Trotz drohender Defizite warnt Dr. Max Tischler (BVVD) vor reiner Sparpolitik zulasten der Patienten. Stattdessen rückt das Primärarzt-System als Chance in den Fokus. Wie können wir die Versorgung gemeinsam zukunftsfest gestalten?
Die Finanzlöcher der gesetzlichen Krankenversicherung werden immer tiefer. Der Gesundheitsfonds wird 2026 wohl ein Defizit von 56 Milliarden Euro aufweisen. Um das zu verhindern, müssten entweder die Zusatzbeiträge auf 3,1 % erhöht werden oder das Sparpaket der Bundesgesundheitsministerin muss greifen. Eine wichtige Rolle als „Lösung für alles“ wird dabei dem hausärztlichen Primärarzt-System zugeschrieben.
Wie kommen diese Reformpläne in der Praxis an?
Dr. Max Tischler ist Facharzt für Dermatologie aus Dortmund, stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbands der Deutschen Dermatologie (BVDD) in Westfalen-Lippe sowie stellvertretender Vorsitzender des Hartmannbundes in Westfalen-Lippe. Außerdem ist er Mitglied der Kammerversammlung der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Die populärste Spar-Idee ist ein hausärztliches Primärarzt-System mit kontrolliertem Zugang zum Dermatologen. „Man kann ein Primärarzt-System aufbauen; gut umgesetzt ist es natürlich vernünftig. Man muss aber unbedingt Ausnahmen für Hautkrebs-Früherkennung, onkologische Therapien und Nachsorgen für chronische Erkrankungen schaffen. Was ich höre, ist in der Regel sehr kompliziert und absolut nicht unbürokratisch“, stellt Max Tischler fest.
Dieses Sparpaket aber hängt aktuell im Vermittlungsausschuss des Bundesrats fest; höhere Zusatzbeiträge will die Bundesregierung um jeden Preis vermeiden. Kein Wunder, dass allerlei Reformideen ins Kraut schießen. Allen gemeinsam sind zwei Konsequenzen: Ärztinnen und Ärzte erhalten weniger Honorar und Patienten unter dem Strich weniger Leistung. Die Lücken in der Versorgung sollen Kommunikationsprogramme mit Künstlicher Intelligenz schließen.
Mittlerweile kostet die ambulante Medizin laut Dr. Tischler weniger Geld als die Ausgaben für Arzneimittel, obwohl die Patientinnen und Patienten weiterhin hauptsächlich ambulant versorgt werden. Es sei folglich sinnlos, ausgerechnet in diesem Bereich zu sparen. „Ich glaube nicht, dass das Primärarzt-System per se zu einer bedeutenden Ersparnis führt. Dermatologische Praxen leiden in der Regel nicht an Patienten-Mangel“, unterstreicht der Dortmunder Dermatologe. Generell sei die Diskussion rund um das Primärarzt-Modell durch übersteigerte Erwartungen gekennzeichnet. „Es heißt ja oft, dass der Hausarzt alle Fälle abschließend behandeln kann. In der realen Versorgungswelt haben Hausärzte jedoch eine sehr unterschiedliche Ausbildung. Sie sind nicht die perfekten und identisch ausgebildeten Generalisten, die der Idee des Primärarztes zugrunde liegen. Gleichzeitig sind sie in der Infekt-Saison des Winter-Halbjahres stark ausgelastet. Nicht jeder Hausarzt hat dann die Kapazität, um den Nagelpilz, die Warzen oder das veränderte Muttermahl in seiner Praxis abschließend zu behandeln“, begründet Dr. Tischler seine Skepsis.
Außerdem wurden die Folgen im System ignoriert
Wenn keine einfachen Fälle mehr in der dermatologischen Praxis behandelt würden, hätte es der Dermatologe nur noch mit komplexen, relativ zeitintensiven Fällen zu tun. Dann aber müsste der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) angepasst werden, denn kein Dermatologe würde solche komplexen Fälle für 22 Euro GKV-Regelleistungsbudget behandeln. „In dem Fall wird der Dermatologe den Patienten ins Krankenhaus überweisen, was dann unter Umständen neun Monate bis zum Behandlungstermin dauert.“ Die Bundestags-Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen hat vorgeschlagen, Dauer-Überweisungen zum Facharzt bei chronischen Erkrankungen zu gestatten. Die Grünen haben das mit einem Quartals-Bericht an den Hausarzt verknüpft.
„Allerdings“, so räumt Dr. Tischler trocken ein, „kostet ein vernünftiger Bericht Zeit und Geld.“ Sinnvoll findet Dr. Tischler aber, bestimmte Kern-dermatologische Erkrankungen wie Schuppenflechte, Neurodermitis und dermatologische Onkologie aus der Überweisungspflicht auszunehmen und den direkten Besuch beim Dermatologen zu erlauben. Dies könnte zum Beispiel an den ICD-Code geknüpft werden, um eine bürokratiearme Lösung zu schaffen. „Hier dürfen wir uns nicht in einem `Klein-Klein´ von Regelungen verlieren.“
„Die doppelte Facharztschiene“
Eine weitere Idee aus der SPD-Bundestagsfraktion zielt auf die sogenannte „doppelte Facharztschiene“ ab. Die „Bereinigung der Doppelvergütung bei Fachärzten“, so heißt es, könne 400 Millionen Euro im Jahr einsparen. Zudem könne der Herstellerabschlag für Pharmahersteller erhöht werden. Beides gemeinsam könnte die GKV-Beitragssätze aus SPD- Sicht stabil halten. Über die SPD-Ideen berichtete Tagesspiegel Background aus Berlin.
An diesem Punkt hört für Max Tischler der Spaß auf. „Für die SPD-Vorschläge einer Abschaffung der sogenannten doppelten Facharztschiene in Klinik und Praxis fehlt mir jegliche Fantasie. Das ambulante Versorgungsvolumen ist so groß, dass eine Rationierung durch Konzentration am Krankenhaus kurz- und mittelfristig nicht funktioniert. Die doppelte Facharztschiene im Sinne zusätzlicher Überweisungen und Behandlungen hat einen sehr geringen ökonomischen Effekt. Das wird ohne ambulante Facharzt-Medizin nicht günstiger“ Das Problem seien doch wohl eher Patienten, die eine Zweit- oder gar Drittmeinung haben möchten. Hier müsse die Politik steuernd eingreifen.
Kreuzzug gegen Freiberufler
Eine weitere Spar-Idee der Politik ist eine Art Kreuzzug gegen den Freiberufler und selbstständigen Arzt-Unternehmer. Dr. Tischler warnt die Politik vor diesem Weg: „Die staatlichen Defizite sollen beim wirtschaftlich selbstständigen Arzt abgeladen werden, der dann einfach weniger verdient. Da wird die Rechnung aber ohne den Unternehmer gemacht. Irgendwann ist der Bogen überspannt, dann werden vertragsärztliche Zulassungen einfach zurückgegeben. Das wäre die Quadratur des Kreises, die aber scheitern wird.“
Rückkehr der Praxisgebühr?
Ein letzter gesundheitspolitischer Ansatz ist die Wiedergeburt der Anfang des Jahrtausends gescheiterten Praxisgebühr. Es soll eine Art Strafgebühr für Patienten sein, die ohne Hausarzt-Überweisung direkt zum Facharzt gehen. Dr. Tischler lehnt das kategorisch ab. „Wenn mir die Politik vorschreibt, einen Patienten zu behandeln, dann wird der Termin ohne eine bei mir vorher hochzuladende Überweisung des Hausarztes storniert. Die zweite Variante würde bedeuten, dass der Termin unbesetzt bleibt und es weniger Kassentermine gibt. Wenn die GKV-Sprechstundenzahl dann auf 35 Stunden pro Woche erhöht wird, gebe ich einfach eine halbe Kassenzulassung zurück oder stelle einen Facharzt ein.“ Für den Dortmunder Dermatologen ist eines sonnenklar: „Alles, was mit deutlichen Einsparungen zu tun hat, kommt dem Patienten nicht zugute.“
Franz-Günter Runkel



