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Harninkontinenz der Frau – Klassifikation, Diagnostik, Therapie

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Harninkontinenz der Frau – Klassifikation, Diagnostik, Therapie

Fachartikel

Allgemeinmedizin

Nieren und Harnwege

mgo medizin Redaktion

Verlag

7 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Die weibliche Harninkontinenz ist ein häufiges Krankheitsbild und die hausärztliche Praxis oftmals erster Anlaufpunkt für die Betroffenen. Das Thema Urinverlust ist nach wie vor mit Scham behaftet. In der Regel dauert es zwei bis fünf Jahre, bis eine Patientin sich mit diesem Problem an ihre Ärztin bzw. ihren Arzt wendet. Was gilt es zu beachten für die Diagnostik und Therapie?

Was ist Harninkontinenz der Frau?

Eine Harninkontinenz ist per definitionem jeglicher unfreiwillige Harnabgang. Die Zahlen zur Prävalenz der Harninkontinenz der Frau in Deutschland variieren stark: Während eine statistische Befragung aus dem Jahr 2005 ergab, dass circa 15 % der weiblichen Bevölkerung in Deutschland Inkontinenzbeschwerden hat, ergab eine deutsch-dänische Untersuchung aus dem Jahr 2017 eine Prävalenz bei Frauen über 18 Jahren von 48,3 %. Man kann davon ausgehen, dass eine erhebliche Dunkelziffer besteht, denn das Thema Urinverlust ist nach wie vor mit Scham behaftet: So dauert es in der Regel zwei bis fünf Jahre, bis eine Patientin sich mit diesem Problem an ihre Ärztin bzw. ihren Arzt wendet. Die Häufigkeit steigt mit zunehmendem Alter, die Harninkontinenz geht mit einer hohen Belastung der Lebensqualität einher und hat sowohl psychische, physische, soziale als auch ökonomische Auswirkungen für die betroffenen Frauen.

Klassifikation der Harninkontinenz

Pathophysiologisch werden bei der weiblichen Harninkontinenz mehrere Formen unterschieden: Die beiden relevantesten sind die Belastungsinkontinenz (früher Stressinkontinenz) sowie die Dranginkontinenz (auch als Urge oder überaktive Blase bekannt).

Die wichtigsten Formen im Überblick:

Belastungsinkontinenz:

  • Schließmuskel-bedingt
  • Unwillkürlicher Urinverlust bei körperlicher Anstrengung
  • Typische Auslöser: Sport, Niesen oder Husten
  • Ohne begleitenden Harndrang

Dranginkontinenz:

  • Blasen-bedingt
  • Unwillkürlicher Urinverlust mit imperativem Harndrang
  • Der Harndrang begleitet den Urinverlust oder geht diesem voraus

Misch-Harninkontinenz:

  • Kombination aus beiden zuvor genannten Formen
  • Symptome von Belastungs- und Dranginkontinenz treten gemeinsam auf

Weitere Varianten der weiblichen Harninkontinenz

  • Neurogene Detrusorhyperaktivität
  • Chronische Harnretention
  • Harnröhrenrelaxierung
  • Extraurethrale Inkontinenz (z.B. durch eine Fistel)
  • Enuresis nocturna

Ausführliche Anamnese ist essenziell

Entsprechend der Empfehlungen der S2k-Leitlinie zur Harninkontinenz der Frau aus dem Jahr 2022 erfolgt bei Verdacht auf eine Harninkontinenz zunächst eine Basis-Diagnostik. Im Rahmen der Anamnese sollten gezielt folgende Punkte abgefragt werden:

Art und Dauer der Symptome

  • Miktionsfrequenz, Nykturie, Trinkmenge
  • Inkontinenzereignisse, Drang-, Belastung, Harnstrahl, Restharngefühl
  • Vorlagenverbrauch
  • Ziehen im Unterleib, Fremdkörpergefühl, Harnweginfekte, Hämaturie
  • Stuhlanamnese: Obstipation, Stuhlinkontinenz
  • Sexualanamnese: Dyspareunie, Kolpophonie, erektile Dysfunktion

Biografie

  • Schwangerschaften und Geburten
  • Bisherige Therapien (BBT, Medikamente, Inkontinenz-Op, Deszensus-Op)
  • Operative Eingriffe, v.a. im kleinen Becken (HE, Rektum-Op, Wirbelsäule)
  • Medikamentenanamnese

Komorbiditäten

  • Neurogene / andere Grunderkrankungen (MS, Parkinson, Apoplex, psychiatrische Erkrankungen)
  • Adipositas, Diabetes, Demenz (evtl. kognitive Test / Beobachtung: Gang, Mimik, Tremor)

Sozialanamnese

  • Berufliche Tätigkeit
  • Körperliche Aktivität, Mobilität

Leidensdruck

  • Einschränkung der Lebensqualität
  • Behandlungserwartung

Die Rolle der Medikamenten-Anamnese

Besonderes Augenmerk sollte auf die Medikamenten-Anamnese gelegt werden: Viele Medikamente können die Inkontinenz fördern sowie die Blasenentleerung verschlechtern. Dies lässt sich zunehmend im Zusammenhang mit den neuen Antidiabetika beobachten.

Für den Praxis-Alltag empfiehlt sich die Nutzung des als App verfügbaren „Wittener Harntrakt-Nebenwirkungs-Score”, der umgehend anzeigt, ob entsprechende Nebenwirkungen auftreten können.

Wichtige diagnostische Instrumente

Vorlagen-Wiegetest (Pad-Test):

  • Nachweis einer Harninkontinenz
  • Keine Differenzierung der möglichen Ursachen möglich

Miktions- und Trinkprotokoll:

  • Sollte mindestens zwei Tage lang geführt werden
  • Hilfreich bei der Diagnose der Inkontinenzart
  • Bestimmung der Blasenkapazität
  • Aufdeckung begleitender Pathologien
  • Sinnvoll für die Therapiekontrolle (sensitiv für Veränderungen)

Körperliche Untersuchung

Ein wichtiger Teil der Abklärung einer weiblichen Harninkontinenz ist die körperliche Untersuchung.

Umfang der körperlichen Untersuchung:

Palpation des Abdomens:

  • Nachweis oder Ausschluss möglicher Raumforderungen
  • Prüfung auf hohe Restharnbildung
  • Feststellung abdominaler Resistenzen
  • Schmerzlokalisation

Inspektion des äußeren Genitals:

  • Atrophiezeichen
  • Lichen
  • Hautirritationen
  • Labien-Synechie
  • Fisteln
  • Fehlbildungen
  • Entzündungen
  • Tumore
  • Prolaps

Vaginale Spekulum-Untersuchung:

  • Ausschluss von Begleitpathologien wie Senkung
  • Empfehlung: Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Gynäkologie und Urologie

Weitere Untersuchungen:

  • Rektale Untersuchung
  • Orientierende neurologische Untersuchung
  • Hustenstresstest bei voller Blase im Stehen
  • Sonografische Untersuchung (in fachärztlicher Hand)

Umgang mit Harnwegsinfekten

Das Vorliegen eines symptomatischen Harnwegsinfektes verschlechtert die Symptome einer Harninkontinenz. Liegt ein solcher vor, sollte dieser vor jeder weiteren Diagnostik behandelt werden.

Invasive Urodynamik

In den verbleibenden Fällen sowie nach erfolgloser konservativer Therapie bei Dranginkontinenz (6–8 Wochen) oder bei einer neurogenen Blasenfunktionsstörung stellt sich die Indikation einer invasiven Urodynamik.

Wann ist eine invasive Urodynamik indiziert?

  • Nach erfolgloser konservativer Therapie bei Dranginkontinenz (6–8 Wochen)
  • Vor geplanter Inkontinenzoperation
  • Bei Misch-Harninkontinenz
  • Bei Blasenentleerungsstörungen
  • Bei neurogener Grunderkrankung
  • Bei rezidivierenden Harnwegsinfekten und Drangsymptomatik
  • Bei Rezidiv-Inkontinenz (insbesondere nach vorausgegangener Operation)
  • Bei komplexer Vorgeschichte und unklaren Befunden

Durchführung der Funktionsuntersuchung

Bei der Funktionsuntersuchung der Frau kommt zumeist die Zystomanometrie zum Einsatz. Zusätzlich kommen oft noch Klebeelektroden zur Ableitung des Beckenboden-EMGs hinzu. Mit dieser Funktionsdiagnostik können die Harnspeicherung sowie die Blasenentleerung detailliert beurteilt werden.

Zu guter Letzt kann eine Blasenspiegelung erfolgen, insbesondere wenn Drangsymptome auftreten. Bei Bedarf kann auch eine radiologische Untersuchung (Video-Urodynamik, Miktionszystourethrographie, funktionelles MRT) durchgeführt werden.

Therapeutische Strategien

Die Therapie-Optionen der weiblichen Harninkontinenz sind vielfältig und reichen von gering bis stark invasiven Methoden – konservativ und operativ. Wichtig sind eine Abklärung und Therapie möglicher Begleiterkrankungen, wie beispielsweise Herzinsuffizienz, chronische Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus oder metabolisches Syndrom. Eine Besserung der Komorbidität kann möglicherweise auch den Schweregrad der Harnsymptome verbessern.

Lebensstil-Interventionen

Ein wichtiger Teil der Behandlung sind Lebensstilinterventionen, die sich im Rahmen der hausärztlichen Versorgung initiieren lassen. So gibt es eine klare Korrelation zwischen Adipositas und Dranginkontinenz.

Zentrale Maßnahmen zur Lebensstil-Änderung:

Gewichtsreduktion:

  • Die Leitlinie empfiehlt, übergewichtige oder adipöse Patientinnen mit Harninkontinenz zu motivieren, ihr Körpergewicht zu reduzieren
  • Klare Korrelation zwischen Adipositas und Dranginkontinenz

Verminderung der Koffeinzufuhr:

  • Hoher Kaffeekonsum (> 450 mg/d) steigert das Risiko der Dranginkontinenz um 25 %
  • Verringerter Kaffeekonsum kann die Drangsymptomatik verbessern, aber nicht die Inkontinenz

Blasen- und Beckenbodentraining:

  • Regelmäßiges Blasentraining
  • Regelmäßiges Beckenbodentraining
  • Regelmäßiger Entleerungsrhythmus
  • Verbesserung der Symptomatik

Flüssigkeitszufuhr:

  • Die Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr ist eine häufig zu beobachtende Strategie von Betroffenen
  • Art und Menge der zugeführten Flüssigkeit sollten überprüft und gegebenenfalls angepasst werden
  • Wichtig: Durst vermeiden

Auffangen des Harns

Inkontinenzprodukte sowie intermittierende Selbstkatheterisierung können zum Einsatz kommen, wenn eine aktive Behandlung das Problem nicht lösen kann, eine andere Therapie nicht möglich ist oder von der Patientin abgelehnt wird. Es sollte jedoch sichergestellt werden, dass Patientinnen mit Harninkontinenz bzw. ihre Betreuenden über die verfügbaren Behandlungsoptionen informiert werden, bevor sie sich allein für eine Hilfsmittel-Verwendung entscheiden.

Pharmakotherapie

Eine der wichtigsten Substanzklassen für die medikamentöse Therapie der weiblichen Harninkontinenz sind Antimuskarinika.

Antimuskarinika:

Verfügbare Darreichungsformen:

  • Orale Präparate
  • Transdermale Pflaster
  • Intravesikale Instillationslösungen (in Deutschland zugelassen)

Wichtige Hinweise:

  • Laut Leitlinie ist kein Antimuskarinikum einem anderen hinsichtlich der Wirksamkeit überlegen
  • Bei ungenügendem oder fehlendem Ansprechen kann ein Switch erwogen werden
  • Bei älteren Patientinnen können Antimuskarinika bis auf Oxybutynin IR unter Berücksichtigung von Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten sicher angewandt werden
  • Oxybutynin IR kann bei älteren Patientinnen einen deutlich negativen Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit haben und ist mit einem hohen Nebenwirkungsprofil assoziiert

ß3-Rezeptoragonisten

Zugelassene Präparate in Deutschland:

  • Mirabegron (seit 2014)
  • Vibegron (seit 2024)

Eigenschaften:

  • Gleichwertig mit Anwendungen von Antimuskarinika in der Verbesserung der überaktiven Blase
  • Ohne Beeinträchtigung der Blasenkontraktilität
  • Bei Mirabegron ist eine mögliche Hypertonie zu beachten

Vaginale Östrogengabe:

Darüber hinaus wird eine längerfristige vaginale Östrogengabe bei postmenopausalen Frauen mit vulvo-vaginaler Atrophie empfohlen.

Operative Therapie

Wenn mit den zuvor genannten Methoden nach drei bis sechs Monaten keine Besserung eintritt, stehen verschiedene operative Optionen zur Verfügung.

Minimalinvasive Verfahren

Lasertherapie:

  • Bei leichter bis mittlerer Belastungsinkontinenz
  • Minimalinvasive Option

Onabotulinumtoxin A:

  • Injektionen in die Harnblasenwand
  • Wirksame minimalinvasive operative Option
  • Zu beachten: Zeitliche Limitierung der Wirkung
  • Postinterventionelles Risiko von Harnwegsinfekten und Restharnbildung

Weitere operative Maßnahmen:

Sakrale Neuromodulation:

  • Modulierende Effekte im Rückenmark und Cerebrum
  • Einsatz bei überaktiver Blase
  • Effekte vergleichbar zu Onabotulinumtoxin A

Periphere Neurostimulation:

  • Minimalinvasiver Ansatz
  • Alternative Behandlungsoption

Interdisziplinär zum Erfolg

Für die Diagnose und Behandlung der weiblichen Harninkontinenz ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Allgemeinmedizin, Gynäkologie und Urologie wertvoll.

Vorteile der interdisziplinären Zusammenarbeit:

  • Einige wichtige Punkte können bereits in der hausärztlichen Praxis abgeklärt werden
  • Für einige Untersuchungen ist die Überweisung an eine Fachärztin bzw. einen Facharzt sinnvoll
  • Gemeinsam ist es möglich, den Betroffenen die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen

Quelle: Online-Fortbildung „Inkontinenz der Frau“ am 17. April 2025 bei StreamedUp

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