Allgemeinmedizin

»

Sektorengrenzen im Gesundheitssystem – ein Auslaufmodell?

Hausarzt, Facharzt, Sektoren des Gesundheitssystems

Quelle: Valing s - stock.adobe.com

Sektorengrenzen im Gesundheitssystem – ein Auslaufmodell?

Kongressberichte

Allgemeinmedizin

mgo medizin Redaktion

Verlag

2 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Prof. Dr. med. Georg Ertl, stellt beim 132. DGIM-Kongress eine grundsätzliche Frage: Sind die historisch gewachsenen Sektorengrenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung noch zeitgemäß?

Historisch gewachsen – strukturell überholt?

Ertl erinnert daran, dass die strikte Trennung von ambulantem und stationärem Bereich auf das Kassenarztrecht von 1955 zurückgeht – geprägt durch Kassenärztliche Vereinigungen, die Krankenhausambulanzen weitgehend ausschlossen. „Für andere Länder erscheinen diese Strukturen willkürlich“, so Ertl. Dabei habe sich das System durchaus bewährt: „Unser Gesundheitssystem hat sich bis heute nicht zuletzt durch den freien Arztberuf als äußerst leistungsfähig erwiesen.

Wachsender Druck auf ein überlastetes System

Doch die Zeichen der Zeit sprechen eine andere Sprache. Ertl nennt mehrere Faktoren, die das System zunehmend belasten: demografischer Wandel auf Arzt- und Patientenseite, mangelnde Primärprävention, Überversorgung durch kommerzielle Anreize sowie der Trend zum Angestelltenverhältnis unter jungen Ärztinnen und Ärzten. Zugleich finden in deutschen Praxen jährlich 600 Millionen Behandlungen statt – Deutschland gehört damit zu den Spitzenreitern in Europa bei Arztbesuchen.

Besonders auf dem Land spitzt sich die Lage zu: „Insbesondere auf dem Land gestaltet sich die hausärztliche und fachärztliche Versorgung vielerorts heute schon schwierig und droht kritisch zu werden.

Sein Lösungsvorschlag: Durchlässigkeit statt Abschaffung

Ertl plädiert nicht für eine Abkehr vom bewährten System, sondern für mehr Flexibilität: Der niedergelassene Sektor solle „erhalten, aber durchlässiger werden.” Kleinere Krankenhäuser, die im Zuge der Krankenhausreform Leistungen abgeben müssen, könnten als Praxiskliniken mit breitem ambulantem Angebot die schwindende Einzelpraxis ergänzen – ein Modell, das jungen Ärztinnen und Ärzten kollegiales, interdisziplinäres Arbeiten ermöglicht und multimorbiden Patienten gerecht wird.

Gesellschaftliches Umdenken gefordert

Das strukturelle Problem allein lasse sich damit jedoch nicht lösen, betont Ertl: „Das generelle Problem der Überlastung unseres Gesundheitssystems können solche Modelle nicht lösen, hier muss ein Umdenken in unserer Gesellschaft stattfinden.” Gefragt sei mehr Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung – und auf ärztlicher Seite der verstärkte Einsatz von Delegation und Künstlicher Intelligenz, um Arztzeit gezielter einzusetzen.


Für die Praxis: Gerade für Hausärztinnen und Hausärzte im ländlichen Raum könnten Praxisklinik-Modelle künftig eine reale Entlastung und Perspektive bieten – vorausgesetzt, die laufenden Reformprozesse schaffen die nötigen Rahmenbedingungen.


Quelle: Pressekonferenz beim DGIM 2026
Abb.: stock.adobe.com – Valing

Weitere Beiträge zu diesem Thema

© Andrei - stock.adobe.com

Imperativer Harndrang: Sensorische Überempfindlichkeit als mögliche Ursache

News

Allgemeine sensorische Empfindlichkeit (Generalized Sensory Sensitivity, GSS) beschreibt eine Überempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen (z.B. helles Licht, Geräusche, Chemikalien) sowie verstärkter Wahrnehmung innerer Körpersignale (z. B. Herzrasen, Mundtrockenheit, Gleichgewichtsstörungen).

Allgemeinmedizin

Nieren und Harnwege

Beitrag lesen
© HADI INCREDIBLE - stock.adobe.com

Infarkt-Risiko: LDL-Cholesterinsenkung zu selten leitliniengerecht

News

Besonders nach einem Herzinfarkt, Schlaganfall, einer Gefäßoperation oder bei Patienten mit einem hohen Risiko für solche Ereignisse, kommt es zu erhöhten LDL-Cholesterin-Blutwerten. Internationale wie auch die deutschen Leitlinien empfehlen ein gezieltes Absenken des LDL-Cholesterins auf weniger als 55 mg/dl Blut.

Allgemeinmedizin

Herz und Kreislauf

Beitrag lesen
© Ubay.d25 - stock.adobe.com

Chronische Nierenkrankheit: Gezieltes Screening verbessert die Prognose

News

Moderne medikamentöse Therapien können heute das Fortschreiten einer chronischen Nierenkrankheit (CKD) deutlich verzögern, in vielen Fällen sogar stoppen. Voraussetzung dafür ist jedoch eine frühzeitige Diagnose.

Allgemeinmedizin

Nieren und Harnwege

Beitrag lesen