Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ihre aktuellen Empfehlungen veröffentlicht und damit teilweise weitreichende Änderungen aus dem Vorjahr zusammengefasst. Diese STIKO-Empfehlungen spiegeln nicht nur den medizinischen Fortschritt und neue Evidenz wider, sondern reagieren auch auf veränderte epidemiologische Lagen und die Verfügbarkeit neuer Impfstoffe. Für die tägliche Praxis ist die Kenntnis dieser Änderungen essenziell, um einen adäquaten Impfschutz für Patienten sicherzustellen.
Paradigmenwechsel bei den Meningokokken-Impfungen
Eine der signifikantesten Änderungen der STIKO-Empfehlungen betrifft die Prävention invasiver Meningokokken-Erkrankungen. Die bisherige Standardimpfung gegen Meningokokken der Serogruppe C im Alter von zwölf Monaten entfällt ersatzlos. Stattdessen führt die STIKO eine neue Standardimpfung für Jugendliche ein.
Neue Impfstrategie für Jugendliche
Die STIKO empfiehlt nun:
- Standardimpfung: für Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren mit quadrivalentem Konjugat-Impfstoff (MenACWY)
- Nachholimpfung: für alle Personen unter 25 Jahren zum raschen Aufbau des Gemeinschaftsschutzes
- Ziel: Senkung der Transmission in der Altersgruppe mit der höchsten Trägerrate
- Indirekter Schutz: jüngerer Kinder durch reduzierte Übertragung
Kritische Betrachtung der neuen Meningokokken-Empfehlung
Diese Empfehlung kann durchaus kritisch gesehen werden. Die STIKO gibt hier eine etablierte Impfung mit sehr hohen Durchimpfungsraten auf und verlagert die Impfung in eine Altersgruppe, die schwerer zu erreichen ist. Die Bemühungen um hohe Impfquoten gegen HPV belegen, wie herausfordernd dies sein kann. Bis entsprechende Durchimpfungsraten bei den Jugendlichen erreicht sind, greift auch die Idee eines indirekten Schutzes für die Jüngsten nicht.
Hier wäre ein Beibehalten der aktuellen Impfempfehlung im Alter von zwölf Monaten mit Wechsel auf einen Meningokokken-ACWY- statt -C-Impfstoff zusätzlich zur Impfung ab zwölf Jahren sicherlich eine Möglichkeit gewesen. Je nachdem, wann höhere Durchimpfungsraten bei den Jugendlichen erreicht werden, könnte man entsprechend nachjustieren.
Erweiterung der RSV-Prävention
Im Bereich der Respiratorischen Synzytial-Viren (RSV) wurde das Portfolio der empfohlenen Vakzine erweitert. Die STIKO-Empfehlungen umfassen nun auch mRNA-basierte Impfstoffe gegen RSV.
mRNA-RSV-Impfstoff mResvia
Neben den proteinbasierten Impfstoffen wird nun auch der mRNA-RSV-Impfstoff mResvia empfohlen:
Standardimpfung:
- Personen ab 75 Jahren
- Zweite mRNA-Impfstoff-Indikation in Deutschland
Indikationsimpfung:
- Altersgruppe der 60- bis 74-Jährigen
- Mit relevanten Risikofaktoren wie:
- Schwere chronische Lungenerkrankungen
- Ausgeprägte Immundefizienz
Technologievergleich bei RSV-Impfstoffen
Eine präferenzielle Empfehlung für eine bestimmte Technologie wird derzeit von der STIKO nicht ausgesprochen. Prinzipiell ist eine gewisse Vielfalt an Impfstoffen für eine Indikation sicherlich zu begrüßen. Gerade im Wettlauf zwischen den proteinbasierten Impfstoffen mit und ohne Adjuvans und dem mRNA-Impfstoff wird es spannend, welche Technologie sich durchsetzt in Hinblick auf:
- Wirksamkeit
- Nebenwirkungsprofil
- Anwendung
- Patientenakzeptanz
Neue Akzente beim Reise- und Arbeitsschutz: Chikungunya
Mit der Empfehlung zur Impfung gegen das Chikungunya-Virus reagiert die STIKO auf die steigende globale Relevanz dieser Arbovirose und die neue Verfügbarkeit zweier Impfstoffe in Deutschland.
Indikationen für die Chikungunya-Impfung
Die Impfung ist indiziert bei:
- Reisen in Gebiete mit aktivem Ausbruchsgeschehen
- Langzeitaufenthalten in Endemiegebieten
- Erhöhtes Risiko für schwere Verläufe:
- Personen ab 60 Jahren
- Schwere Grunderkrankungen
Differenzierte Impfstoffwahl bei Chikungunya
Wissenschaftlich relevant ist hierbei die differenzierte Impfstoffwahl:
Personen von 12 bis 59 Jahren:
- Lebendimpfstoff Ixchiq ODER
- Totimpfstoff Vimkunya
Personen ab 60 Jahren:
- Ausschließlich Totimpfstoff empfohlen
- Grund: Nach Zulassung des Lebendimpfstoffs vermehrt schwerwiegende unerwünschte Ereignisse in dieser Altersgruppe beobachtet
Bedeutung von Chikungunya in der Reisemedizin
Chikungunya gewinnt in der Reisemedizin in den letzten Jahren durch eine deutliche Zunahme der Infektionen an Bedeutung. Ein Ausbruch mit über 300 Betroffenen in Norditalien hat die Awareness durch die mediale Berichterstattung deutlich gesteigert.
Insbesondere chronische Verläufe sind problematisch:
- Auftreten bei 20–60 % der Reisenden
- Sehr belastend für die Betroffenen
- Langfristige gesundheitliche Einschränkungen
Ob sich der Totimpfstoff mit einem etwas besseren Nebenwirkungsprofil und schnellerer Wirksamkeit oder der Lebendimpfstoff mit den besseren Daten für einen langfristigen Schutz durchsetzt, bleibt abzuwarten. In der reisemedizinischen Beratung hat sich die Impfung auf jeden Fall rasch etabliert.
H5N1: Gezielter Schutz vor Doppelinfektionen
Die weltweite Ausbreitung hochpathogener H5N1-Viren hat zu einer Erweiterung der Influenza-Indikationsimpfung geführt. Um das Risiko von Doppelinfektionen und damit verbundenen potenziellen Reassortments zu minimieren, wird die jährliche Impfung nun auch für weitere Personengruppen empfohlen.
Neue Zielgruppen für die Influenza-Impfung
Die STIKO-Empfehlungen umfassen nun auch Personen mit regelmäßigem engem Kontakt zu:
- Geflügel
- Wildvögeln
- Schweinen
- Robben
Dies betrifft sowohl den beruflichen Kontext (z. B. Landwirtschaft, Zoos) als auch das private Umfeld.
Präventive Bedeutung der erweiterten Impfempfehlung
Auch wenn die Empfehlung wahrscheinlich nur eine kleine Personengruppe abdeckt, ist der Gedankengang in Hinblick auf die Prävention neuer Erkrankungen mit Pandemiepotenzial richtig und wichtig.
Impfung gegen Herpes zoster ab 18 Jahren
Ein wesentlicher Schwerpunkt der STIKO-Aktualisierung 2026 liegt auf der Indikationsimpfung gegen Herpes zoster (HZ) zur Verhinderung der Erkrankung und ihrer Komplikationen wie der Post-Zoster-Neuralgie (PHN).
Standardimpfung bleibt unverändert
Die Standardimpfung für alle Personen ab 60 Jahren bleibt unverändert bestehen.
Erweiterte Indikationsimpfung ab 18 Jahren
Die Indikationsstellung für jüngere Patienten wurde präzisiert und auf alle Personen ab 18 Jahren ausgeweitet, die eine erhöhte gesundheitliche Gefährdung aufweisen.
Personen mit angeborener oder erworbener Immundefizienz:
- Nach hämatopoetischer Stammzelltransplantation (HSZT)
- Nach Organtransplantation
- Unter immunsuppressiven Therapien
Personen mit schweren Ausprägungen chronischer Grunderkrankungen:
- HIV-Infektionen
- Rheumatoide Arthritis
- Systemischer Lupus erythematodes (SLE)
- Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED)
- Schwere COPD oder Asthma bronchiale
- Insulinpflichtiger Diabetes mellitus mit Komplikationen
Wichtig: Leichte, unkomplizierte oder medikamentös gut kontrollierte Formen sind nicht von der Impfempfehlung umfasst.
Bewertung der Herpes-zoster-Empfehlung
Nachdem die Impfung gegen Herpes zoster schon seit mehreren Jahren ab einem Alter von 18 Jahren zugelassen ist, war eine Einordnung durch die STIKO mehr als überfällig. Insgesamt ist eine Empfehlung ab 18 Jahren für Risikogruppen sicher zu begrüßen. Allerdings wird die Entscheidung zur Indikation nach Schwere der Erkrankung wieder auf den Arzt übertragen, und es fehlt an klaren Vorgaben (z. B. Multimorbidität), was hohen Durchimpfungsraten in den Risikogruppen sicher nicht zuträglich ist.
Fazit zu STIKO-Empfehlungen 2026
Die aktuellen STIKO-Empfehlungen bringen wichtige Neuerungen für die Impfpraxis. Während einige Änderungen wie die Erweiterung der Herpes-zoster-Impfung und die Chikungunya-Impfung zu begrüßen sind, werfen andere Anpassungen wie der Paradigmenwechsel bei den Meningokokken-Impfungen Fragen auf. Für Allgemeinärzte ist es essenziell, diese Änderungen zu kennen und in der täglichen Praxis umzusetzen, um einen optimalen Impfschutz für ihre Patienten zu gewährleisten.
Über den Experten
Dr. med. Markus Frühwein
Praxis Dr. Frühwein & Partner
Allgemein- und Tropenmedizin, München
markus@drfruehwein.de



