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Keine Krebsmedizin ohne Supportivtherapie

Keine Krebsmedizin ohne Supportivtherapie

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Erschienen in: onkologie heute

Neurotoxizität

Die Chemotherapie-induzierte periphere Polyneuropathie (CIPN) betrifft 60-90% der Patienten, die eine zytostatische Therapie erhalten. Die Schädigung sensorischer, aber auch motorischer Nervenfasern bedeutet eine erhebliche Beeinträchtigung für den Patienten, zumal sie sich nach Beendigung der Chemotherapie schlecht zurückbildet. Kausale Therapien gibt es kaum, außer für die inflammatorische Neuropathie, die mit Immunglobulinen, Plasmapherese oder Steroiden gut zu behandeln ist.

Viele verschiedene Ansätze zur Prävention oder Symptomreduktion haben sich nicht als wirksam erwiesen, z.B. Vitamin E, hochdosiertes Vitamin B12, Elektrotherapie, Elektrolytinfusionen, Corticosteroide, Neuroprotektiva (z.B. Pregabalin) oder Nervenwachstumsfaktor (NGF). Wie Prof. Feyer betonte, gibt es jedoch zwei Ausnahmen: Duloxetin verringert Schmerzen im Rahmen einer CIPN und verbessert damit die  Lebensqualität. Außerdem wird immer mehr Evidenz dafür bekannt, dass spezifisches, symptomorientiertes neuromuskuläres Training, z.B. Sensomotorik- oder Vibrationstraining, Symptome einer CIPN reduzieren, oder deren Auftreten manchmal sogar verhindern kann.

Neue Substanzen, neue Nebenwirkungen

Ein neuer Aspekt in der supportiven Therapie ist der Umgang mit den spezifischen Nebenwirkungen von Immuntherapeutika wie Nivolumab, Ipilimumab oder Pembrolizumab, die das Überleben von Patienten mit verschiedenen Tumorerkrankungen deutlich verbessern konnten. Besonders hoch ist das Nebenwirkungsrisiko bei Therapie mit CTLA-4-Inhibitoren oder Kombination von Immuntherapeutika.

Jedes neu auftretende Symptom kann Ausdruck einer immunvermittelten Nebenwirkung sein. Die meisten Nebenwirkungen setzen innerhalb von 12 Wochen nach Beginn der Therapie ein, meist jedoch nicht vor der dritten Therapiewoche. Als erstes zeigen sich Hautausschlag und Juckreiz. Es folgen Diarrhö und Colitis, danach Lebertoxizität und Hypophysitis. Die meisten Nebenwirkungen nehmen anfangs an Schwere zu und dann im Verlauf von einigen Wochen wieder ab. Sie sind mit Steroiden gut behandelbar. Nach Abklingen der Symptome müssen die Steroide wieder langsam ausgeschlichen werden. Die Immuntherapie kann danach durchaus fortgesetzt werden, je nach individueller Risiko-Nutzen-Bewertung.

Relativ neu sind auch PARP-Inhibitoren. Als Substanzklasse können sie vor allem gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Diarrhö bewirken sowie Fatigue oder Knochenmarksuppression. Dazu kommen spezifische Toxizitäten wie Kreatininanstieg bei Olaparib oder Rucaparib, Transaminasenanstieg bei Rucaparib und Niraparib, Cholesterinerhöhung bei Rucaparib sowie Hypertonie, Tachykardie und Kopfschmerzen bei Niraparib.

CDK4/6-Inhibitoren können zu Knochenmarkssuppression, Fatigue, Diarrhö, Transaminasenanstieg oder Alopezie führen. Speziell bei Palbociblib und Ribociclib ist auf eine QT-Zeit-Verlängerung zu achten. Abemaciclib weist eine vergleichsweist geringere Hämatotoxizität auf, induziert aber häufiger Diarrhöen.

Chronische Fatigue

Unter einer chronischen Fatigue leiden 40% der Krebspatienten schon vor der Diagnose. Wenn eine Chemotherapie und/oder Radiotherapie erfolgt, betrifft die Fatigue 80-90% der Patienten. Doch das Ende der Therapie bedeutet keineswegs, dass das Problem der Fatigue ebenfalls aufhört. Vielmehr besteht es bei mehr als zwei Drittel der Patienten für mindestens sechs Monate fort. Ein Drittel leidet sogar Jahre unter Fatigue.  

Nach der aktuellen ESMO-Leitlinie sollten alle Krebspatienten vom Zeitpunkt der Diagnose an – und wenn klinisch notwendig  – auch danach routinemäßig auf Fatigue gescreent werden. Dazu sollten validierte Instrumente mit klaren Cut-off-Werten eingesetzt werden, z.B. eine numerische Rating-Skala (NRS) mit elf Punkten. Eine Punktzahl über 4 steht für eine mittelschwere bis schwere Fatigue, die Interventionsbedarf signalisiert.

Zunächst sollten alle möglichen Einflussfaktoren wie Anämie, Elektrolytstörungen oder Schmerzen evaluiert und therapiert werden. Bleibt die Fatigue bestehen, sind Maßnahmen wie körperliche Aktivität und psychosoziale Interventionen indiziert. Auf der medikamentösen Seite helfen zumindest kurzfristig Kortikosteroide gegen die Fatigue.  

Autorin: Dr. Angelika Bischoff

Quelle: Virtueller Fachpresse-Workshop: Onkologische Supportivtherapie im Fokus, 17. März 2021. Sponsoren: AMGEN GmbH und innocur Pharma GmbH

Bilderquelle: © patila – stock.adobe.com

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