Das Paradigma, dass Adipositas eine bloße Fortsetzung von Übergewicht ist, gilt nicht mehr. Entscheidend für gesundheitliche Risiken ist nicht primär die Menge an Körperfett, sondern die Fähigkeit des Körpers, überschüssige Energie sicher zu speichern und im Organismus richtig zu verteilen.
Ein wichtiger Erklärungsansatz für die Entstehung von Adipositas liegt in der Evolution des Menschen: Mechanismen, die ursprünglich das Überleben in Zeiten von Nahrungsmangel sichern sollten, wirken heute in einer Umwelt mit dauerhaftem Nahrungsüberangebot weiter. Gleichzeitig steuert das Gehirn die Nahrungsaufnahme nicht nur nach Energiebedarf, sondern auch über Belohnungssysteme – ein Zusammenspiel, das die Entstehung und Aufrechterhaltung von Adipositas begünstigt.
Nicht die Fettmenge entscheidet, sondern die Stoffwechselantwort
Adipositas ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung, die mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Schlafapnoe, Depressionen und bestimmte Krebserkrankungen einhergeht. Gleichzeitig zeigt sich in der klinischen Praxis eine große Vielfalt an Krankheitsverläufen und Risiken. „Diese Unterschiede lassen sich zunehmend durch individuelle Stoffwechselprozesse erklären – nicht allein durch das Körpergewicht“, sagt Professor Dr. med. Michael Stumvoll, Direktor der Klinik für Endokrinologie, Nephrologie und Rheumatologie, Universitätsklinikum Leipzig und Sprecher des Exzellenzclusters Leipzig Center of Metabolism (LeiCeM) der Universität Leipzig. Verlässliche Prognosen zu Krankheitsverlauf oder Therapieansprechen sind bislang jedoch nur eingeschränkt möglich.
Fettgewebe: mehr als ein Energiespeicher
Im Zentrum der aktuellen Forschung steht das Fettgewebe selbst: Es fungiert als hormonell aktives Organ, das zentrale Stoffwechselprozesse steuert. „Die Umwandlung überschüssiger Energie in Fett ist ein evolutionär sinnvoller Schutzmechanismus“, so der Leipziger Endokrinologe. Wird diese Speicherfunktion jedoch gestört oder dauerhaft gefordert, kommt es zur krankhaften Fehlverteilung von Fett – mit Ablagerungen in Organen wie Leber, Herz oder Muskulatur. Diese Prozesse gelten als entscheidender Treiber für Insulinresistenz und weitere metabolische Folgeerkrankungen. „Entscheidend ist nicht allein, wie viel wir essen, sondern was wir essen, wie wir essen und ob der Körper Energie sicher speichern, richtig verteilen und wieder freisetzen kann“, erklärt Stumvoll. „Oftmals geht „ungesunde“ Fettablage mit Makrophageninfiltritation und chronischer, folgenschwerer Entzündung einher.
Risiko auch ohne sichtbares Übergewicht
Diese Perspektive erweitert den Blick auf betroffene Patientengruppen. Auch Menschen mit unauffälligem Körpergewicht können ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen haben. Ein modellhaftes Beispiel sind seltene genetische Erkrankungen wie die Lipodystrophie, bei denen Unterhaut-Fettgewebe fehlt und Energie deshalb in Organen abgelagert wird – ein eindrücklicher Hinweis darauf, dass klassische Kenngrößen wie das Körpergewicht allein nicht ausreichen, um Risiken zu erfassen.
Neue Ansätze für Prävention und Therapie
Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich Konsequenzen für Prävention und Therapie: „Statt allein auf Gewichtsreduktion zu fokussieren, sollten wir stärker die individuelle Stoffwechselsituation berücksichtigen“, sagt Stumvoll. Moderne bildgebende Verfahren ermöglichen zunehmend eine differenzierte Analyse metabolischer Risikokonstellationen. Parallel werden Therapien entwickelt, die gezielt in Krankheitsmechanismen eingreifen – etwa über hormonelle Signalwege, entzündliche Prozesse oder den Einfluss des Darms auf den Stoffwechsel. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede rücken dabei stärker in den Fokus.
„Trotz dieser Fortschritte ist eine individualisierte Präzisionsmedizin in der Stoffwechselmedizin bislang noch nicht erreicht“, so der Experte. Auch komplexe Modelle zur Risikobewertung erlauben derzeit noch keine verlässliche Vorhersage individueller Krankheitsverläufe oder Therapieeffekte.
Adipositas als systemische Erkrankung verstehen
Internistisch ist Adipositas damit als systemische Erkrankung zu verstehen, bei der mehrere Organsysteme eng miteinander interagieren. „Für die Versorgung bedeutet das: Wir müssen weg von einer eindimensionalen Betrachtung des Körpergewichts und hin zu einer differenzierten Risikobewertung“, sagt Professorin Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel, Präsidentin des DGIM-Kongresses. „Nur wenn wir die zugrunde liegenden metabolischen Prozesse genau verstehen, können wir die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Stoffwechselerkrankungen weiter verbessern“, so die Essener Endokrinologin und Diabetologin.
Quelle: Pressekonferenz beim DGIM 2026
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