Am Rande der DOG in Berlin sprachen wir mit Prof. Dr. Anja Liekfeld und Dr. Nicola Vandemeulebroecke. Sie sind Mitglieder des Vereins „Die Augenchirurginnen“ und des 2024 gegründeten DOG-Arbeitskreises „Frauen in der Augenheilkunde“. Wir wollten wissen: Was wurde zum Thema Chancengleichheit bereits geschafft?
Concept Ophthalmologie: Was sind aktuell die Herausforderungen von Frauen in der Augenheilkunde?
Liekfeld:
Nach wie vor haben wir die Situation, dass die Ophthalmologinnen zwar über fünfzig Prozent aller Augenmediziner stellen – sowohl in der DOG an sich als auch in der täglichen Praxis. Wir wissen auch, dass sehr viele Medizinstudierende eher Frauen als Männer sind. An der Spitze sieht es jedoch weiterhin anders aus: In Führungspositionen sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Das gilt auch für den chirurgischen Bereich. Insbesondere am OP-Tisch und in der chirurgischen Ausbildung sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert.
Wie möchte die DOG und deren „Arbeitskreis Frauen“ diese Situation ändern?
Vandemeulebroecke:
Zum einen geht es dem Arbeitskreis darum, Frauen sichtbarer zu machen, zum Beispiel auf den Vortragspodien der DOG: Das Verhältnis der Geschlechter im Publikum sollte sich auch unter den Vortragenden am Podium widerspiegeln, sodass mehr Frauen als Vorsitzende fungieren oder Vorträge halten. Sichtbarkeit ist ein wichtiger Punkt.
Liekfeld:
Ein weiteres Thema ist das Operieren in der Schwangerschaft. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele Frauen ein zentrales Thema, da eine Schwangerschaft immer noch mit einem möglichen Karriereknick verbunden ist. Es gibt inzwischen Initiativen, damit für Frauen das Operieren auch in der Schwangerschaft unter bestimmten Bedingungen möglich bleibt und ihre Aus- oder Weiterbildung nicht unterbrochen wird. Hier hat sich der Arbeitskreis „Frauen“ der DOG gemeinsam mit anderen Fachrichtungen positioniert und eine Positivliste von Tätigkeiten herausgegeben, die 2024 vom Arbeitskreis abgesegnet wurde. Diese Liste dient als Hilfestellung für Chefs und Chefinnen und zeigt auf, welche Operationen von Schwangeren unter welchen Bedingungen weiterhin durchgeführt werden können.
Welche Operationen können Schwangere weiterhin ausführen?
Liekfeld:
In den Abläufen der Katarakt- oder vitreoretinalen Chirurgie gibt es viele Tätigkeiten, bei denen nicht geschnitten wird. Diese können von Schwangeren auf jeden Fall weiterhin ausgeübt werden. Beim Umgang mit spitzen Instrumenten wird zwar zur Vorsicht geraten, aber auch dies ist unter bestimmten Bedingungen kein Problem – zum Beispiel mit doppelten Handschuhen. Wichtig ist hier eine Testung auf HIV oder andere ansteckende Krankheiten wie Hepatitis, die im Vorfeld durchgeführt werden muss. Das ist eine Frage der Organisation und der Laborkapazitäten – und grundsätzlich machbar. Schwangere Frauen können viele OP-Tätigkeiten weiterhin durchführen, wenn der Wille bei allen Beteiligten da ist.
Welche Unterstützung bekommt der Arbeitskreis Frauen derzeit konkret von der DOG?
Vandemeulebroecke:
Kleinigkeiten, die bereits den Unterschied machen. Wie zum Beispiel ein Familienzimmer auf dem DOG-Kongress – zusätzlich zur Kinderbetreuung. So kann man sich zum Stillen oder einfach zum Ausruhen mit den Kindern zurückziehen. Oder Dinge wie ein Podest, auf dem Frauen und kleinere Personen am Rednerpult besser gesehen werden, weil das Pult manchmal sehr hoch eingestellt ist – solche kleinen Details sind bereits wirkungsvolle Maßnahmen.
Liekfeld:
Ich denke, allein das Bekenntnis zum Thema „Frauen in der Augenheilkunde“ ist bereits ein großer Schritt für die DOG. Der Arbeitskreis ist noch jung, er wurde erst 2024 gegründet. Durch seine Gründung hat sich die DOG offen dazu bekannt, Frauen fördern zu wollen und das Thema Chancengleichheit sichtbar zu machen. Der Arbeitskreis entstand auf Initiative der Augenchirurginnen und wird paritätisch, also hälftig, von Augenchirurginnen und der DOG besetzt. Auch männliche Führungspersönlichkeiten wie zum Beispiel Professor Holz und Professor Cursiefen sind aktive Mitglieder und sehr daran interessiert, dass man Fortschritte macht und in Zukunft verschiedene Aspekte berücksichtigt, die wir in den Fokus gestellt haben.
Was können männliche Kollegen tun, um Frauen in der Augenheilkunde zu unterstützen?
Liekfeld:
Ich denke, männliche Kollegen müssen zunächst einmal sensibilisiert werden. Das Wichtigste ist, überhaupt zu erkennen, dass es für Frauen nach wie vor Hürden gibt. Dass sie in vielerlei Hinsicht doch noch benachteiligt sind – zum Beispiel, wenn eine Schwangerschaft dazu führt, dass sie eher aus dem OP verdrängt werden, oder wenn sie wenig Akzeptanz für reduzierte Arbeitszeiten in besonderen familiären Situationen finden. Unter solchen Umständen stehen den Frauen viele Möglichkeiten gar nicht mehr offen.
Kolleginnen und Kollegen müssen darüber mehr miteinander kommunizieren und Verständnis entwickeln. Das ist sehr wichtig. In der jüngeren Generation scheint das schon besser zu funktionieren. Doch eigentlich müsste man auch die Ehemänner der Frauen in der Ophthalmologie bitten, sich mehr einzubringen, sich zur Chancengleichheit zu bekennen und Verantwortung zu übernehmen. Das private Umfeld ist entscheidend: Eine paritätische Aufteilung von Haushalt und Kinderbetreuung ist der Schlüssel, damit eine Karriere von Frauen gleichberechtigt stattfinden und gelingen kann.
Vandemeulebroecke:
Dem kann ich mich nur anschließen.
Das Interview führte Rosemarie Frühauf.
Erschienen in Concept Ophthalmologie 1-26.



