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Neue Chancen durch Gentherapie

Neue Chancen durch Gentherapie

Praxiswissen

Ophthalmologie

Hinterer Augenabschnitt

5 MIN

Erschienen in: CONCEPT Ophthalmologie

Gentherapie ist längst Realität in der Augenheilkunde und entwickelt sich rasant weiter. Ihre Fortschritte sind ein Schwerpunkt auf dem Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft e.V. (DOG).

Über Ergebnisse der Gentherapie mit Luxturna®, die besonders gut bei erblindenden Kindern anschlägt, aber auch über neue Strategien berichtete DOG-Präsident Professor Dr. med. Siegfried Priglinger bereits auf der Vorab-Pressekonferenz des DOG. Dazu zählen innovative Ansätze bei der altersabhängigen Makuladegeneration (AMD), die körpereigene Zellen zu Medikamenten-Herstellern umprogrammieren und so in Studien die Anzahl der notwendigen Augen-Injektionen extrem reduzieren konnten.

Luxturna hilft vor allem Kindern

Mit Luxturna wurde 2018 in der EU erstmals eine Gentherapie für eine seltene erbliche Netzhauterkrankung zugelassen, die bis zur Erblindung führen kann. „Für Kinder, die im Dunkeln kaum noch etwas sehen konnten, bedeutet diese Behandlung einen Quantensprung: Sie können nach der Therapie sogar nachts wieder Fahrradfahren“, berichtet Priglinger, der als Direktor der Augenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München diese Gentherapie 2019 erstmalig in Deutschland anwendete. Die Wirkung, so Priglinger, setze meist innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen ein. (1) Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden bisher nicht festgestellt.

Hoffnung auf dauerhafte Heilung

Luxturna tauscht in der Netzhaut ein defektes Gen (RPE65) gegen ein gesundes Gen – dazu wird bei einer Operation das funktionstüchtige Gen in einer Art Virus-Taxi in die krankhaften Zellen eingeschleust. Schätzungsweise 200 Menschen leiden in Deutschland an einer RPE65-Mutation. „Das Besondere an dieser Gentherapie ist: Wir können nicht nur den Krankheitsverlauf bremsen, sondern tatsächlich verloren gegangene Funktionen wiederherstellen – und das möglicherweise dauerhaft“, ergänzt Priglinger.

Voraussetzungen für eine Behandlung mit Luxturna sind:

  1. Eine gesicherte klinische Diagnose einer erblichen Netzhautdystrophie
  2. Eine molekulargenetisch bestätigte Mutation in beiden Kopien des RPE65-Gens
  3. Das Vorhandensein noch funktionstüchtiger Sinneszellen in der Netzhaut (nachweisbar im OCT)

Ablauf der Therapie

Luxturna wird im Rahmen einer Operation verabreicht: Zunächst wird eine Vitrektomie durchgeführt, bei der der Glaskörper entfernt wird. Anschließend injiziert der Operateur den Vektor, der die gesunde Genkopie enthält, subretinal – also direkt unter die Netzhaut. Die Wirkung tritt meist nach wenigen Wochen ein. Besonders profitieren Kinder und jüngere Erwachsene, da hier noch genügend funktionstüchtige Sinneszellen vorhanden sind.

Grenzen der klassischen Gentherapie

Trotz des Erfolgs von Luxturna bleiben der Gentherapie Grenzen gesetzt. „Viele Gene sind zu groß, um sie mit den gängigen Viren zu transportieren, und wir benötigen für eine erfolgreiche Behandlung noch funktionstüchtige Sinneszellen in der Netzhaut“, betont Priglinger. „Wenn die Degeneration zu weit fortgeschritten ist, hilft die klassische Gentherapie nicht mehr.“ Genau hier setzen innovative Strategien an.

CRISPR, Antisense und Optogenetik

Ein vielversprechender Forschungsansatz ist die Genom-Editierung mit CRISPR-Cas9. „Diese Methode erlaubt es uns, krank machende Mutationen direkt in den Fotorezeptoren, den lichtempfindlichen Sehzellen, zu korrigieren – ein echter Meilenstein“, erklärt Priglinger. Auch hier erfolgt die Verabreichung über subretinale Injektion mit AAV-Vektoren. Erste klinische Studien laufen bereits.

Auch Antisense-Oligonukleotide eröffnen neue Optionen:
Bei ihnen handelt es sich um synthetische kurze Nukleinsäuren, die gezielt an fehlerhafte mRNA binden und so verhindern, dass schädliche Proteine entstehen. In einigen Fällen ermöglichen sie sogar die Bildung funktionsfähiger Eiweiße.

Besonders innovativ ist die Optogenetik, die auch in fortgeschrittenen Krankheitsstadien helfen könnte. Wenn Fotorezeptoren nicht mehr funktionsfähig sind, greift dieser völlig neue Ansatz: In Kombination mit speziellen Stimulationsbrillen konnte Patienten erstmals wieder ein rudimentäres Sehen ermöglicht werden – etwa das Zählen von Objekten oder das Erkennen von Bewegungen (laut NCT03326336, PIONEER-Studie). Nicht lichtsensitive Zellen werden durch Gentherapie lichtempfindlich gemacht (zum Beispiel durch Einbau von Channelrhodopsinen).

„In Kombination mit speziellen Brillen konnten Menschen wieder rudimentär sehen, etwa Bewegungen oder Objekte erkennen“, so Priglinger.

In Erprobung: Augenzellen, die Medikamente produzieren

Während die bisherigen Gentherapien vor allem auf seltene Erkrankungen zielen, richtet sich der Blick der Forschenden nun zunehmend auch auf Volkskrankheiten wie die altersabhängige Makuladegeneration (AMD) oder die diabetische Retinopathie. „Hier geht es nicht darum, ein defektes Gen zu reparieren, sondern das Auge so umzuprogrammieren, dass es selbst dauerhaft therapeutische Wirkstoffe produziert“, so Priglinger.

Macht Gentherapie bald AMD-Injektionen überflüssig?

Erste klinische Studien, bei denen gentechnisch veränderte körpereigene Zellen Hemmstoffe gegen die krank machenden Wachstumsfaktoren bei AMD produzieren, fördern jedenfalls vielversprechende Ergebnisse zutage. „AMD-Patientinnen und
-Patienten konnten nach der einmaligen Behandlung mit der Ixo-Vec-Gentherapie die Anzahl ihrer regulären Anti-VEGF-Injektionen um 80 bis 98 Prozent reduzieren“, (2) berichtet der DOG-Präsident. Dies sei ein beachtliches Ergebnis.

Neue Chancen für Millionen Menschen

„Die Gentherapie hat am Auge bewiesen, dass sie funktioniert. Luxturna ist ein Meilenstein – aber nur der Anfang“, fasst Priglinger zusammen. Neue Techniken wie CRISPR-Cas9, Antisense-
Oligonukleotide, Optogenetik und die Ixo-Vec-Therapie könnten schon bald weitere Durchbrüche ermöglichen. „Für Betroffene heißt das: Erkrankungen, die bisher als unheilbar galten, werden zunehmend behandelbar – und das gilt langfristig auch für Millionen Menschen mit häufigen Netzhauterkrankungen“, freut sich der DOG-Präsident.

Literatur:
(1) Gerhardt MJ, Priglinger CS, Rudolph G, Hufendiek K, Framme C, Jägle H, Salchow DJ, Anschütz A, Michalakis S, Priglinger SG. Biomedicines. 2022 Dec 30;11(1):103. doi: 10.3390/biomedicines11010103.
(2) Khanani AM, Boyer DS, Wykoff CC, Regillo CD, Busbee BG, Pieramici D, Danzig CJ, Joondeph BC, Major JC Jr, Turpcu A, Kiss S. Safety and efficacy of ixoberogene soroparvovec in neovascular age-related macular degeneration in the United States (OPTIC): a prospective, two-year, multicentre phase 1 study. EClinicalMedicine. 2023 Dec 22;67:102394. doi: 10.1016/j.eclinm.2023.102394. PMID: 38152412; PMCID: PMC10751837.

  • Russell S et al. Luxturna clinical trial results, Lancet, 2017
  • ClinicalTrials.gov – PIONEER Optogenetik-Studie (NCT03326336)
  • Maeder ML et al. First in vivo CRISPR treatment of CEP290-associated retinal disease, Nat Med, 2019

Quelle: DOG Pressemitteilung, 18. September 2025

Bildquelle:© Anton – stock.adobe.com

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