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Hinter den Kulissen des Fielmann-Augenscreenings

Symbolbild für Augenuntersuchung mit KI und Screening

Quelle: miss irine / stockadobe.com

Hinter den Kulissen des Fielmann-Augenscreenings

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Hinterer Augenabschnitt

mgo medizin Redaktion

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7 MIN

Erschienen in: CONCEPT Ophthalmologie

Unter dem Motto „Augenscreening im Fokus“ ging es um Praxis, Befunde und Perspektiven: Am 15. April 2026 gab es beim 69. Fielmann Akademie Kolloquium detaillierte Einblicke in den von Ocumeda entwickelten „Augen‑Check‑up“, der in den Fielmann-Filialen angeboten wird. Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. med. Dipl.-Ing. (FH) Hans-Jürgen Grein, wissenschaftlicher Leiter der Fielmann Akademie Schloss Plön, sprachen anwendende Experten aus Optik und Ophthalmologie. Mit insgesamt 450 Anmeldungen verzeichnete die Veranstaltung außergewöhnlich hohes Interesse.

Ocumeda vernetze Augenärzte und Optiker, um den Menschen einen einfachen und niederschwelligen Zugang zur Augengesundheitsvorsorge zu ermöglichen, stellte Priv. Doz. Dr. med. Catharina Busch, Oberärztin an der Augenklinik der Universitätsklinik Leipzig und ärztliche Leitung bei der Ocumeda GmbH das Unternehmen vor.

Derzeit noch ohne KI

Zielgruppe des „Augen-Check-ups“ seien vor allem Erwachsene über 40 Jahre, bei denen der letzte Augenarztkontakt fünf Jahre oder länger zurück liege. Augenoptiker sehen diese Menschen häufiger und können im Rahmen der Refraktionsbestimmung über das Thema der Augengesundheitsversorgung aufklären. Die Erfassung der relevanten Untersuchungsparameter werde durch zertifizierte Augenoptiker durchgeführt, da gute Datenqualität die Basis für eine zuverlässige Befunderstellung sei. Die Auswertung erfolge im Schnitt innerhalb von 30 Stunden über die Ocumeda-Plattform durch qualifizierte Augenärzte, derzeit noch ohne den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Die Kunden erhalten einen individuellen Befund, der mithilfe eines Ampelsystems die jeweiligen Auffälligkeiten einordnet und um konkrete Handlungsempfehlungen ergänzt werde. Ocumeda stelle keine Diagnosen und gebe keine Therapieempfehlungen. Im Falle eines Handlungsbedarfs unterstütze das Unternehmen jedoch bei der Terminvermittlung bei einem lokalen Augenarzt.  

Bislang 450.000 Menschen gescreent

Ocumeda verfüge inzwischen über 800 Standorte in der DACH-Region und wichtige Kooperationen zu Augenoptikern, Ärzten, Medizinprodukteherstellern und Gesundheitsversicherern. Insgesamt seien bislang 450.000 Menschen gescreent worden. Die Befundung erfolge durch ein Team von 32 Augenärzten. Etwa 78 Prozent der Kunden erhalten einen grünen Befund. Das bedeute, dass bei der teleophthalmologischen Auswertung keine abklärungsbedürftigen Auffälligkeiten festgestellt worden seien. In Abhängigkeit individueller Faktoren erhalten diese Patienten eine Empfehlung zum erneuen Augen-Check-Up in zwei bis drei Jahren.

Wie viele Patienten werden herausgefiltert?

22 Prozent der Kunden müssen augenärztlich vorgestellt werden, in etwa einem Prozent der Fälle handele es sich um Notfälle. Zu den häufigsten Befunden zählen Medientrübungen der Augenlinse oder des Glaskörpers, makuläre Drusen, Verdacht auf epiretinale Membranen, Pigmentveränderungen sowie auffällige Gefäße. Über die Wirksamkeit von Augengesundheitsvorsorge gebe es bereits mehrere Studien. Zur Wirksamkeit als auch zu den Limitationen des Augen-Check-Ups von Ocumeda laufe derzeit eine Studie in Kooperation mit Fielmann und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Die Studienteilnehmer erhalten neben der telemedizinischen Auswertung eine intensive Untersuchung am UKE.

Diese Fälle werden durch den Augen-Check-Up entdeckt

Anhand zahlreicher Fallbeispiele aus der täglichen Praxis zeigte Busch, wie vielfältig und teils schwer ausgeprägt die retinalen Veränderungen im Rahmen des Augen-Check-Ups ausfallen. Dies gelte insbesondere für Patienten mit Diabetes mellitus. Eine der häufigsten Komplikationen eines Diabetes mellitus sei die Entwicklung einer Diabetischen Retinopathie. Daher sehe die Vorsorgeempfehlung eine augenärztliche Untersuchung für Patienten mit Typ-1-Diabetes erstmals fünf Jahre nach Diagnosestellung vor.

Patienten mit Typ‑2‑Diabetes sollten aufgrund des häufig bereits länger bestehenden Stoffwechselgeschehens unmittelbar nach der Diagnose einer augenärztlichen Mitbeurteilung zugeführt werden. Die diabetische Retinopathie vereine sowohl Schrankenstörungen als auch Durchblutungsstörungen mit Veränderungen wie Mikroaneurysmen, Ödeme, Cotton‑Wool‑Herde, IRMA oder Neovaskularisationen. In fortgeschrittenen Stadien können die Veränderungen auf angrenzende Strukturen übergreifen und fibrovaskuläre Membranen ausbilden, die zu Traktionen und Einblutungen führen. Neovaskularisationen auf der Iris gelten als Zeichen einer ausgeprägten retinalen Mangeldurchblutung.

Fortgeschrittene Stadien der DR häufig gefunden

Busch zeigte sich überrascht, wie häufig sie fortgeschrittene Stadien der Diabetischen Retinopathie sehe. Nicht selten handele es sich um Menschen, die ihren Gesundheitszustand über längere Zeit verdrängten oder Symptome ignorierten. Bei Verdacht auf internistische Ursachen erhalten Betroffene daher im Befund den ausdrücklichen Hinweis, sich sowohl augenärztlich als auch hausärztlich weiter abklären zu lassen. Besondere Aufmerksamkeit erfordern Patienten mit retinalen Gefäßverschlüssen, da hier ein erhöhtes Schlaganfallrisiko bestehe. Ergänzende internistische Diagnostik, etwa Blutdruckmessungen, eine Echokardiographie, ein Carotis‑Doppler oder eine transthorakale Echokardiographie, wird in diesen Fällen ausdrücklich empfohlen. Hypertoniebedingte Veränderungen zeigen sich an den retinalen Gefäßen oft früh, etwa durch ein verändertes Arterien‑Venen‑Verhältnis oder typische Gefäßkreuzungszeichen. Diese Veränderungen müssen zuverlässig erkannt und in ihrer klinischen Relevanz ernst genommen werden. In dringlichen Fällen kontaktiere das Ocumeda‑Team Patienten auch am Wochenende, um eine zeitnahe Vorstellung in einer Notfallambulanz sicherzustellen.

Neues Forschungsfeld: Oculomics

Oculomics bezeichne ein junges, dynamisch wachsendes Forschungsfeld, das Bilddaten des Auges mit Verfahren der künstlichen Intelligenz verknüpfe, um systemische Erkrankungen frühzeitig und ohne invasive Diagnostik zu erfassen. Der Begriff leite sich aus oculo für Auge und omics ab. Letzteres stehe für wissenschaftliche Ansätze, die biologische Systeme ganzheitlich analysieren. Analog zum Genom beschreibe das Okulom somit die Gesamtheit makroskopischer, mikroskopischer und molekularer Merkmale des Auges im Kontext von Gesundheit und Krankheit, führte Frank Havenstein, Augenoptikermeister und Geschäftsführer der Pank + Sebold Optik Consulting in Karlsfeld aus.

Erstmalig sei der Begriff im Jahr 2020 in der wissenschaftlichen Literatur verwendet worden. Die Vorstellung, dass das Auge Rückschlüsse auf den Gesamtorganismus zulasse, gehe bis ins 19. Jahrhundert zurück, als das Ophthalmoskop erstmals eine direkte Betrachtung der Netzhaut ermöglicht habe. Bereits damals seien Zusammenhänge zwischen retinalen Gefäßveränderungen und systemischen Erkrankungen wie Hypertonie, Nieren‑ oder zerebrovaskulären Störungen beschrieben worden. Mit der Einführung der digitalen Fundusfotografie in den 1990er‑Jahren habe sich die Netzhautdiagnostik zunehmend objektivieren lassen. Die optische Kohärenztomografie sowie die OCT-Angiografie habe darüber hinaus eine tiefenaufgelöste Darstellung der Netzhautstruktur ermöglicht und neue Einblicke in neurodegenerative und systemische Erkrankungen eröffnet.

Von der Bildgebung zur KI‑gestützten Systemdiagnostik

Seit etwa 2010 rücke die Retina verstärkt als Quelle systemischer Biomarker in den Fokus. Fortschritte in Rechenleistung, Deep‑Learning‑Modellen und der Verfügbarkeit großer, qualitativ hochwertiger Datensätze haben die KI‑basierte Analyse retinaler Bilddaten erheblich beschleunigt. Moderne Modelle seien inzwischen in der Lage, Muster zu erkennen, die dem menschlichen Auge entgehen, und mehr als 270 systemische oder chronische Erkrankungen anhand von Netzhautbildern zu identifizieren. Voraussetzung für robuste Modelle sei jedoch die Qualität und Diversität der zugrunde liegenden Datensätze. Ein Training der Algorithmen mit Daten homogener Populationen könne die Übertragbarkeit und diagnostische Genauigkeit einschränken.

Da bildgebende Verfahren wie Fundusfotografie und OCT in augenärztlichen und optometrischen Praxen bereits etabliert seien, bestehe eine breite infrastrukturelle Grundlage für die Anwendung KI-basierter Verfahren. Dies eröffne die Möglichkeit, Augenärzte und Optometristen stärker in die Identifikation systemischer Gesundheitsrisiken einzubinden und interdisziplinäre Versorgungspfade zu erweitern.

Die Zukunft der Oculomics liege in der Kombination hochauflösender Bildgebung, multimodaler Datenintegration und weiterentwickelter KI‑Modelle. Sie könne ein leistungsfähiges, nicht‑invasives Instrument zur Früherkennung systemischer Erkrankungen, zur personalisierten Medizin und zur Verbesserung langfristiger Gesundheitsergebnisse darstellen. Trotz aller Fortschritte bestehe weiterhin erheblicher Forschungsbedarf – das Potenzial, das Auge als diagnostisches Fenster zum gesamten Organismus zu nutzen, sei jedoch größer denn je.

Die zahlreichen Fragen der Teilnehmenden, die in der anschließenden Diskussion von den Vortragenden beantwortet wurden, zeigten das große Interesse am Thema Augenscreening.

Quelle: Pressemitteilung Fielmann Akademie, 21. April 2026

Symbolbild: miss irine / stockadobe.com

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