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Reizmagensyndrom: Das sagt die aktuelle Leitlinie

Eine Frau hält sich ihren Bauch

Reizmagensyndrom: Das sagt die aktuelle Leitlinie

Fachartikel

Allgemeinmedizin

Magen und Darm

4 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Die S1-Leitlinie zur funktionellen Dyspepsie liefert einen aktuellen Überblick zu Pathophysiologie, Leitsymptomen, differenzialdiagnostischem Vorgehen und praxisrelevanten Therapieoptionen – inklusive Empfehlungen zu Lebensstil, Phytotherapie und Psychotherapie.

Die funktionelle Dyspepsie (FD, Reizmagen) stellt eine der häufigsten gastroenterologischen Erkrankungen dar und wird als Störung der Darm-Hirn-Interaktion (Disorder of Gut-Brain Interaction, DGBI) eingeordnet. Sie betrifft etwa 10 % der Bevölkerung, wobei Frauen häufiger darunter leiden. Zu den wichtigsten Risiko­faktoren zählen gastrointestinale Infektionen – insbesondere postinfektiöse Verläufe –, die Einnahme nicht-steroidaler Antirheumatika sowie psychische Komorbiditäten wie Angststörungen. Auch genetische Prädispositionen und psychosoziale Belastungen wie Stress und Traumata spielen eine Rolle bei der Krankheitsentstehung.

Die Pathophysiologie der FD ist multifaktoriell und komplex. Sie umfasst Störungen der Motilität wie eine gestörte Akkommodation oder verzögerte Magenentleerung, die bei etwa 30 % der Patient:innen nachweisbar ist. Daneben kommt es häufig zu einer viszeralen Hypersensitivität, sodass normale Verdauungsprozesse als unangenehm oder schmerzhaft wahrgenommen werden. Neuere Studien zeigen zudem Veränderungen der duodenalen Barriere sowie eine Immunaktivierung mit erhöhter Mastzell- und Eosinophilenanzahl. Auch die Zusammensetzung der Mikrobiota kann verändert sein. Psychosoziale Faktoren wie Stress und traumatische Erlebnisse können Symptome verstärken oder aufrechterhalten.

Organische Ursachen ausschließen

Die Diagnostik der FD basiert auf den Rom-IV-Kriterien und dem Ausschluss organischer 
Ursachen. Leitsymptome sind postprandiales Völlegefühl, frühes Sättigungsgefühl sowie epigastrische Schmerzen und Brennen. Da die Symptomatik unspezifisch ist, müssen andere Erkrankungen wie Ulkuskrankheit, gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD), Reizdarmsyndrom, Gallenwegserkrankungen oder Karzinome ausgeschlossen werden. Alarmzeichen wie ungewollter Gewichtsverlust, Anämie, Erbrechen, Dysphagie, gastrointestinale Blutung oder eine positive Familienanamnese für Magenkarzinom erfordern eine weiterführende Diagnostik, meist mittels Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD). Bei Nachweis einer Helicobacter pylori-Infektion ist eine Eradikation indiziert. Weitere diagnostische Maßnahmen wie die Bestimmung der Magenent-
leerungszeit oder spezielle Dünndarmdiagnostik sind nur in Ausnahmefällen notwendig.

Therapie orientiert sich an Symptomatik

Die Therapie der FD erfolgt stufenweise und orientiert sich an der individuellen Symptomatik. Die Beratung zu Lebensstiländerungen, insbesondere zu einer fettarmen Ernährung, Rauchverzicht und regelmäßiger körperlicher Aktivität, ist essenziell. Die Therapieziele sollten realistisch gesetzt werden: Im Vordergrund steht die Kontrolle der Symptome, nicht deren vollständige Beseitigung.

Medikamentös stehen zunächst Phytotherapeutika wie STW-5 sowie Pfefferminz- und Kümmelöl zur Verfügung, die als First-Line-Therapie empfohlen werden. Bei säureassoziierten Beschwerden können Protonenpumpeninhibitoren (PPI, off-label) oder H2-Blocker eingesetzt werden. Prokinetika wie Metoclopramid oder Domperidon sind nur zur Kurzzeitanwendung und ebenfalls off-label empfohlen. Simethicon kann insbesondere Blähungen und Völlegefühl lindern. Bei therapieresistenten Beschwerden kommen niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin oder Mirtazapin (bei Inappetenz) als Second-Line-Medikamente infrage.

Entspannung und Co.

Nicht-medikamentöse Verfahren sind ein weiterer zentraler Pfeiler der Therapie. Psychotherapeutische Verfahren, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, psychodynamische Psychotherapie und Hypnotherapie konnten in Studien eine Verbesserung der Symptomatik und der Lebensqualität zeigen. Bei Mind-Body-Verfahren wie Stressmanagement, Achtsamkeitstraining oder diaphragmale Atemübungen ist die Evidenzlage noch begrenzt. Ergänzend können traditionelle Verfahren wie Akupunktur oder pflanzliche Präparate aus der traditionellen chinesischen Medizin erwogen werden. Ernährungsmodifikationen sollten individuell erfolgen, da es keine klaren diätetischen Empfehlungen gibt; viele Patient:innen berichten jedoch über symptomatische Trigger durch bestimmte Nahrungsmittel.

Zusammenfassend ist die funktionelle Dyspepsie eine häufige, aber gutartige Erkrankung mit komplexer Pathophysiologie. Die Diagnostik ist symptomorientiert und schließt Differenzialdiagnosen aus. Die Therapie basiert auf einer Kombination aus Aufklärung, Lebensstilmodifikation, Phytotherapie sowie ggf. medikamentösen und psychotherapeutischen Ansätzen. Die Prognose ist insgesamt gut, auch wenn die vollständige Symptomfreiheit selten erreicht wird.

Autor: Stefan Gagel

Quelle: S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für ­Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM): ­Funktionelle Dyspepsie (Reizmagen)

Bildquelle: © mi_viri – stock.adobe.com

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