Sexismus im Gesundheitswesen

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Was tun, wenn eine Kolleg:in, ein:e Patient:in oder man selbst betroffen ist? Wir sprechen mit Verena Arps-Roelle, Gründerin der Initiative „act & protect® – gegen sexualisierte Gewalt.

Ist Sexismus im Gesundheitswesen ein Thema?

Verena Arps-Roelle: „Im medizinischen Sektor kann Sexismus sich auf mehreren Ebenen zeigen: unter Kolleg:innen, durch Führungskräfte und Patient:innen – ebenso wie umgekehrt.Besonders betroffen sind Frauen, vor allem junge Ärztinnen und Mitarbeitende in unteren Hierarchieebenen oder mit viel Patientenkontakt.

Auch Männer in als weiblich wahrgenommenen Rollen erleben Sexismus. Patient:innen sind unerwünschten Flirtversuchen, sexuellen Anspielungen, nicht notwendigen Berührungen und Machtmissbrauch ausgesetzt. Frauen werden häufig in Bezug auf körperliche Symptome herabgesetzt, während Männer bei psychischen Problemen oft nicht ernst genommen werden – beides sind Ausdruck tief verankerter Stereotype.

Sexismus äußert sich in Mikroaggressionen („Sind Sie sicher, dass Sie nicht doch einen Arzt hinzuziehen wollen?“), stereotypen Zuschreibungen („Frauen sind zu emotional“, „Männer sind die besseren Chirurgen“) und herabsetzenden Kommentaren („Sie sind doch viel zu hübsch für eine Ärztin“) bis hin zu offener Benachteiligung bei Karrierechancen, etwa weniger Beförderungen oder Ausschluss aus Netzwerken. Das fängt in der Ausbildung und im Studium an und setzt sich dann in der Praxis fort.

Doch besonders diese subtilen Formen sind problematisch, da sie schwer greifbar sind, hierarchische Strukturen verstärken und Praxen oft keine ausreichenden Präventionsstrategien haben.“

Gibt es konkrete Zahlen?

Verena Arps-Roelle: „In einer anonymen Onlinebefragung der Charité Berlin berichteten 76 % der Ärztinnen und 62 % der Ärzte, im Berufsalltag Situationen erlebt zu haben, die sie als sexistische Grenzverletzung einordneten. Am häufigsten traten verbale Grenzüberschreitungen auf, etwa abwertende Kommentare (62 %) oder anzügliche Sprüche (25 %), Grenzverletzungen wegen unerwünschtem Körperkontakt (17 %), Erzählungen mit sexuellem Inhalt (15 %) sowie Nachpfeifen und Anstarren (13 %). In einer weiteren Befragung gab jede:r vierte Mediziner:in an, in den vergangenen drei Jahren von Patient:innen sexuell belästigt worden zu sein, während 7 % Erfahrungen von Belästigung durch Kolleg:innen meldeten. Ärztinnen waren dabei dreimal häufiger betroffen als ihre männlichen Kollegen. Bei Frauen gingen die Belästigungen fast ausschließlich von Männern aus, bei Männern überwiegend von Frauen. Frauen wurden zudem deutlich häufiger von Vorgesetzten belästigt.“

Sind Unterschiede zu beobachten, z.B. nach Praxisart?

Verena Arps-Roelle: „Ja, durchaus. Sexismus zeigt sich unterschiedlich je nach Praxisart, Fachrichtung und Hierarchie. In Kliniken, besonders in der Chirurgie, berichten Ärztinnen häufiger von sexistischen Kommentaren, sexueller Belästigung und Benachteiligung bei Beförderungen, da hier stark hierarchische Strukturen und männlich dominierte Kulturen vorherrschen. Auch in Arztpraxen kommt Sexismus vor, meist in Form herabsetzender Bemerkungen, ungleicher Karrierechancen oder Belästigung durch Patient:innen, wobei flachere Strukturen in Praxen teilweise mildernd wirken. Patient:innen erleben Belästigung oft in Situationen körperlicher Nähe, Intimität oder Abhängigkeit, etwa bei Untersuchungen oder Behandlungen. Insgesamt lässt sich sagen, dass Sexismus dort am stärksten ist, wo Machtgefälle, männlich dominierte Teams und fehlende Präventionsmaßnahmen zusammentreffen.“

Was können Warnsignale sein?

Verena Arps-Roelle: „Bei Mitarbeitenden können Rückzug, Vermeidung bestimmter Kolleg:innen oder Patient:innen, häufige Krankmeldungen, Leistungseinbußen, Nervosität oder plötzliche Stimmungsschwankungen auf Betroffenheit hinweisen. Auch beiläufige Hinweise auf unangenehme Situationen sollten daher ernst genommen und bearbeitet werden. Bei Patient:innen zeigen sich Betroffenheit oder Unwohlsein häufig durch zögerliches Verhalten, das Vermeiden von Untersuchungen, offene Beschwerden oder sogar Praxiswechsel.“

Was kann ich als Praxisinhaber tun?

Verena Arps-Roelle: „Im ersten Schritt sollten Praxen Warnsignale kennen und erkennen, vertrauliche Ansprechmöglichkeiten schaffen, klare Verhaltensregeln kommunizieren und Vorfälle sachlich dokumentieren. Im zweiten Schritt geht es darum, Betroffene gezielt zu unterstützen, Konflikte moderiert aufzuarbeiten, Arbeitsabläufe anzupassen und langfristig Präventionsmaßnahmen wie Schulungen und Schutzkonzepte umzusetzen, um ein respektvolles und sicheres Arbeits- und Patient:innenumfeld zu schaffen.“

Wenn ich selbst betroffen bin?

Verena Arps-Roelle: „Wichtig ist, das eigene Empfinden ernst zu nehmen. Danach sollte dokumentiert werden, was passiert ist – mit Datum, Uhrzeit, Ort und beteiligten Personen. Dies hilft, das Erlebte zu verarbeiten und mögliche Beweise zu sichern. Als Patient:in kann die Situation direkt angesprochen werden, wenn man sich dazu in der Lage fühlt. Alternativ oder ergänzend kann Unterstützung bei der Praxisleitung, dem Beschwerdemanagement, Patientenvertretungen oder Beratungsstellen eingeholt werden.

Als Mitarbeiter:in empfiehlt es sich, vertrauliche Ansprechpartner:innen oder die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu kontaktieren und die Situation, wenn möglich, sachlich im Team oder mit Vorgesetzten anzusprechen. Kurzfristig können nach einer Meldung Arbeitsabläufe oder der Patient:innenkontakt angepasst werden. Langfristig tragen Schulungen, klare Regeln und ein Schutzkonzept zu einem sicheren und respektvollen Umfeld bei.“

Was sind besondere Herausforderungen?

Verena Arps-Roelle: „Subtile Formen wie Mikroaggressionen, stereotype Kommentare oder unterschwellige Benachteiligungen sind schwer greifbar und werden oft normalisiert, sodass Betroffene zögern, sie anzusprechen. Hierarchische Strukturen und Machtgefälle erschweren das Melden, besonders wenn Täter:innen in leitender Position sind. Viele Betroffene fürchten berufliche Nachteile, soziale Isolation, schlechte Beurteilungen oder eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung. Hinzu kommen unklare Zuständigkeiten, fehlende Schutzkonzepte und Leitlinien. Diese sind allerdings wichtig für Prävention und Intervention.“

Wo gibt es Support/Hilfe?

Verena Arps-Roelle: „Intern sollten Praxisleitung, Klinikmanagement, Gleichstellungsbeauftragte oder HR (soweit vorhanden) vertrauliche Beratung bieten, Schutzmaßnahmen umsetzen und Konflikte klären. Gibt es hier keine Unterstützung oder Anlaufmöglichkeiten, die wir nutzen möchten, helfen externe Beratungsstellen, wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Fachverbände, die Bundesinitiative Medizin.Macht.Missbrauch!, Patientenvertretungen wie gesund.bund.de, Einrichtungen der Opferhilfe oder Rechtsanwält:innen.“

Wann wäre das ein Thema für den Rechtsbeistand?

Verena Arps-Roelle: „Ein Rechtsbeistand sollte meiner Ansicht nach unbedingt hinzugezogen werden, wenn es zu körperlichen Übergriffen kommt, oder wiederholte Grenzverletzungen und Belästigungen auftreten, die durch interne Maßnahmen nicht gestoppt werden. Wenn die Fürsorgepflicht der Arbeitgebenden nicht greift, ist es gut, sich anwaltlich beraten zu lassen. Patient:innen können rechtliche Schritte einleiten, wenn medizinisches Personal seine Fürsorgepflicht ihnen gegenüber verletzt, Beschwerden nicht ernst nimmt oder Kontakte mit der beschuldigten Person nicht unterbindet.“


Medizin & AGG


Das Interview führte Sabine Mack

Über die Interviewparterin

Verena Arps-Roelle
Gründerin der Initiative „act & protect® – gegensexualisierte Gewalt“


Lesetipp

© act & protect®

„Bis hier und nicht weiter“ zeigt, wie sexualisierte Gewalt auch am Arbeitsplatz wirkt – durch Sexismus, Belästigung und Machtmissbrauch. Das Buch möchte konkrete Werkzeuge an die Hand geben, um Grenzen klar zu setzen, Strukturen zu verändern und gemeinsam ein sicheres Arbeitsumfeld zu schaffen.

Bis hier und nicht weiter: Gemeinsam
gegen sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz

Verena Arps-Roelle und Sebastian Arps
2025, 4. Auflage, Taschenbuch, 324 Seiten, Deutsch
14,99 Euro (D) bei Amazon.de https://amzn.eu/d/iU8vEmq
BoD – Books on Demand: https://shorturl.at/EFKRtISBN-13: 9783759784834
ISBN-13: 9783759728838


Literatur (einfach klicken)
  1. Charité Berlin: Studie über sexuelle Grenzverletzungen am Arbeitsplatz: https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/studie_ueber_sexuelle_grenzverletzungen_am_arbeitsplatz 
  2. BAGP PRAP 2022. Bundesarbeitsgemeinschaft der Patient*innenstellen. PRAP 2022: https://www.bagp.de/images/bagp/BAGP_PRAP_2022_A4_final-200722-Lesezeichen.pdf
Hilfestellen (einfach klicken)

Antidiskriminierungsstelle des Bundes
Telefon: 0800 546 5465
Website: www.antidiskriminierungsstelle.de

Hilfetelefon Gewalt an Männern
Telefon: 0800 123 990 0
Website: www.maennerhilfetelefon.de

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen
Telefon: 116 016
Website: www.hilfetelefon.de

Bundesinitiative Medizin.Macht.Missbrauch!
Website: https://medizinmachtmissbrauch.de/

Deutscher Ärztinnenbund
Website: https://www.aerztinnenbund.de/

Patientenberatung
Website: https://www.patientenberatung.de/

Patientenbeauftragter der Bundesregierung
Website: https://patientenbeauftragter.de/

Patientenrechte: gesund.bund.de
Website: https://gesund.bund.de/patientenrechte

Bilderquelle: ©-Dilok – stock.adobe.com

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