Ärztliche Versorgung im Supermarkt – diese Meldung geisterte letztens für zumindest einen Tag in den Medien. Müssen wir uns in den hausärztlichen Praxen nun Sorgen machen? Da bekommt der Spruch „Können Sie eine weitere Kasse aufmachen“ einen ganz doppeldeutigen Sinn. Kolumne von Dr. med. Torben Brückner
Ich betreue einen mittlerweile bettlägerigen Patienten, der seit Jahrzehnten in einem Hochhaus gegenüber dem örtlichen Supermarkt wohnt. Seitdem er Rentner und verwitwet ist, ging er jeden Morgen um 8 Uhr einkaufen. Immer nur eine Kleinigkeit. Als es mit der Zeit beschwerlicher wurde, nahm er den Rollator und legte die zwei bis drei Artikel in den Korb und schob ihn und sich von zuhause zum Markt und zurück – bei Wind und Wetter. Als auch das zu anstrengend wurde, hieb er mit aller Mühe den Rollator in den Kofferraum seines Autos, fuhr einmal über die Straße und parkte auf dem Behindertenparkplatz direkt neben dem Supermarkt und erledigte seinen täglichen Einkauf. Treu suchte der Patient damals noch mich ebenfalls genau einmal die Woche in der Praxis auf. Ein kurzes Gespräch und dann zog er stets weiter. Bisweilen stelle ich mir vor, wenn es keine Einkaufsläden, keine Bäckereien, keine Friseursalons mehr gäbe – würden dann nicht noch viel mehr Menschen in unseren Wartezimmern sitzen?
Videosprechstunde zwischen Regalen
Nun hat also ein Vertreter der Lebensmittelvollsortimenter (den Begriff kannte ich vorher noch nicht) in einer seiner Filialen kleine Räumlichkeiten freigestellt, baute dort einen schicken Computerbildschirm auf, um Videosprechstunden abzuhalten. Immerhin eine Medizinische Fachangestellte solle vor Ort sein, um so etwas wie den Blutdruck zu messen. Wenn einem also, während man mit seinem Einkaufswagen durch die Gänge schlendert, beim Anblick der Preise für Schokolade plötzlich übel wird, kann man über eine App direkt einen Termin vereinbaren. Man sollte sich aber gut überlegen, ob man noch die Tiefkühlprodukte mitnimmt und in Kauf nimmt, dass diese zuhause längst aufgetaut sind. Oder schlechter noch, vielleicht bedeutet die Symptomatik ja etwas Schlimmes und man wird ins Krankenhaus eingewiesen? Bringt man dann alle Einkäufe erst noch mit dem Krankenwagen nach Hause und oder gibt es dafür einen Extralieferdienst vom Discounter? Andererseits kann man natürlich auch erst die ärztliche Konsultation in Anspruch nehmen und dank rasch ausgestellter Krankschreibung hat man danach den ganzen Tag Zeit, in Ruhe seine Einkäufe zu erledigen.
Zukunftsvisionen an der Kasse
Natürlich ist alles nur ein erster Schritt. Sinnvoll wäre es, wenn der Scanner der Supermarktkasse automatisch auch die Karte einlesen, den QR-Code des bundeseinheitlichen Medikamentenplans erfassen und zugleich Fieber messen könnte. Statt der obligatorischen Frage, ob man noch Geld abheben möchte, folgt eben: „Brauchen Sie einen Termin? Vielleicht wollen Sie ein paar Hustenbonbons mitnehmen – diese finden Sie direkt zwischen den Zigaretten und den Süßigkeiten.“ Was kommt dann noch? Vorsorgekoloskopie mit dem Sonderangebot von Kohlrouladen die Tage vor der Untersuchung? Lebersonographie neben dem Weinregal? Dass der Lebensmitteleinzelhandel bald mehr Regale für Gesundheitspräparate zu Verfügung stellt als für Obst und Gemüse, ist da nur eine verständliche Konsequenz. Wobei ich – teilweise vergebens – Patienten, die mich fragen, wo und welche Vitamine am besten zu besorgen sind, gern auf die Supermärkte verweise: „Am Eingang gleich die ersten Produkte, das was Ihnen schmeckt!“
Parallelen zwischen Supermarkt und Hausarztpraxis
Letztlich haben Supermärkte und Hausarztpraxen ziemlich viel gemeinsam – nah am Leben der Menschen. Nur allzu gern machen wir bei unserer Arbeit passende Vergleiche. Wenn Patienten mal wieder ihre Krankenkassenkarte vergessen haben und völlig verblüfft sind, dass man die überhaupt haben will, sagen unsere MFAs stets: „An der Supermarktkasse können sie doch auch nicht ohne zu bezahlen mit Ihren Waren rausgehen.“ Oder wenn an mich wieder mal der Wunsch nach einer Blutentnahme erfolgt und ich nach Symptomen frage oder welche Blutwerte gemeint sind, die Antwort erhalte: „Ja alle halt.“ Dann sage ich auch mal: „Wenn Sie für jemanden einkaufen gehen, möchten Sie doch auch wissen, was Sie ihm mitbringen sollen. Wenn Sie da alles mitbringen, ist die Speisekammer recht voll.“ Darauf versuche ich zu erklären, dass jeder Blutwert einen bestimmten Grund hat, wie Zutaten für ein Kochrezept. Wie heißt es mittlerweile bei Medikamentenanfragen in Deutschland so schön: „Auf Karte bitte“. Wir haben in der Praxis längst aufgegeben, den Patienten zu erklären, dass die Medikamente nicht direkt auf die Krankenkassenkarte übertragen werden, sondern … ach egal, der nächste bitte. Letztlich bin ich auch nicht besser, statt mühsam Kleingeld mit mir herumzuschleppen, bezahle ich mittlerweile an der Supermarktkasse auch nur noch „mit Karte bitte“ – aber der anderen.
Die Videosprechstunde im Supermarkt – Sinn oder Unsinn?
Warum aber nun Videosprechstunde im Supermarkt? Wozu überhaupt dafür in einen Supermarkt gehen, wenn man sie auch von zuhause aus bequem auf dem Wohnzimmersofa durchführen kann? Mit mehr Ruhe und Vertrautheit. Aus Neugier wird es so mancher ausprobieren, vielleicht auch praktisch finden am Samstag hingehen zu können – wobei, wer geht schon gern am Samstag in einen völlig überfüllten Supermarkt? Bei tatsächlichen Problemen stehen die Menschen dann doch am Montag wieder in unserer Praxis auf der Matte, weil der Video-Doktor das dringend empfohlen hat oder die Patienten lieber noch mal unsere Meinung hören wollen.
Wirtschaftliche Überlegungen
Letztlich besteht ja auch wieder die Frage der Kosten und die Unternehmer des Einzelhandels sind ganz klar Kaufleute. Es ist wie mit allen Artikeln – liegen die wie Blei in den Regalen oder gehen die weg wie warme Semmeln? Rechnet sich die ganze Pseudopraxis mit kostenintensiver MFA und Videosprechstunde? Was verlangt der Kaufmann von der kooperierenden Praxis oder stellt er alles kostenfrei zu Verfügung, um vom Synergieeffekt zu profitieren?
Inoffizielle Sprechstunde im Supermarkt
Liebe Supermarktbetreiber, lasst euch gesagt sein, das kann ich besser. Denn schon seit Jahren halte ich inoffizielle Sprechstunde im Supermarkt. Für lau. Und extra Räume brauche ich dafür auch nicht. Ich mache Besuche in den Gängen zwischen Nudeln und Tomatensauce. Gehe ich in meinem Ort einkaufen, vergeht kein einziges Mal, dass ich nicht mindestens einem Patienten aus meiner Praxis begegne. Von meiner Seite aus spreche ich keinen Patienten selbst an. Denen, die aktiv weggucken, während sie an mir vorbeigehen, nehme ich auch nicht übel, dass nicht mal höflich gegrüßt wird. Schaue auch in keine Einkaufswägen von Leuten, die mir immer klagen, dass es mit dem Abnehmen so schwierig sei. Wenn aber ein Patient mich aktiv anspricht, grüße ich höflich zurück und verweise bei Fragen natürlich auf unsere Sprechstunde. Aber nicht selten erzählen mir die Patienten dann doch freudestrahlend, dass es mit dem Reflux durch die Tabletten schon viel besser geworden ist und der Kaffee nun wieder genossen werden könne. Nur einmal ging ein Patient doch etwas zu weit und lupfte zwischen den Regalen seinen Pullover, um mir einen Hautausschlag am Bauch zeigen zu wollen.
Zwischenmenschliche Begegnungen
Verständlicherweise bin ich auch interessiert am Verlauf einer Kasuistik, bei der ich mich immer fragte, wie es dem Patienten ergangen war und er bisher noch nicht wieder bei mir (wegen etwas anderem) wieder vorstellig wurde. Wobei ich selbst dabei nichts sage, sondern immer nur zuhörend nicke und denke, die Geschichte kennt die Verkäuferin an der Kasse vermutlich auch schon. Denn der Kassiererin vertrauen die Leute genauso wie ihren Hausärztinnen und Hausärzten. Immer wieder bin ich fasziniert davon, wie (ältere) Menschen an der Supermarktkasse das Portemonnaie der Verkäuferin hinhalten, damit sie sich den passenden Betrag raussucht.



