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Ressourcenmanagement & Klimaschutz: Was ist in der Niederlassung umsetzbar?

Wissenschaftlerin in einem modernen Labor hält ein Blatt Papier mit einem Fragezeichen, symbolisiert wissenschaftliche Fragen und Forschung.

Quelle: © Andrey Popov – stock.adobe.com

Ressourcenmanagement & Klimaschutz: Was ist in der Niederlassung umsetzbar?

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Dermatologie

Preise, Auszeichnungen und Politik

mgo medizin Redaktion

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8 MIN

Erschienen in: DermaForum

Im Rahmen des Workshops der KV Nordrhein mit dem Titel „Ressourcenoptimierung in der Arztpraxis – 10-Punkte-Plan für den Praxisalltag“ wurden zahlreiche Optimierungsmöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte in der Niederlassung sowie medizinische Fachangestellte vorgestellt.

Besonders spannend war dabei die offene Frage- und Antwort-Runde mit den beiden Expertinnen Dr. Susanne Saha und Dr. Christina Hecker von der Arbeitsgemeinschaft für Nachhaltigkeit in der Dermatologie (AGN e.V.).Hier ein Auszug aus den dort diskutierten Umsetzungsmöglichkeiten für den dermatologischen Praxisalltag.

Wenn ich in meiner Praxis direkt loslegen möchte, was lässt sich einfach umsetzen?

Dr. Christina Hecker: „Beginnen Sie mit einfachen und wirkungsvollen Maßnahmen wie dem Verzicht auf PET-Flaschen und der Optimierung oder dem Verzicht auf Fleisch in der Mittagspause. Dieser Bereich tangiert in keiner Weise das Kernthema Patienten- bzw. Behandlungssicherheit. Wir können uns beispielsweise gemeinsam mit dem Team das Ziel setzen, die Mittagspause plastikfrei zu gestalten. Ebenso können wir die kollegiale Entscheidung treffen, künftig auf PET-Flaschen ganz in der Praxis zu verzichten. Unter Umständen erübrigt sich sogar der Einsatz von Glasflaschen, da wir eine alternative, einfache Lösung implementieren können – beispielsweise die Umstellung auf Leitungswasser. Die Integration dieser Maßnahmen in den Praxisalltag ist denkbar unkompliziert bis auf ggf. geringe Anfangsinvestitionen wie z.B. einen CO2-Sprudler. Dies führt als sog. Co-Benefit —sogar zu einer Kostenersparnis.“

Dr. Susanne Saha: „Der zweite relevante Punkt ist die konsequente Abfalltrennung. Dieser Prozess erfordert initial eine gewisse Eingewöhnungszeit im Team. Als Beispiel: Bei der Verwendung eines verpackten Produkts fällt in der Regel ein Kunststoffanteil sowie ein weiterer Bestandteil an, der typischerweise aus Papier oder Karton besteht. Es ist entscheidend, diese Komponenten sauber voneinander zu separieren. Dies mag auf den ersten Blick marginal erscheinen. Langfristig betrachtet akkumulieren sich diese Mengen jedoch signifikant. Wird diese Praxis zudem von allen Beteiligten im privaten Umfeld fortgeführt, vervielfacht sich die Wirkung bei vergleichsweise geringem Mehraufwand.“

Dürfen Rechnungen inzwischen per E-Mail verschicken werden, um Papier und Energie durch den Versandweg zu sparen?

Dr. Christina Hecker: „Da Emails nicht End-zu End verschlüsselt sind, dürfen Rechnungen und Befunde nach wie vor nicht per Mail versendet werden. Hierfür steht das von der KV implementierte System KV Connect (früher: D2D) mit der Möglichkeit zu datenschutzkonformer Übermittlung von Informationen und Rechnungen zur Verfügung.“

Wie reagieren Patientinnen und Patienten darauf, wenn man Empfehlungen gibt, z.B. zu mehr aktiver Bewegung und Fahrradfahren zur Arbeit statt Auto?  

Dr. Susanne Saha: „Aus meiner Erfahrung kann ich bestätigen, dass dieser Beratungsansatz durchaus positive Resonanz hervorruft und relativ einfach durchführbar ist. Wichtig ist die Vermeidung eines belehrenden Stils. Stattdessen integrieren wir die Aspekte subtil in die medizinische Beratung. Ein gutes Beispiel ist das Thema Reinigung und Körperpflege bei spezifischen dermatologischen Krankheitsbildern wie z. B. dem Atopischen Ekzem: Die Empfehlung, nicht zu heiß und nicht zu lange zu duschen, führt zur Schonung der Haut und generiert zeitgleich Wasser- und Energieeinsparungen. Ebenso bietet sich ein Hinweis auf möglichst milde Pflegeprodukte ohne umweltschädliche Inhaltsstoffe zur Körperpflege an.

Generell wird es als äußerst wertvoll empfunden, wenn man konkrete, praktische Alltagstipps an die Hand geben kann, die die Gesundheit fördern und zeitgleich den Geldbeutel schonen. Meine Patienten fragen diese Empfehlungen inzwischen sogar aktiv nach.

Dr. Christina Hecker: „Noch ein Beispiel: Als ich angefangen habe, nur noch mit dem Fahrrad in die Praxis zu fahren und zwar bei jedem Wetter, wurde ich erst einmal von den Patientinnen und Patienten verdutzt angeschaut. Heute heißt es eher: Wie großartig, das ist eine tolle Idee, das mache ich jetzt auch öfter. Immer mehr Patientinnen und Patienten verstehen: Hier geht es um mich, um meine Gesundheit – und sind bereit, aktiv etwas zu ändern. Erklärt habe ich das bei neugierigen Nachfragen z.B. so: Das tut mir persönlich richtig gut, ich neige seither viel weniger zu Erkältungen und ich brauche keinen Extrasport, um mich fit zu halten. So kommt man mit der Patientin bzw. dem Patienten ins Gespräch – ohne ihr oder ihm etwas vorzuschreiben.

Die Anpassung an den Klimawandel ist von zentraler Bedeutung für uns alle. Wir müssen nicht nur unsere eigene Resilienz stärken, sondern auch aktiv Ressourcen einsparen. Diese Maßnahmen kommen letztlich der allgemeinen Gesundheit – und damit unseren Patienten – unmittelbar zugute. Auch unsere Patientinnen und Patienten verstehen das, wenn man an ihrer eigenen Gesundheit anknüpft.“

Wie sieht es mit der Teambekleidung aus, helfen hier Ökosiegel weiter?

Dr. Christina Hecker: „Die Frage nach der Orientierungshilfe durch Ökosiegel ist berechtigt. Tatsächlich existiert eine unübersichtliche Vielzahl. Deren Komplexität liegt in der Heterogenität der zugrundeliegenden Kriterien. Beispielsweise gewichtet ein bestimmtes Praxissiegel den sozialen Faktor mit 90 %, wohingegen die ökologische Komponente nur 10 % der Einstufung ausmacht. Beim Blauen Engel z.B. hingegen gestaltet sich die Gewichtung komplett anders. Dies führt zu einer schwer beurteilbaren Intransparenz. Folglich bieten diese Siegel nur eine eingeschränkte Orientierungshilfe.“

Dr. Susanne Saha: „Grundsätzlich sollte der Vorzug für Mehrwegkleidung (Mehrfachkleidung) aus hautfreundlicher Baumwolle gegenüber Einwegmaterialien gegeben werden. Allerdings sind wir uns der logistischen Anforderungen bewusst, die Mehrwegkleidung mit sich bringt: Sie setzt den Einsatz zertifizierter Waschmaschinen und spezieller Waschmittel voraus. Obwohl dieser Ansatz initialen Aufwand und Kosten verursacht, kann sich die Umstellung im individuellen Vergleichsfall durchaus wirtschaftlich amortisieren. Die finale Entscheidung über die Implementierung ist daher individuell und abhängig von der Praxisgröße zu treffen.“

Im Praxisalltag gibt es unzählige Prioritäten, viele Hemmnisse und andere Aufgaben. Muss ich mich da jetzt wirklich auch noch um Klimaschutz und Ressourcenoptimierung kümmern?

Dr. Christina Hecker: „Uns ist natürlich klar, dass die zeitliche und personelle Auslastung bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sehr hoch ist. Da dieses Thema allerdings von essentieller Bedeutung für unsere Gesundheit und unsere Lebensgrundlagen ist plädiere ich dafür, dem Themenkomplex aktiv eine höhere Priorität einzuräumen. Dies kann beispielsweise durch die feste Zuweisung von Ressourcen geschehen: Legen Sie z.B. in der jeder zweiten Teamsitzung eine Viertelstunde fest, die ausschließlich klimarelevanten Maßnahmen gewidmet ist. Durch diese feste Verankerung wird das Thema langsam, aber sicher zu einem wichtigen Punkt auf unserer Agenda und wird fortlaufend mitgedacht.“

Dr. Christina Hecker: „Es ist entscheidend, das gesamte Team bei allen Maßnahmen von Anfang an einzubinden. Prozesse “von oben” diktieren zu wollen wird nicht funktionieren. Stattdessen sollten Sie klar kommunizieren, dass es primär um die eigene Gesundheit der Mitarbeiter geht – und nicht um die abstrakte Zielsetzung der “Rettung des Klimas”. Wenn wir beispielsweise die Luftqualität in unserer Umgebung verbessern oder Wasser sparen, profitieren wir unmittelbar selbst davon. Dies schafft Motivation und reduziert interne Hemmschwellen.“

Wie sieht es mit diesen ganzen Pröbchen und Test-Tiegelchen aus?

Dr. Susanne Saha: „Der Ressourcenverbrauch von Testpröbchen muss absolut kritisch betrachtet werden. Die AGN hat im letzten Jahr eine gemeinsame Studie mit einem Ingenieurbüro veröffentlicht, deren Ergebnisse die Dimension verdeutlichen: Eine Million Testpröbchen verbrauchen beispielsweise 800 Millionen Liter Wasser. Dies ist eine unvorstellbare Menge, die rechnerisch den Bedarf von 1.000 Einwohnern in Deutschland über einen Zeitraum von 17 Jahren decken könnte.

Zur Veranschaulichung der Relevanz: Lediglich ein einziger großer Kosmetikkonzern verteilt diese eine Million Testpröbchen als Marketingmaßnahme allein in Deutschland. Vor diesem Hintergrund lässt sich das Gesamtvolumen in Europa oder weltweit nur annähernd hochrechnen. Abgesehen vom Wasserverbrauch weisen Produktproben unterschiedliche Plastikartenanteile auf. Sie können zudem potenziell toxische Additive enthalten, die in die Cremes selbst übergehen. Und auch die Cremes können Inhaltsstoffe enthalten, die umwelt- und damit gesundheitsschädlich sind. Hinzu kommt das Entsorgungsproblem: Was geschieht mit den zahlreichen Proben, die Patienten von Apotheken und aus Arztpraxen erhalten? Sie werden in Taschen deponiert, in Schubladen vergessen, und der Großteil landet früher oder später im Hausmüll oder in der Umwelt.“

Haben Sie zum Abschluss noch einen persönlichen Tipp?

Dr. Christina Hecker: „Etablieren Sie zunächst eine einzige Maßnahme. Sobald das gesamte Team ein gemeinsames Erfolgserlebnis verzeichnen kann, implementieren Sie die nächste Stufe der Optimierung in einem neuen Bereich. Dieser schrittweise Ansatz fördert die Motivation im Team und steigert die Akzeptanz. Darüber hinaus kann jedes Teammitglied die erzielten Erfolge und die positive Haltung in sein berufliches wie privates Umfeld tragen und dadurch andere zur Nachahmung motivieren.“

Redaktion (sma)

Tipp: Vorlagen kostenfrei downloaden

Die AGN versteht sich als Plattform zur Aufklärung über den Zusammenhang von Klimawandel, Plastikverschmutzung und Gesundheit und sowie zur Förderung ressourcenoptimierender Maßnahmen im Gesundheitssektor. Ziel der AGN ist es, Akteurinnen und Akteure des Gesundheitssystems für ökologische Themen zu sensibilisieren, konkrete Handlungsfelder aufzuzeigen und diese regelmäßig auf Basis neuer evidenzbasierter Erkenntnisse zu aktualisieren.

Die Arbeitsgemeinschaft hat mittlerweile über 50 Qualitätsmanagement-Vorlagen zusammengestellt, die verschiedene Bereiche des Praxisalltags betreffen und helfen, das Thema Schritt für Schritt positiv in den Praxisalltag zu integrieren.

Diese kann man kosten- und barrierefrei herunterladen:

Die Arbeit der AGN mit einer Spende unterstützen kann man übrigens hier:

Qr Code für eine Spende an die AGN

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