Die Dermatologie wird komplexer und systemische Therapien potenter – die Verbindungen zwischen Haut und Organsystemen rücken daher stärker in den Fokus. Ein oft unterdiagnostiziertes Feld ist die Schnittstelle zu Herzerkrankungen. Ob kardiovaskuläres Risiko bei Psoriasis, Biologika-Auswahl oder seltene kardiokutane Syndrome: Die moderne Dermatologie erfordert eine ganzheitliche Perspektive.
Ob es um das erhöhte kardiovaskuläre Risiko bei schwerer Psoriasis geht, die gezielte Auswahl von Biologika bei Herzpatienten oder die rechtzeitige Erkennung seltener kardio-kutaner Syndrome – die moderne medizinische Dermatologie erfordert eine ganzheitliche Perspektive.
Vor diesem Hintergrund sprachen wir mit Prof. Dr. Carmen Salavastru (Bukarest), Co-Herausgeberin des Standardwerks „Skin and the Heart“. Sie ist eine international renommierte Dermatologin und Professorin an der Universität für Medizin und Pharmazie ‘Carol Davila’ in Bukarest (Rumänien) und praktiziert am Colentina Clinical Hospital. Als langjähriges, aktives Mitglied der European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) hat sie maßgeblich an der Gestaltung europäischer Leitlinien mitgewirkt und ist eine anerkannte Expertin für pädiatrische Dermatologie, atopische Dermatitis sowie moderne Lasertherapien.
Was hat Sie dazu bewogen, sich diesem Thema mit dem Lehrbuch „Skin and the Heart“ so intensiv zu widmen?
Prof. Dr. Carmen Salavastru: „Die Konzeption für dieses Buch, das die Zusammenhänge zwischen Haut- und Herzerkrankungen abdeckt, entstand erstmals auf dem EADV-Kongress 2015 in Kopenhagen während eines Treffens mit Professor Dedee Murrell aus Sydney, Australien. Sie hatte erfahren, dass ich während meiner dermatologischen Ausbildung meinen Doktortitel (PhD) in einem kardiologisch relevanten Bereich erworben hatte. Dr. Murrell, die selbst nach einer Ausbildung bei führenden Kardiologen in Großbritannien und den USA eine Karriere in der Kardiologie in Erwägung gezogen hatte, fand, dass die vielen oft unterschätzten Verbindungen zwischen Herz-Kreislauf- und Hauterkrankungen faszinierende Themen seien, um sie in einem gemeinsamen Werk zusammenzuführen. Dr. James Otton, ein akademischer Kardiologe aus Sydney mit einem Doktortitel und einem Interesse an Dermatologie aufgrund seiner Arbeit in der kardialen Bildgebung, war das „i-Tüpfelchen“ bei der Suche nach einem kardiologischen Co-Herausgeber. Das Buch behandelt Haut- und Herzerkrankungen und ihre Zusammenhänge, wie etwa genetische Erkrankungen mit sich überschneidenden Manifestationen an Haut und Herz, aber auch entzündliche und infektiöse Erkrankungen, die sowohl kutane als auch kardiale klinische Symptome hervorrufen können. Darüber hinaus enthält das Buch Informationen zu kardialen Komplikationen von Medikamenten, die in der Dermatologie eingesetzt werden. Angesichts einer solch großen Bandbreite relevanter Themen zielt das Buch darauf ab, eine Vielzahl von Spezialisten zu erreichen, die im Praxisalltag sehr komplexe Fälle managen müssen. Die zweite Auflage ist in Planung, da seit der Veröffentlichung des Buches im Jahr 2021 so viele neue Daten zudiesen Themen hinzugekommen sind. Wir planen, die zweite Auflage innerhalb der nächsten zwei Jahre herauszubringen.“
AAD 2026: Warum gewinnt das Thema gerade jetzt so stark an Bedeutung?
Prof. Dr. Carmen Salavastru: „Dieses Thema beleuchtet die wachsende Evidenz dafür, dass chronisch entzündliche Hauterkrankungen wie Psoriasis, atopische Dermatitis und verwandte Erkrankungen nicht auf die Haut beschränkt sind, sondern mit einer systemischen Entzündung einhergehen, die das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigen kann. Neuere Daten helfen, die Mechanismen zu klären, die Hautentzündungen mit einem erhöhten kardialen Risiko verbinden, und untersuchen, wie Schweregrad, Dauer und Behandlungsentscheidungen der Erkrankung das kardiovaskuläre Outcome beeinflussen können. Diese integrierte, fachübergreifende Perspektive steckt noch in der Entwicklung und stellt einen wichtigen Wandel in unserem Verständnis und Management dieser Erkrankungen dar.“
Wie wirkt sich das systemische Ent zündungsgeschehen bei PsO und AD auf das kardiovaskuläre Risiko aus?
Prof. Dr. Carmen Salavastru: „Die Kernaussage ist, dass entzündliche Hauterkrankungen wichtige Auswirkungen über die sichtbaren Symptome hinaus haben können. Die Erkennung und effektive Behandlung der Entzündung kann nicht nur die Hautgesundheit verbessern, sondern möglicherweise auch das langfristige kardiovaskuläre Risiko senken. Hautgesundheit und Herzgesundheit sind enger miteinander verbunden, als vielen Menschen bewusst ist.“
Vor welchem Dilemma stehen Dermatologen bei der Wahl eines Biologikums bei vorbestehender Herzerkrankung?
Prof. Dr. Carmen Salavastru: „Die Herausforderung besteht derzeit selten in der Frage „Welches Biologikum ist am effektivsten?“. Die meisten modernen Biologika errei chen hohe Hautabheilungsraten. Das Dilemma besteht vielmehr darin, die Psoriasis-Kontrolle gegen die kardiovaskuläre Sicherheit abzuwägen. Schwere Psoriasis ist per se mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert, einschließlich Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz und kardiovaskulärer Mortalität. Eine effektive systemische Behandlung kann die systemische Entzündung reduzieren und möglicherweise die kardiovaskulären Ergebnisse verbessern. Dennoch gibt es bei bestimmten Biologika historische oder theoretische Bedenken bei Patienten mit bestehen der Herzerkrankung, insbesondere bei Herzinsuffizienz. Die aktuellen europäischen Leitlinien (europäische S3-Leitlinien zur Psoriasis sowie Rahmenwerke für kardiovaskuläre Risiken wie SCORE2 etc.) befürworten eine individuelle Beurteilung basierend auf der Art der Herzerkrankung, dem kardiovaskulären Gesamtrisikoprofil sowie der erwarteten Wirksamkeit und Sicherheit der Medikation. Bei Patienten mit etablierter Herzinsuffizienz, insbesondere im Stadium NYHA III–IV, wählen viele Psoriasis-Experten bevorzugt einen IL-17- oder IL-23-Inhibitor anstelle eines TNF-Inhibitors und koordinieren das Management mit Kardiologen.“
Welche frühen Hautmanifestationen sollten in der Praxis die Alarmglocken schrillen lassen?
Prof. Dr. Carmen Salavastru: „Verschiedene Hautbefunde können als sichtbare Hinweise auf eine zugrunde liegende Herz-Kreislauf-Erkrankung dienen. Obwohl die meisten dermatologischen Manifestationen nicht spezifisch genug sind, um eine Herzerkrankung allein zu diagnostizieren, sollten einige davon den Kliniker veranlassen, eine kardiologische Untersuchung in Betracht zu ziehen. Denn entzündliche, embolische, metabolische oder genetische Störungen widerspiegeln, die sowohl Haut als auch Herz betreffen. Einige Beispiele hierfür sind: Ischämie von Fingern und Zehen sowie schmerzhafte akrale Läsionen, Xanthome bei jungen oder mittelalten Patienten, Psoriasis (insbesondere bei schwerem Verlauf oder frühem Beginn), schwere atopische Dermatitis, Hautläsionen, die auf eine Amyloidose hindeuten, und viele andere.“
Wie gelingt die Diagnose komplexer kardiokutaner Erkrankungen im eng getakteten Praxisalltag?
Prof. Dr. Carmen Salavastru: „Diese Art von Erkrankungen wird normalerweise von multidisziplinären Teams diagnostiziert; in den meisten Fällen ist der Dermatologe jedoch der erste Spezialist, der durch das Erkennen besonderer oder spezifischer kutaner Anzeichen die Möglichkeit einer solchen Erkrankung in Betracht zieht und den Patienten an andere Fachärzte überweist.“
Welche klassischen Dermatologika erfordern engmaschige kardiologische Überwachung?
Prof. Dr. med. Carmen Salavastru: „Januskinase (JAK)-Inhibitoren haben sich als ein zunehmend eingesetzter therapeutischer Ansatz für die Behandlung verschiedener Hauterkrankungen etabliert. Die endgültige Bestimmung ihrer kardiovaskulären Sicherheit bleibt jedoch ein Thema weiterer Untersuchungen. Regulierungsbehörden betonen, dass dieses erhöhte kardiovaskuläre Risiko nicht bei allen Patienten einheitlich ist. Das Risiko konzentriert sich unverhältnismäßig stark auf bestimmte Patientengruppen, darunter Patienten ab 65 Jahren, Personen mit einer Vorgeschichte von starkem Rauchen sowie Patienten mit vorbestehenden kardiovaskulären Erkrankungen oder mehreren kardiovaskulären Risikofaktoren.“
Wie sieht die ideale interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Dermatologen und Kardiologen im rumänischen Praxisalltag aus?
Prof. Dr. med. Carmen Salavastru: „Die ideale Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Fachgebieten beruht auf einer guten Erläuterung des Falles, zu dem wir eine Rückmeldung wünschen. Eine klare und vollständige Präsentation des Falles sowie die präzisen Fragen, die wir beantwortet haben möchten, führen meiner Erfahrung nach zur besten Zusammenarbeit.“
Was ist Ihre zentrale Botschaft für Dermatologen in Deutschland – was lässt sich schon bei der nächsten Patientenberatung umsetzen?
Prof. Dr. med. Carmen Salavastru: „Eine sehr wichtige Botschaft, die ich für sehr nützlich halte, ist: Erinnern Sie sich immer an die Grundlagen unserer medizinischen und dermatologischen Ausbildung und daran, dass die Haut das größte Organ des menschlichen Körpers ist; daher kann sie Hinweise auf eine Vielzahl von Erkrankungen geben.“

Prof. Carmen Salavastru, MD, PhD
Prof. Carmen Salavastru ist eine international renommierte Dermatologin und Professorin an der Universität für Medizin und Pharmazie „Carol Davila“ in Bukarest, Rumänien. Sie praktiziert am Colentina Clinical Hospital, einem zertifizierten EADV-Center of Excellence. Als langjähriges, aktives Mitglied der European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) hat sie maßgeblich an der Gestaltung europäischer Leitlinien mitgewirkt und ist eine anerkannte Expertin für pädiatrische Dermatologie, atopische Dermatitis sowie moderne Lasertherapien. Ihre umfassende wissenschaftliche Expertise bringt sie als Co-Herausgeberin führender Fachpublikationen ein, um höchste Qualitätsstandards in der dermatologischen Forschung und Praxis sicherzustellen.
Das Interview wurde geführt von Sabine Mack.
Original-Interview in Englisch: https://mgo-medizin.de/dermatologie/skin-and-heart-health-why-dermatologists-should-care/



