systeme können diese Unterschiede ausgleichen, indem die Zugangsvoraussetzungen angepasst werden.

Das Ziel müsse sein, die Erkrankungs- und Sterbefällen innerhalb von 10 Jahren zu halbieren – durch verbesserte Einladungsverfahren. „Screening wirkt nur, wenn wir die Menschen erreichen. Auch die Migranten“, sagte John.

Erhöhtes Risiko plus geringerer Zugang führen zu struktureller Vulnerabilität

John zeigte auf, warum Menschen mit Migrationsgeschichte besonders gefährdet sind, und nannte dafür folgende Faktoren:

  • Kombination aus höherem Risiko und geringerer Vorsorgenutzung
  • Ernährungsumstellung bei Migration (westlichere Ernährungsgewohnheiten mit mehr Fett und weniger Ballaststoffen)
  • Fehlendes Präventionsbewusstsein durch andere Gesundheitskonzepte
  • Sozioökonomische Faktoren
  • Fehlende zielgruppenspezifische Gesundheitsaufklärung

Die Kombination von einem erhöhten Risiko und gleichzeitig einem geringeren Zugang zu Früherkennungsprogrammen führe dabei zu struktureller Vulnerabilität.

Barrieren zur Darmkrebsfrüherkennung bei Migrant*innen

Darmkrebsvorsorge scheitere selten an der Medizin selbst, sondern vor allem an Kommunikation, Vertrauen und Systemstrukturen. Kulturelle, religiöse, sprachliche und wissensbezogene Barrieren zeigen sich beispielsweise in kulturspezifischen Krankheitsverständnissen. (Krebs)erkrankungen werden beispielsweise tabuisiert und deshalb nicht angesprochen. Geschlechterrollen und religiöse Sensibilitäten bilden weitere Barrieren, die berücksichtigt werden sollten. Sprachliche Barrieren ließen sich auch durch muttersprachliche Materialien überwinden, an denen es jedoch aktuell mangelt, genauso wie an professionellen Dolmetschern.

Auch mangelnde Orientierung im und Misstrauen in das Gesundheitssystem, sowie Zeitmangel und Kommunikationsdefizite auf Seite der Behandelnden, fehlende kulturunsensible Versorgungsstrukturen, sozioökonomische Belastungen und schlechte Erreichbarkeit bestimmter Zielgruppen seien weiter Barrieren.

 „Gute Programme reichen nicht, wenn sie strukturell nicht erreichbar sind,“ betonte John.

Versorgungsgerechtigkeit ist eine politische Gestaltungsaufgabe

Das Fazit einer Studie der Universität Witten/Herdecke zur Darmkrebsvorsorge bei Menschen mit Migrationsgeschichte ist, dass Maßnahmen zur Aufklärung sprachlich und kulturell sensibel angepasst werden müssen, um den Bedürfnissen der Zielgruppe gerecht zu werden. Die Verbesserung der Kommunikation und Informationsbereitstellung sei der Schlüssel zur gerechten Darmkrebsvorsorge.

John appellierte in ihrem Vortrag auch an die Politik, dass kultursensible Vorsorge politische Rahmensetzungen benötigt, die bisher nicht gegeben sind.

Sie forderte

  • eine nationale Strategie für kultursensible Prävention,
  • eine Integration kultursensibler Konzepte in Einladungssysteme,
  • die Einbindung von Migrantenorganisationen in Screening Programme,
  • eine nachhaltige Finanzierung von Dolmetsch- und Schulungsprogrammen,
  • Gesundheitsbildung in Sprach- und Integrationskursen,
  • und Versorgungsforschung und Evaluation als Standard.

Darmkrebsprävention ist ein Recht für Alle

Zusammenfassend formulierte John in Ihrer Kernbotschaft: „Darmkrebsprävention ist ein Recht für Alle“. Denn: Sie rette Leben, schaffe echte Versorgungsgerechtigkeit, stärke das Vertrauen in unser Gesundheitssystem und sei ökonomisch sinnvoll, indem sie hohe Behandlungstherapien vermeide. Darmkrebsprävention sei mehr als Medizin. Prävention sei Gesundheitsversorgung, Sozialpolitik und Ökonomie zugleich. „Die größte Herausforderung und auch unsere Stärke liegt darin, Brücken zu bauen – zwischen Medizin und Gesellschaft, zwischen Kulturen, zwischen System und Lebensrealität“, schloss John.

Quelle: John, Barbara. „Kulturelle und religiöse Sensibilität in der Darmkrebsvorsorge bei Migrant*innen.“ Vortrag im Rahmen der Sitzung: „Darmkrebsprävention im 21. Jahrhundert: Chancen und Herausforderungen“ auf dem Deutschen Krebskongress, 18.02.2026.

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