Ein niedriger Testosteronspiegel kann mit verschiedenen gesundheitlichen Problemen verbunden sein. Umso wichtiger ist eine effektive Therapie. Dass diese sehr individuell erfolgen sollte – vor allem unter Berücksichtigung eines persönlichen „Wohlfühl”-Testosteronwerts, hat Prof. Dr. Frank Sommer im Interview mit UroForum erläutert.
Welche Symptome können bei einem Testosteronmangel auftreten?
Sommer: Es gibt zahlreiche Beschwerden, die mit abnehmendem Testosteronlevel auftreten können. Dabei kann sowohl der Testosteronspiegel an sich als auch die Dauer des Mangels eine Rolle spielen. Unter anderem kann es zu einem Verlust der Libido und der Antriebskraft, zu Fettablagerung, Typ-2-Diabetes, Osteoporose, Anämie, depressiver Stimmung, Schlafstörungen, Konzentrationsverlust und natürlich zu erektiler Dysfunktion kommen.
Das Ziel einer Therapie sollte sein, diese Symptome zu lindern, für die Männer das Gefühl des „Lebendigseins” wieder herzustellen und ihre Lebensqualität in den Mittelpunkt zu stellen.
Es gibt festgelegte Grenzwerte, ab denen von einem Testosteronmangel gesprochen wird. Was halten Sie davon?
Sommer: Bereits 2016 kam ein Treffen führender Experten auf dem Gebiet der hormonellen Substitutionstherapie zu dem Konsensus, dass bei keiner einzelnen Testosteronkonzentration eine verlässliche Vorhersage für die Wirkung der Behandlung getroffen werden kann. Oder wie in der Resolution des Treffens festgehalten: Keine Konzentration ist für eine Response der Patienten verantwortlich.
Das heißt, die Grenzwerte, wann ein Testosteronmangel besteht bzw. wann ein Mann dann tatsächlich hypogonadal ist, sind doch recht willkürlich gesetzt worden.
Im Amendment der Resolution ist man dann noch auf die Frage eingegangen, worin die Schwierigkeit liegen könnte, einen festen Grenzwert bzw. eine genaue Testosteronkonzentration zur effektiven Behandlung einer Hypogonadismus festzulegen. Demnach ist man zu dem Schluss gekommen, dass man inzwischen individuelle Varianten der Gesamttestosteron-Konzentrationen kennt und man aber auch weiß, dass nicht nur das Gesamttestosteron aussagekräftig ist, sondern man sich auch immer das Sexualhormon-bindeglobulin (SHBG) anschauen muss – aufgrund seines Einflusses auf das freie bioverfügbare Testosteron.
Zudem spielt auch der genetisch bedingte Polymorphismus des Androgenrezeptors eine wichtige Rolle, also die Länge der CAG-Repeats.
Was bedeutet das für die Praxis?
Sommer: Für die langfristige Testosteronersatztherapie hat sich Testosteronundecanoat bewährt. Aufgrund der anhaltenden Absorption ist die Ansprechrate von Patienten mit gleichen Blutwerten auf die gleiche Testosterondosis aber individuell sehr unterschiedlich. Anders gesagt: Trotz standardisierter Injektionsintervalle zeigt sich in der klinischen Praxis eine deutliche interindividuelle Variabilität hinsichtlich der Wiederkehr möglicher Testosteronmangel-Symptome. Zudem unterschieden sich die Serumkonzentrationen des Gesamttestosterons und des freien Testosterons zwischen den Patienten zum Zeitpunkt des Wiederauftretens der Beschwerden.
Diese Beobachtungen machen in vielen Fällen eine individuelle Anpassung der Injektionsintervalle erforderlich. Auch könnte die Identifikation eines persönlichen Testosteron-„Wohlfühlwerts”, also eines individuellen Schwellenwertes, bei dessen Unterschreitung Symptome erneut auftreten, dabei helfen, die Therapie präziser zu steuern. Dadurch könnten sowohl das Injektionsintervall optimiert als auch die therapeutische Wirksamkeit und die Patientenzufriedenheit verbessert werden.
Zu diesem Zweck haben Sie eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt?
Sommer: Ziel der Untersuchung war es zu prüfen, ob jeder hypogonadale Mann unter langfristiger intramuskulärer Behandlung mit Testosteronundecanoat einen individuellen reproduzierbaren Testosteronschwellenwert aufweist, bei dem hypogonadale Symptome erneut auftreten. Und damit die Frage, ob sich ein persönlicher biochemischer Schwellenwert definieren lässt, der mit der Rückkehr klinischer Beschwerden assoziiert ist. Darüber hinaus sollte untersucht werden, ob dieser Schwellenwert innerhalb einer Person über die Zeit hinweg stabil bleibt und wie stark er sich zwischen verschiedenen Personen unterscheidet.
Wie lief die Untersuchung ab?
Sommer: Eingeschlossen wurden 266 Männer mit diagnostiziertem Testosteronmangel-Symptomen. Sie erhielten über einen Zeitraum von sechs Jahren Injektionen mit Testosteronundecanoat und in regelmäßigen Abständen wurden das Gesamttestosteron, das SHBG sowie Albumin bestimmt.
Wenn Patienten vor dem nächsten geplanten Injektionstermin über die Rückkehr von Hormonmangel-Beschwerden berichten, wurden erneut Blutproben entnommen. Dabei wurde das Gesamttestosteron gemessen und das freie Testosteron mithilfe der etablierten Vermeulen-Gleichungen berechnet.
Anschließend wurden die Konzentrationen von Gesamttestosteron und freiem Testosteron zum Zeitpunkt der Symptomrückkehr sowohl intraindividuell, also in der selben Person, als auch interindividuell – zwischen verschiedenen Personen – verglichen. Ziel dieser Analysen war es, die Reproduzierbarkeit und die Variabilität der jeweiligen Testosteronschwellenwerte zu erfassen.
Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Sommer: Zum Zeitpunkt der Wiederkehr hypogonadaler Symptome zeigten sowohl die Konzentrationen des Gesamttestosterons als auch des freien Testosterons innerhalb der einzelnen Patienten eine hohe Reproduzierbarkeit. Dies spricht dafür, dass jeder einzelne Patient einen konstanten persönlichen Schwellenwert besitzt, bei dem die Symptome des Testosteronmangels erneut auftreten.
Gleichzeitig zeigte sich jedoch eine deutliche interindividuelle Streuung dieser Schwellenwerte. Das heißt, die Testosteronkonzentrationen, bei denen Symptome erneut auftreten, unterschieden sich zwischen den Männern erheblich. Für das Gesamttestosteron betrug diese Spannweite 9,4 nmol/L und für das freie Testosteron 0,278 nmol/dL.
Diese Ergebnisse belegen, dass zwar jeder Mann offenbar eine stabile persönliche physiologische „Symptomschwelle” besitzt, die absolute Serumkonzentration, die mit subjektivem Wohlbefinden oder erneuter Symptomatik verbunden ist, aber zwischen den Individuen stark variiert.
Mit anderen Worten: Innerhalb einer Person bleibt die Schwelle stabil, zwischen verschiedenen Personen ist sie jedoch sehr unterschiedlich.
Welche Schlüsse für die Praxis ziehen Sie aus den Ergebnissen?
Sommer: Jeder Mann mit Testosteronmangel-Symptomen scheinen einen eigenständigen, reproduzierbaren Testosteronschwellenwert zu besitzen, bei dessen Erreichen bzw. Unterschreiten Symptome eines Hormonmangels erneut auftreten. Dieser Schwellenwert kann als individueller „Wohlfühlwert” bzw. als persönliches „Well-Being Level” verstanden werden.
Die Tatsache, dass sich diese Schwellenwerte zwischen den einzelnen Patienten deutlich unterscheiden, spricht gegen die Annahme, dass ein einheitliches fixes Injektionsintervall für alle Männer unter Testosteronundecanoat optimal ist. Stattdessen legen die Daten nahe, dass eine personalisierte Anpassung der Injektionsintervalle sinnvoller ist. Eine solche Anpassung sollte sich an der klinischen Symptomatik sowie an den gemessenen Testosteronwerten orientieren. Dadurch können Therapieerfolg, Symptomkontrolle und Patientenzufriedenheit verbessert werden.
Herr Prof. Sommer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
Prof. Dr. med. Frank Sommer ist Urologe, Androloge und Medizinaldirektor (FCSM) in Hamburg sowie weltweit der einzige Universitätsprofessor für Männergesundheit und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V. (DGMG).



