Allgemeinmedizin » Magen und Darm

»

Grüne Hilfe für den Bauch

Heilkräuter

Quelle: Heilkraut-stock.adobe.com-Creative-Mahdi

Grüne Hilfe für den Bauch

Fachartikel

Allgemeinmedizin

Magen und Darm

mgo medizin Redaktion

Verlag

8 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Bei den in der hausärztlichen Versorgung häufig vorkommenden Erkrankungen im Gastro-Intestinal Trakt (GI) spielt die Phytotherapie traditionell 
eine große Rolle. Denn für zahlreiche Indikationen bieten sich pflanzliche Therapieansätze an, die mit den üblichen Maßnahmen oft nicht zufriedenstellend behandelt werden können.

Am Beispiel gastrointestinaler Erkrankungen lässt sich praxisrelevant die Kombination unterschiedlicher Behandlungsansätze darstellen. Ein solches Vorgehen spiegeln auch die drei Leitlinien zu Erkrankungen im oberen GI-Trakt wider. Sie veranschaulichen zugleich das Potenzial pflanzlicher Arzneimittel.

Funktionelle Dyspepsie

Das Krankheitsbild Reizmagen – auch unter der Begrifflichkeit „funktionelle Dyspepsie“ (FD) bekannt – zählt zu den funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen mit einer hohen Prävalenz. Dazu wurde in 2025 von der DGNM (Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität) eine S1-Leitlinie publiziert. Je nach Symptomausprägung und alarmierender Symptomatik wird eine Stufendiagnostik empfohlen wie sie gerade in der Hausarztmedizin im Mittelpunkt steht. „Die Pathophysiologie ist komplex und individuell und kann am geeignetsten über das biopsychosoziale Modell erklärt werden“, ist eine der Leitlinien-Aussagen. Dabei wird u.a. der intestinalen Mukosa-Barriere und dem enteritischen Nervensystem eine zunehmende Bedeutung zugesprochen. Therapeutische Ansätze sind laut Leitlinie vielfältig.


Dabei wird konstatiert, dass „Lebensstil- und Ernährungsumstellung bei funktioneller Dyspepsie wirksam sind, obwohl es hierzu keine prospektiven Studien gibt.“ Medikamentöse Maßnahmen beinhalten explizit die Phytotherapie – mehr noch: „In Anbetracht der Wirksamkeit und weniger weiterer Therapieoptionen sind Phytotherapeutika in der Indikation FD als First-Line-Therapien anzusehen.“ Diese Leitlinien-Aussage bezieht sich primär auf die fixe Kombination von Iberis amara (Schleifenblume), Kamille, Kümmel, Melisse, Pfefferminze, Süßholzwurzel. Eine vergleichbare Bewertung erhält die Kombination Pfefferminzöl und Kümmelöl sowie Pfefferminzöl als Monopräparat.


Im Besonderen wirkt Kümmel spasmolytisch, entblähend und hemmt die Gasbildung, was als karminative Wirkung bezeichnet wird. Pfefferminze hat spasmolytische und analgetische Effekte, was die Stoffgruppe der ätherischen Öle auszeichnet; dazu gehören auch die bekannten Arzneipflanzen Anis und Fenchel. Therapeutisch sinnvoll ist deren Kombination mit Kamille, die zu den am besten untersuchten Arzneipflanzen zählt. Die Inhaltsstoffe der Süßholzwurzel, die Glycyrrhizinsäure-Derivate, wirken Schleimhaut protektiv und spasmolytisch. Die Pflanze wird traditionell auch bei Ulcus ventriculi et duodeni eingesetzt, woraus sich aus heutiger Sicht die Anwendung als Add-on sowie zur Rezidivprophylaxe ableiten lässt.

Refluxkrankheit und Gastralgie

Die S2k-Leitlinie Gastroösophagiale Refluxkrankheit und eosinophile Ösophagitis der DGVS (Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten) betrifft in Beratung und Therapie wesentliche Aspekte der Hausarztmedizin. Diese „GERD-Patienten“ mit typischen Refluxbeschwerden wie Sodbrennen, saures Aufstoßen und Regurgitation ohne Alarmzeichen oder Risikofaktoren können gemäß Leitlinie „ohne Endoskopie empirisch mit einem PPI in Standarddosis behandelt werden.“ Und: „Eine volldosierte PPI-Therapie über 4 Wochen“ wird als „adäquate Therapie zur Symptomenkontrolle und Heilung etwaiger Läsionen“ beschrieben. Zudem werden in der Leitlinie Allgemeinmaßnahmen formuliert (s. Tab. 1, S. XX), auch wenn diese meist auf Fallkontrollstudien beruhen. Deren Sinnhaftigkeit kann aus Praxissicht nur bestätigt werden wie sich auch längerfristig phytotherapeutische Maßnahmen anbieten; sie können auch die therapeutische Lücke nach Beendigung der PPI-Medikation ausfüllen. Neben den bereits genannten Arzneipflanzen bewährt sich aus langjähriger Praxiserfahrung auch die sogenannte Rollkur.

Immer wieder bewährt – die Rollkur

Bei der Behandlung gastrointestinaler Symptome spielt die Kamille eine zentrale Rolle. Ihre pharmakologisch bekannten Inhaltsstoffe – Alpha-Bisabolol, Flavonoide und Schleimstoffe – besitzen antiseptische, bakterizide und fungizide Wirkungen. Zudem sind sie spasmolytisch, antiphlogistisch und Ulcus protektiv wirksam. Damit ist die Kamille ein klassisches Beispiel für eine Multi-Target-Wirkung. Eine spezielle Anwendung der Kamille, wenn auch nur empirisch belegt, zeigt oft erstaunliche Erfolge: die Rollkur. Die Begrifflichkeit bezieht sich auf den Anwendungsmodus, der den Betroffenen aktiv mit einbezieht. 30 Tropfen eines Kamillenblütenextrakts werden in eine Tasse mit trinkwarmem Wasser gegeben und auf leerem Magen getrunken. Danach legt sich der Patient jeweils ca. 5 Minuten lang auf den Rücken, danach auf die linke Körperseite, dann auf den Bauch und abschließend auf die rechte Körperseite. Durch das Rollieren um die eigene Körperachse wird die Magenschleimhaut mit dem verdünnten Kamillenextrakt benetzt im Sinne einer Lokalwirkung; hinzu kommt die emotionale Entspannung durch das Liegen. Die Rollkur wird einmal täglich etwa 10–14 Tage lang durchgeführt und kann bedarfsweise wiederholt werden.

Kasuistik: 
Gastrointestinale Beschwerden

Anamnese
Die 58-jährige Patientin stellt sich wegen persistierender Beschwerden vor. Seit Monaten treten immer wieder abdominelle Spasmen auf sowie Druckgefühl im Thorax und Schmerzen bis in den Unterkiefer ausstrahlend. In diesem Zusammenhang berichtet die Patientin von erschwertem Atmen und beschleunigtem Puls. Die diagnostische Kaskade gipfelt in einer notfallmäßigen Klinikaufnahme bei hypertoner Entgleisung, die sich unter Einmalgabe von Nifedipin rasch normalisiert und nach mehrstündiger Überwachung normoton zeigt. In den Monaten zuvor wurde eine ausführliche kardiologische und pulmologische Diagnostik durchgeführt, die ebenso wie eine Gastroskopie nebst Blutuntersuchung keine Pathologien ergeben. Unterschiedliche Behandlungsansätze zunächst mit Betablocker sowie PPI werden aufgrund von nicht näher präzisierter „Unverträglichkeit“ nach jeweils mehrwöchiger Einnahme abgesetzt.

Befund
Anamnestisch lässt sich bei der Patientin, die klar strukturiert und präzise antwortet, eine abdominelle Symptomatik herausarbeiten. Demnach treten immer wieder unspezifische Oberbauchbeschwerden auf, die als krampfend bei wellenförmigem Verlauf beschrieben werden; Sodbrennen und saures Aufstoßen werden verneint, jedoch häufiges Aufstoßen mit eher „fauligem“ Mundgeschmack und gelegentlichem Abgang von Blähungen berichtet, was „eine Erleichterung bringt“, Stuhlgang täglich, geformt.


Bei der Untersuchung imponiert im Stehen ein aufgetriebenes Abdomen, was sich im Liegen bei der Palpation als gebläht bei druckempfindlicher Magenregion sowie hypersonorem Klopfschall zeigt; auskultatorisch lebhafte Darmgeräusche. Pulmo und Cor unauffällig, RR 125/76, Puls 84/min., rhythmisch. AZ altersentsprechend, NR, tendenziell vegetarische Ernährungsweise; die berufliche Situation wird als herausfordernd beschrieben, da in der Altenpflege zur Betreuung von Demenzpatienten tätig. Die gezielte Nachfrage nach einem Auslöser für die persistierende Symptomatik beantwortet die Patientin mit „ich kann es mir nicht erklären“. In der Zusammenschau wird die Verdachts-/Arbeitsdiagnose Roemheld-Syndrom gestellt.


Therapie
Die Verordnung lautet auf eine fixe Kombination von standardisiertem Kümmelöl und Pfefferminzöl mit der Dosierung von 0–1–1 Kapseln vor dem Essen.


Verlauf

Die Patientin berichtet nach vierwöchiger Einnahme in der Telefonsprechstunde von einer spürbaren Besserung der abdominellen Symptomatik, der Blutdruck und Puls sind „normal“. Das anfängliche Aufstoßen – bedingt durch Pfefferminzöl – hat nach einigen Tagen nachgelassen. Eine Wiedervorstellung in der Praxis erfolgt nach insgesamt dreimonatiger Behandlungsdauer. Die von der Patientin berichtete deutliche Besserung – „nahezu symptomfrei“ – zeigt sich auch bei der Untersuchung: das Abdomen ist eindeutig weniger gebläht, die anfangs geschilderte Druckempfindlichkeit bei der Palpation im Oberbauch nur noch diskret vorhanden. Stuhlgang regelmäßig bei deutlich weniger Abgang von Blähungen. RR 125/75, Puls 76/min regelmäßig; über Atembeschwerden wird nicht berichtet. Die Patientin setzt die Therapie fort, auf eigenen Wunsch mit 1 Kapsel vor der mittäglichen Hauptmahlzeit. Epikritisch kann nach einer neunmonatigen Behandlungszeit resümiert werden, wonach die initial geschilderte Symptomatik wie sie sich im Roemheld-Syndrom widerspiegelt abgeklungen ist.

Das Roemheld-Syndrom

Bei vielen Patienten mit oft wechselnder und die Lebensqualität teilweise erheblich einschränkender Symptomatik spielt das Roemheld-Syndrom eine häufig unterschätzte Rolle. Es sind die typischen Patienten, die letztlich an einer Symptomen-Trias leiden, in deren Mittelpunkt die drei korrespondierenden Organe Herz, Lunge, Colon transversum und/oder Magen stehen. Bei Betroffenen imponiert klinisch eine paroxysmale Tachykardie, oft auch eine pectanginöse Symptomatik, die typischerweise in Ruhe auftritt. Nicht selten kommt es zu einem kurzfristigen Blutdruckanstieg. Auch berichten Betroffene über eine passagere Ruhedyspnoe, die sich meist durch Aufstoßen und Abgang von Blähungen bessert.

Die Ulkuskrankheit

Wenngleich die aktualisierte S2k-Leitlinie „Helicobacter pylori und gastroduodenale Ulkuskrankheit“ der DGVS, im Juli 2022 veröffentlicht, das korrespondierende Fachgebiet adressiert, ist die Thematik auch in der hausärztlichen Versorgung verankert. Der nach endoskopischer Diagnostik einer Eradikationstherapie zugeführte Patient stellt sich nach deren Beendigung meist beim Hausarzt vor, zumal der Eradikationserfolg gemäß Leitlinie „frühestens nach vier Wochen“ gastroenterologisch beurteilt werden soll. In diesem Zeitfenster stellt sich häufig die Frage einer interkurrenten Therapieoption, oft unabhängig einer Residualsymptomatik. Dazu gibt die genannte Leitlinie keine Behandlungshinweise.

Phytotherapeutische Nachsorge

Aus hausärztlicher Sicht kann in dieser Phase eine Rollkur empfohlen werden; auch können die unter „funktioneller Dyspepsie“ genannten Arzneipflanzen im Hinblick auf ihre Multi-Target-Wirkung eingesetzt werden. In Kenntnis psychosozialer Einflussfaktoren bei der Ulkus-Genese ist auch an psychotrop wirkende Arzneipflanzen (Johanniskraut, Baldrian, Passionsblume) zu denken sowie an pflanzlichen Adaptogene wie Rosenwurzwurzel (z.B. RhodioLoges, Vitango), 
ausführlich in „Der Allgemeinarzt“ Heft 1/2025 dargestellt. Die Idee liegt im multi-modalen Behandlungskonzept und folgt dem Prinzip der Salutogenese – im komplementärmedizinischen Verständnis dem Ziel einer Ausheilung („restitutio ad integrum“), pragmatisch einer längerfristigen Rezidivvermeidung.

Autor: Dr. Markus Wiesenauer

Heilkräuter
Heilkräuter

Abb.: stock.adobe.com-Creative Mahdi

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Nahaufnahme einer Frau, die gerade einen Nasenspray verwendet.

Adrenalin zur Behandlung der Anaphylaxie

Fachartikel

Bei einer anaphylaktischen Reaktion ist die frühzeitige Applikation von Adrenalin lebensnotwendig. In diesem Beitrag werden die Zulassungsdaten für das neue intranasal zu applizierende Adrenalinprodukt näher diskutiert.

Allgemeinmedizin

Haut und Allergie

Beitrag lesen
Auf diesem Foto sieht man eine junge Ärztin, die einen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator an die Brust einer älteren Dame hält.

Welche Personen mit Kardiomyopathie brauchen wann einen ICD?

Fachartikel

Es wird ein Überblick zu aktuellen Leitlinienempfehlungen, laufenden klinische Studien und neuen Entwicklungen zur Indikationsstellung für implantierbaren Kardioverter-Defibrillatoren bei Kardiomyopathien gegeben.

Allgemeinmedizin

Herz und Kreislauf

Beitrag lesen
Auf einem Klemmbrett mit rotem Kreuz sieht man eine Checkliste, die von einer Person in einem weißen Kittel abgehakt wurde.

OP-Freigabe aus kardiopulmonaler Sicht

Fachartikel

Eine strukturierte kardiopulmonale präoperative Untersuchung ist entscheidend, es werden die Kernpunkte zur OP-Freigabe aufgeführt.

Allgemeinmedizin

Herz und Kreislauf

Beitrag lesen