Nahaufnahme eines Bauches mit Hautfalte als Hinweis auf Adipositas und damit verbundene Dermatosen

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KoPra: Adipositas und Dermatosen

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Erschienen in: derma aktuell

Experten diskutieren den Link zwischen Hautkrankheiten, Adipositas und metabolischem Syndrom sowie Therapieoptionen und die positiven Effekte von Gewichtsverlust auf die Haut.

Bei welchen Hauterkrankungen das Risiko für ein metabolisches Syndrom und Adipositas erhöht ist, welche Behandlungsoptionen beim schweren Übergewicht bestehen und wie sich ein Gewichtsverlust auf die Therapie von Hautkrankheiten auswirken kann, diskutierten Experten von DDG und BVDD anlässlich der DERMATOLOGIE kompakt + praxisnah KoPra 2026 in Leipzig.

Forschende aus Endokrinologie und Dermatologie beobachten eine Wechselwirkung zwischen Adipositas als Teil des metabolischen Syndroms und Hauterkrankungen. Bindeglied scheinen Entzündungsprozesse zu sein.

Von Metabolischem Syndrom zu chronisch entzündliche Systemerkrankungen

Adipositas ist eine Erkrankung, die auf Störungen im Stoffwechsel zurückgeht und zu einer übermäßigen Vermehrung des Fettgewebes führt. Sie ist durch eine chronische, niedriggradige Entzündung (Silent Inflammation) gekennzeichnet, bei der das Fettgewebe entzündungsfördernde Botenstoffe ausschüttet. Adipositas wird definiert als über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts. Ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland ist stark übergewichtig (Adipositas: BMI ≥30 kg/m2), das sind 23% der Männer und 24% der Frauen. Adipositas ist als chronisch fortschreitende Krankheit auch aufgrund der Vielzahl an Folge- und Begleiterkrankungen wie Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine enorme Herausforderung für Patientinnen und Patienten, Behandler und das Gesundheitssystem. Adipositas und Hauterkrankungen sind häufig und können einander bedingen.
„Für chronisch entzündliche Systemerkrankungen wie die Psoriasis besteht ein hohes Risiko für die Entwicklung von Komorbidität wie beispielsweise das metabolische Syndrom“, sagt Prof. Dr. med. Matthias Blüher vom Helmholtz-Institut für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäßforschung (HI-MAG) und Keynote-Speaker der diesjährigen KoPra. Das metabolische Syndrom ist eine Kombination aus Adipositas (Bauchfett), Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Insulinggfresistenz. Umgekehrt stellt es auch einen Risikofaktor für die Entstehung einer Schuppenflechte dar. „Das Bindeglied zwischen der Stoffwechselerkrankung Adipositas und Dermatosen wie Psoriasis könnte Entzündung sein“, sagt Blüher, der die Adipositas-Ambulanz für Erwachsene der Universitätsmedizin Leipzig leitet und als Professor für Klinische Adipositasforschung an der Universität Leipzig lehrt.

Fettstoffwechsel und Entzündungsmechanismen

Die genauen Mechanismen, die für den Zusammenhang zwischen starkem Übergewicht und einem erhöhten Risiko für immunvermittelte Hauterkrankungen verantwortlich sind, kennen die Forschenden noch nicht. „Vermutet wird, dass überschüssiges Fettgewebe proinflammatorische Mechanismen auslöst, die die Entwicklung von Hautkrankheiten beeinflussen“, so Blüher. Dabei spielt das weiße Fettgewebe eine Rolle, das für die Wärmeisolation, die Energiespeicherung und die Sekretion regulatorischer Peptide, sogenannter Adipokine, verantwortlich ist. Die Freisetzung von Adipokinen variiert je nach Art des subkutanen Fettgewebes und hat vielfältige parakrine und endokrine Auswirkungen auf Stoffwechsel- und Immunfunktionen. Erkrankungen des Fettgewebes sind daher mit Herz-, Stoffwechsel- und Entzündungserkrankungen, Krebs und mit der Hautgesundheit assoziiert.

Person steht auf einer Waage als Symbol fuer Veränderungen im Fettstoffwechsel und deren Einfluss auf Entzuendungsmechanismen
Körpergewicht beeinflusst sowohl den Fettstoffwechsel als auch entzündliche Prozesse im Körper. © ryanking999 – stock.adobe.com

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Adipokine aus dem Fettgewebe wie Leptin, Adiponektin, Interleukin (IL) 6, Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) und Plasminogenaktivator-Inhibitor (PAI-1) die Hauptdeterminanten der durch Adipositas bedingten Entzündung sind. „Die Serum-Leptinspiegel sind bei Menschen mit Adipositas erhöht, und Leptin könnte einer der Faktoren sein, der Adipositas und Psoriasis verbinden“, sagt Blüher.
Neben der Schuppenflechte besteht vermutlich auch bei anderen entzündlichen Dermatosen wie Hidradenitis suppurativa (Akne inversa) und atopischer Dermatitis (AD) ein Zusammenhang zur Adipositas.
Für die Therapie chronisch entzündlicher Hauterkrankungen bei Menschen mit sehr hohem Körpergewicht stellt sich daher die Frage, ob das hohe Gewicht und die im Fettgewebe ablaufenden Entzündungsprozesse Erfolg oder Misserfolg der Therapie beeinflussen. „Da liegt natürlich der Gedanke nah, durch eine Gewichtsreduktion diese Behandlungen positiv zu unterstützen. Wir wissen aber aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass eine Reduzierung des Gewichtes bei starker Adipositas nicht einfach ist“, gibt Blüher zu bedenken.

GLP-1 und GIP-Rezeptoragonisten im Fokus

Die konservativen Maßnahmen der Adipositas-Therapie bleiben wichtig. Ernährungsumstellung, Bewegung und verhaltenstherapeutische Maßnahmen sollen zur langfristigen Gewichtsreduktion führen. Sie erzielen jedoch nur einen moderaten Gewichtsverlust von drei bis fünf Prozent vom Ausgangsgewicht. Der Experte betont, dass moderne Medikamente daher eine wichtige Säule für einen langfristigen Erfolg sind. „Mit den Inkretinmimetika, die in der Öffentlichkeit mit dem Begriff der ‚Abnehmspritze‘ verbunden sind, hat sich die Behandlung der Adipositas ganz grundsätzlich verändert“, konstatiert Blüher. GLP-1 und GIP-Rezeptoragonisten ahmen die Wirkung der Darmhormone GLP-1 und GIP nach. Sie setzen Insulin frei, hemmen die Glukagon-Ausschüttung, verlangsamen die Magenentleerung und zügeln den Appetit. Es kommt zu einem signifikanten Gewichtsverlust von zum Teil mehr als 20%. „Adipositas ist als chronische Krankheit nicht heilbar. Aber die neuen pharmakologischen Entwicklungen sind Meilensteine in der Therapie der Adipositas. Wissen muss man aber auch, dass der erzielte Gewichtsverlust oft nicht von Dauer ist, wenn die Therapie abgesetzt wird“, ergänzt Blüher.

Biologika bei gleichzeitigem Gewichtsverlust

Bei Patientinnen und Patienten, bei denen beispielsweise eine antientzündliche Biologika-Therapie der Psoriasis von einer gleichzeitigen Gewichtsreduzierung begleitet wird, ist der Effekt der Behandlung mit den Antikörpern besser. „Eine enge Abstimmung zwischen den Behandelnden aus Dermatologie und Endokrinologie erscheint daher sehr sinnvoll. Aber sie sollte individuell mit jeder Patientin und jedem Patienten abgestimmt werden“, betont Blüher, denn es gibt unerwünschte Begleiteffekte und noch wenig Wissen zu Langzeitfolgen. Zu den Nebenwirkungen der „Abnehmspritze“ gehören im Wesentlichen gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Erbrechen.
Wie faszinierend die Wirkung der Inkretinmimetika unter dermatologischem Blickwinkel ist, wird deutlich, wenn man erste Untersuchungen zur Beeinflussung von Suchtmechanismen sieht. „Es scheint Hinweise zu geben, dass Inkretinmimetika wie Semaglutid oder Tirzepatid nicht nur regulierend auf die Esssucht wirken, sondern auch regulierend auf andere Substanzabhängigkeiten wirken“, sagt Blüher.

Redaktion (sma)

Quelle: Deutsche Dermatologische Gesellschaft e.V. (DDG). [Pressemitteilung]

Literatur:

  1. Blüher, M. Adipositas. Diabetologie 20, 309–311 (2024). doi.org/10.1007/s11428-024-01179-9
  2. Wohlrab, J., Körber, A., Adler, G. et al. Handlungsempfehlungen zur individuellen Risikoermittlung von Komorbidität bei erwachsenen Patienten mit Psoriasis. Dermatologie 74, 350–355 (2023). doi.org/10.1007/s00105-023-05116-7
  3. Palanivel JA, Millington GWM. Obesity-induced immunological effects on the skin. Skin Health Dis. 2023 Feb 28;3(3): e160. doi: 10.1002/ski2.160.

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