Die Pläne des GKV-Spitzenverbandes zur Digitalisierung der Patientensteuerung sorgen für Diskussionsstoff in der Ärzteschaft.
Ein verpflichtendes Navigationstool könnte künftig entscheiden, ob ein Patient eine Praxis aufsucht oder direkt digital versorgt wird. Wie stehen niedergelassene Dermatologinnen und Dermatologen zu dieser Spar-Idee?

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Dr. Max Tischler, niedergelassener Dermatologe in eigener Praxis, Vorstandsmitglied im Hartmannbund, BVDD-Landesverband Westfalen-Lippe und Mitglied der Ärztekammer, nimmt Stellung zu den Chancen und Risiken dieses „digitalen Primärarztsystems“: „Die Idee, das Gesundheitswesen durch digitale Tools effizienter zu gestalten, ist grundsätzlich zu begrüßen. Doch der Teufel steckt im Detail, insbesondere wenn es um die automatisierte Ausstellung von medizinischen Dokumenten geht.“
Tischler betont, dass es v. a. in drei Bereichen entscheidend ist, „Automatisierung als Steuerungstool ausdrücklich nur mit Augenmaß einzusetzen“:
- Automatisierte Überweisungen ausreichend erproben: „Diese können durchaus Sinn ergeben, um Hausärztinnen und Hausärzte zu entlasten. Wir müssen dies jedoch zwingend durch Pilotprojekte und Evaluationen mit uns Ärztinnen und Ärzte begleiten. Erst dann lässt sich verlässlich sagen, ob das System im Alltag besteht oder lediglich eine Flut an ‚falschen‘ oder unnötigen Facharztüberweisungen generiert. Es besteht das Risiko, dass Patienten, die Fachärzte bereits heute ungesteuert in Anspruch nehmen, Wege finden werden, den Bot zu manipulieren – etwa durch eine bewusste Verschlimmerung ihrer Symptome.
- Dieses Problem hätten wir beim Hausarzt vermutlich ebenso; entscheidend ist daher, dass wir an diese Patientengruppe herankommen, indem wir Bot-Interaktionen und Arztkontakte gemeinsam auswerten. Bei chronisch Erkrankten mit regelmäßigen, notwendigen Facharztbesuchen muss dennoch ein direkter Facharztzugang z. B. auf Basis der ICD-10-Kodierung erhalten bleiben und möglich sein. “
- Bei automatisierten Rezepten eine klare Grenze ziehen: „Für rezeptpflichtige Arzneimittel ist ein Bot für mich ein absolutes ‚No-Go‘. Hier ist die ärztliche Berufsausübung durch nichts zu ersetzen. Großen Charme hätte ein solches Tool hingegen als moderne Form von ‚Omas Hausapotheke‘: Empfehlungen zur Verhaltensverbesserung oder für rezeptfreie Arzneimittel automatisiert anzubieten, wäre eine sinnvolle Unterstützung der Patienten.“
Besonders kritisch sind die Pläne zur Terminvergabe: „Die Terminhoheit muss bei den selbstständig tätigen Ärztinnen und Ärzten als Unternehmer bleiben. Wir können bereits heute anhand der Fallzahlen sehr genau prüfen, ob der Versorgungsauftrag erfüllt wird – hier sehen wir die hohe Leistungsbereitschaft der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, die weit über die Vorgaben Patientinnen und Patienten behandeln.
Eine zentrale Plattform würde hier keinen praktischen Mehrwert für die Versorgungstiefe bringen – womöglich sogar die kassenärztliche Versorgung zunehmend unattraktiver machen, sodass Ärztinnen und Ärzte sich verstärkter in reinen Privat- und Selbstzahler-Praxen niederlassen.“
Redaktion (sma)



