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Konzentration als Management-Aufgabe: Warum „Dauer-Erreichbarkeit“ lähmt

Aertzin und Mitarbeiterinnen am Empfangstresen einer Praxis als Symbol fuer Dauer-Erreichbarkeit und Konzentration im Management

Quelle: © Robert Kneschke – stock.adobe.com

Konzentration als Management-Aufgabe: Warum „Dauer-Erreichbarkeit“ lähmt

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mgo medizin Redaktion

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4 MIN

Erschienen in: DermaForum

Fokuszeiten helfen, das Team im stressigen Praxisalltag vor Stressspitzen zu schützen. Eine Prä-Post-Studie legt nahe: Erst die systemische Verankerung von Fokuszeiten schützt Teams vor Stress und stärkt die Produktivität nachhaltig (1).

In einer niedergelassenen Facharztpraxis gehört Multitasking oft zum Alltag: Während der Untersuchung klingelt das Telefon, zwischen zwei Behandlungen stehen komplexe Dokumentationen an, und das Team jongliert mit Patientenanfragen sowie administrativen Aufgaben. Doch was häufig als unvermeidbar hingenommen wird, stellt sich bei genauerer Betrachtung oft als strukturelle Herausforderung dar.   Laut dem Microsoft Work Trend Index 2025 (2) werden Mitarbeitende heute durchschnittlich alle zwei Minuten unterbrochen – das entspricht etwa 275 Unterbrechungen pro Arbeitstag. Diese Fragmentierung kann messbare Folgen haben: Die psychische Belastung kann steigen, während das Gefühl, die eigentliche wertschöpfende Arbeit am Patienten effizient zu bewältigen, zunehmend verloren gehen kann.

Strukturelle Ansätze statt individueller Belastung

Vera Starker
©privat
Vera Starker
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Gemeinsam mit einem Expertenteam, unter anderem von der Universitätsklinik Regensburg und der Hochschule München, untersuchte die Wirtschaftspsychologin Vera Starker gemeinsam mit Dr. Katharina Roos, in der Studie „Konzentriertes Arbeiten als Aufgabe der Organisation?“, wie die Implementierung verbindlicher Fokuszeiten wirken kann. Starker betont dabei: „Arbeitsunterbrechungen und Meetingoverflow sind kein individuelles Versäumnis der Mitarbeitenden – vielmehr können sie ein Symptom gewachsener Strukturen sein, die nicht mehr zu den modernen Anforderungen passen“.  

Für Praxisinhaber kann hier ein wertvoller Hebel liegen: Wird die Organisation gezielt weiterentwickelt, können Freiräume für medizinische Exzellenz entstehen. Es geht dabei weniger um das Beheben von Fehlern, sondern um das aktive Schaffen eines Rahmens, in dem das gesamte Team wieder mit mehr Ruhe und Selbstwirksamkeit agieren kann.  

Praxis-Potenziale

Die Ergebnisse der von 2024 bis 2025 durchgeführten Studie lassen darauf schließen, dass einzelne „Produktivitäts-Hacks“ selten eine nachhaltige Wirkung erzielen. Erst wenn konzentriertes Arbeiten systemisch in den Praxisablauf integriert wird, kann dies eine entlastende Wirkung entfalten. Besonders im medizinischen Umfeld, in dem Präzision und Empathie entscheidend sind, kann die strukturelle Verankerung von ungestörten Arbeitsphasen wertvolle Ansätze bieten:

  • Optimierte Arbeitsstruktur: Weniger und kürzere Abstimmungsformate sowie klare Zeitfenster für administrative Aufgaben können die Produktivitätsgrundlagen verbessern.  
  • Stärkung des Teamzusammenhalts: Die für konzentriertes Arbeiten erforderliche Abgrenzung scheint keine negativen Effekte auf die Beziehungsebene zu haben. Im Gegenteil: Die Qualität der Zusammenarbeit und der Mut zur Selbstbestimmung können dadurch zunehmen.  
  • Entlastung der Führung: Ein fokusorientierter Alltag ist laut Studienergebnissen oft mit einem positiveren Erleben des Führungsalltags verbunden. Klare Strukturen können den psychologischen Druck auf Praxisleiter und Team gleichermaßen reduzieren.  
  • Mitarbeiterbindung: Die Studie deutet darauf hin, dass die Weiterempfehlungsquote für das eigene Unternehmen steigen kann, wenn stressreduziertes, fokussiertes Arbeiten ermöglicht wird.  

Win-win-Situation

Der Wechsel von einer Kultur des „Ständig-beschäftigt-Seins“ hin zu einer gezielten Fokussierung kann sich als wirksamer Hebel für die Praxisorganisation erweisen. Das beschriebene „Produktivitätsparadoxon“ macht deutlich, dass digitale Tools ohne entsprechende Rahmenbedingungen unter Umständen sogar zu mehr Unterbrechungen führen können.  

Eine der prägnantesten kulturellen Veränderungen im Rahmen der Studie war die Beobachtung, dass Mitarbeitende bei entsprechender struktureller Umstellung ein weniger schlechtes Gewissen haben können, wenn sie nicht permanent erreichbar sind (3). Dies deutet auf eine nachhaltige Verschiebung hin zu einer gesundheitsförderlichen und realistischeren Erwartungshaltung hin. Da die negativen Auswirkungen eines hohen Erwartungsdrucks auf das Stresserleben belegt sind, kann eine Absenkung dieses Drucks produktivitätsfördernd wirken (4). Wer als Praxisbetreiber bspw. eine tägliche, verbindliche Fokuszeit etabliert, investiert in die psychologische Sicherheit, die Motivation und die langfristige Bindung des Teams.


©rossberg

Über die Studie

Erhebungszeitraum: August 2024 bis November 2025
Teilnehmende: Sechs Unternehmen aus sechs Branchen
Methodik: Prä-Post-Analyse zur Erhebung subjektiver Erfahrungen

Studie und Whitepaper kostenfrei herunterladen
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Redaktion (sma)

Literatur:
  1. Starker, V., Roos, K., Scharfenberg, V., & Busch, V. (2025). Konzentriertes Arbeiten als Aufgabe der Organisation? Eine Prä-Post-Studie zur Implementierung von Fokuszeit in deutschen Unternehmen. Next Work Innovation.
  2. Microsoft. (23. April 2025). 2025 Work Trend Index Annual Report: The Year the Frontier Firm is Born. Microsoft WorkLab: https://www.microsoft.com/en-us/worklab/work-trend-index/2025-the-year-the-frontier-firm-is-born
  3. Pangert, B., Pauls, N., & Schüpbach, H. (2016). Die Auswirkungen arbeitsbezogener erweiterter Erreichbarkeit auf Life-Domain-Balance und Gesundheit (2. Aufl., baua: Bericht F 2353). Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
  4. Starker, V., Roos, K., Scharfenberg, V., & Busch, V. (2025). Konzentriertes Arbeiten als Aufgabe der Organisation? Eine Prä-Post-Studie zur Implementierung von Fokuszeit in deutschen Unternehmen (Whitepaper). Next Work Innovation.

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