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Wissenschaftlicher Fortschritt im Kontext der Patientenversorgung

Ärzte-Team bei medizinischer Besprechung mit Tablet und Klemmbrett in moderner Klinik

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Wissenschaftlicher Fortschritt im Kontext der Patientenversorgung

Fachartikel

Dermatologie

Versorgung, Forschung und Leitlinien

mgo medizin Redaktion

Verlag

9 MIN

Erschienen in: DermaForum

Im Experten-Gespräch mit Dr. Sonja Sattler und Dr. Nils Krüger von Rosenpark Research steht die Schnittstelle von Forschung und Klinik im Fokus.

Das therapeutische Spektrum bei chronisch-inflammatorischen Dermatosen entwickelt sich rasant: Bei Indikationen wie Psoriasis, atopischer Dermatitis oder Hidradenitis suppurativa verändern neue immunologische Targets und aktuelle Studiendaten die bestehenden Behandlungsalgorithmen grundlegend. Doch wie lässt sich dieser wissenschaftliche Fortschritt effizient in die tägliche Praxisroutine integrieren?

Im Interview mit Dr. med. Sonja Sattler und Dr. phil. Nils Krüger von Rosenpark Research, Darmstadt, beleuchten wir die Schnittstelle zwischen klinischer Forschung und Patientenversorgung. Wir diskutieren unter anderem, welche Biomarker für die klinische Anwendung relevant werden, warum moderne Systemtherapien eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordern und wie niedergelassene Kollegen ihren Patienten den Zugang zu innovativen Behandlungsoptionen erleichtern können.

Welche spezifischen chronischen inflammatorischen Dermatosen sind bei Rosenpark Research derzeit die Hauptakteure in klinischen Studien? Welche primären therapeutischen Endpunkte werden in den geplanten Projekten angestrebt?

Dr. Nils Krüger: „Die 2010er-Jahre waren vor allem durch die Durchbrüche in der systemischen, immunmodulatorischen Psoriasis-Therapie geprägt. Ab etwa 2017 haben wir bei Rosenpark Research eine deutliche Zunahme klinischer Studien zur atopischen Dermatitis gesehen. Aufgrund der ausgeprägten Heterogenität der Erkrankung war der therapeutische Ansatz hier deutlich breiter: Neben IL-13-gerichteten Substanzen wurden Wirkstoffe untersucht, die unter anderem auf IL-31, OX40, Siglec-8, PDE-4 oder Januskinasen abzielen. Aktuell beobachten wir eine weitere Ausweitung der Studienindikationen. Neben einem Schwerpunkt auf der Hidradenitis suppurativa führen wir zunehmend Studien zu Vitiligo, Prurigo nodularis und chronischer Urtikaria durch. Durch unseren Fokus auf Phase-2- und Phase-3-Studien stehen dabei primär Wirksamkeit und Sicherheit von Monotherapien im Vordergrund, weniger alternative Dosierungsschemata oder Kombinationstherapien.“

Dr. Nils Krüger 
© rosenpark research
Dr. phil. Nils Krüger
© rosenpark research

„Komorbiditäten sind bei vielen chronisch-entzündlichen Dermatosen inzwischen so ausgeprägt, dass man kaum noch von isolierten Hauterkrankungen sprechen kann, sondern eher von systemischen immunvermittelten Erkrankungen mit kutaner Manifestation.

Wird die Expertise aus den Studien zur ästhetischen Medizin, die ebenfalls am Institut durchgeführt werden, genutzt, um Erkenntnisse für die allgemeine Physiologie und das Alterungsverhalten der Haut zu gewinnen?

Dr. Sonja Sattler: „In der ästhetischen Medizin besteht – wie in allen medizinischen Disziplinen – eine enge wechselseitige Beziehung zwischen klinischer Versorgung und Forschung. Erkenntnisse aus präklinischen und klinischen Studien werden oftmals zeitnah in diagnostische und therapeutische Konzepte übertragen. Zugleich generiert der klinische Alltag wertvolle Daten und Beobachtungen, die neue Hypothesen anstoßen und zur Weiterentwicklung evidenzbasierter Behandlungsstrategien beitragen.“

Klinische Studien sind essenziell für die Zulassung neuer Therapien. Wie kann der dermatologische Facharzt außerhalb der Studienzentren besser in den Informationsfluss über laufende und abgeschlossene Studien eingebunden werden, um Patienten zeitnah Zugang zu innovativen Behandlungen zu ermöglichen?

Dr. Sonja Sattler: „In der Niederlassung ist eine gezielte Einbindung in den Studienbetrieb oft kaum leistbar. Die verfügbare Zeit pro Patient reicht in der Regel nicht aus, um zusätzlich über laufende klinische Studien zu informieren. Entsprechend erfolgen Überweisungen häufig eher unspezifisch an universitäre Kliniken mit angebundenen Studienzentren. Hilfreich wären niedrigschwellige, zentrale Informationsangebote, etwa eine aktuelle Übersicht zu laufenden Studien oder eine neutrale Anlaufstelle für Patienten und zuweisende Ärzte. Dies könnte den Informationsfluss verbessern, ohne die hohe Arbeitsbelastung in der Klinik weiter zu erhöhen, und gleichzeitig Patienten den Zugang zu innovativen Therapien erleichtern.“

Rosenpark Research betont die Rolle klinischer Studien für den medizinischen Fortschritt. Welche Kriterien sind für Sie am wichtigsten, um einem Patienten die Teilnahme an einer klinischen Studie in einem spezialisierten Zentrum zu empfehlen?

Dr. Nils Krüger: „Für uns als Studienzentrum steht stets der potenzielle medizinische Nutzen für den einzelnen Patienten im Vordergrund. Entsprechend wählen wir auch unsere Studien aus und lehnen beispielsweise Projekte ab, bei denen nicht vorgesehen ist, dass alle Teilnehmenden im Verlauf Zugang zum Prüfpräparat für eine angemessene Dauer erhalten. Weitere wichtige Aspekte sind das individuelle Nutzen-Risiko-Verhältnis sowie der zeitliche und organisatorische Aufwand, der sehr unterschiedlich wahrgenommen wird.“

Welche neuen oder optimierten Biomarker sehen Sie derzeit als die vielversprechendsten an, um Patienten mit chronischen Hauterkrankungen präziser in therapeutisch relevante Subtypen zu stratifizieren? Für wie realistisch stufen Sie die Integration dieser komplexen Biomarker-Diagnostik in den dermatologischen Klinikalltag in den nächsten 3-5 Jahren ein?

Dr. Nils Krüger: „Aus Sicht der klinischen Studienpraxis werden Biomarker derzeit zwar sehr umfassend, jedoch ausschließlich explorativ erhoben. In aktuellen dermatologischen Studien umfasst dies u. a. zirkulierende immunologische Marker wie Zytokin- und Chemokinprofile, Blutleukozytensubpopulationen, IgE-assoziierte Parameter, Akute-Phase-Proteine sowie proteomische und transkriptomische Analysen aus Blutproben. Ergänzend werden hautnahe Biomarker untersucht sowie genetische und epigenetische Parameter zur Charakterisierung von Wirkmechanismen, Krankheitsaktivität und potenziellen Respondern oder Non-Respondern. Ziel ist primär die hypothesengenerierende Identifikation krankheitsrelevanter Endotypen und prädiktiver Marker. Für Studieneinschluss, Therapieentscheidung oder das operative Studienmanagement sind diese Biomarker aktuell jedoch nicht relevant und werden den Prüfzentren in der Regel auch nicht rückgemeldet. Entsprechend erscheint die Integration dieser komplexen Biomarkerdiagnostik in den dermatologischen Praxisalltag innerhalb der nächsten Jahre nur eingeschränkt realistisch. Perspektivisch könnten zentralisierte Analytik und KI-gestützte Auswertungsansätze, insbesondere im Bereich genomischer Daten, den translationalen Übergang beschleunigen.“

„Wenn Patienten nachvollziehen können, welche immunologischen Prozesse bei ihrer Erkrankung fehlreguliert sind, lässt sich auch besser vermitteln, wo eine Therapie ansetzt und welche potenziellen Wirkungen und Risiken damit verbunden sind.”

Dr. med. Sonja Sattler
© rosenpark research
Dr. med. Sonja Sattler
© rosenpark research

Angesichts der häufigen Komorbiditäten wie z.B. kardiovaskuläre Risiken bei Psoriasis, psychische Belastung  bei Neurodermitis: Wie wichtig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen und wo sehen Sie den größten Optimierungsbedarf?

Dr. Nils Krüger: „Komorbiditäten sind bei vielen chronisch-entzündlichen Dermatosen inzwischen so ausgeprägt, dass man kaum noch von isolierten Hauterkrankungen sprechen kann, sondern eher von systemischen immunvermittelten Erkrankungen mit kutaner Manifestation. Die Fortschritte der Immunologie haben diese Zusammenhänge klar aufgezeigt und verlangen dringend nach einem interdisziplinären Ansatz, etwa mit Kardiologie, Rheumatologie oder Psychiatrie. In der Versorgungsrealität außerhalb großer Kliniken ist ein solcher strukturierter Austausch jedoch bislang nur eingeschränkt möglich.“

Dr. Sonja Sattler: Der größte Optimierungsbedarf besteht aus meiner Sicht in der sektorübergreifenden Kommunikation. Hier könnte tatsächlich die konsequente Nutzung der elektronischen Patientenakte ein wichtiger Schritt sein, um den patientenindividuellen Austausch zwischen niedergelassenen Ärzten zu unterstützen.“

Die klinische Forschung untersucht intensiv Biologika-Therapien. Welche spezifischen immunologischen Targets erachten Sie für die kurz- bis mittelfristige Zukunft als besonders relevant für die Verbesserung der Therapieerfolge bei chronischen Dermatosen?

Dr. Nils Krüger: „Für die Psoriasis haben sich IL-17- und IL-23-gerichtete Therapien als hochwirksam und zugleich sicher etabliert und stellen weiterhin zentrale Targets dar. Beim atopischen Krankheitsbild zeichnet sich mit OX40 erstmals ein immunologisches Ziel ab, das potenziell phänotyp-übergreifend wirksam ist und dabei ein vergleichsweise enges Nebenwirkungsprofil aufweist. Bei der Hidradenitis suppurativa ist die Datenlage weiterhin heterogen. IL-17 scheint ein relevantes Target zu sein, gleichzeitig deuten präklinische und klinische Daten darauf hin, dass zusätzliche inflammatorische Achsen beteiligt sind. In diesem Kontext erscheint insbesondere IL-1 als interessanter Ansatz, da hier möglicherweise gewebezerstörende Synergieeffekte moduliert werden können. Bei der chronischen Urtikaria rückt der KIT-Rezeptor als zentrales Steuerungselement von Mastzellaktivität und -dichte zunehmend in den Fokus. Dieser Mechanismus könnte perspektivisch auch für andere atopische Erkrankungen relevant sein. Insgesamt befinden wir uns derzeit in einer ausgesprochen dynamischen Phase der dermatologischen und immunologischen Therapieforschung.“

Wie kann die Patientenaufklärung  bezüglich der langfristigen Sicherheit und der möglichen Risiken dieser hochwirksamen, aber systemischen Therapien, aussehen?

Dr. Sonja Sattler: „Unsere Patientenaufklärung beginnt mit einer verständlichen Erklärung der zugrunde liegenden Pathophysiologie. Wenn Patientinnen und Patienten nachvollziehen können, welche immunologischen Prozesse bei ihrer Erkrankung fehlreguliert sind, lässt sich auch besser vermitteln, wo eine Therapie ansetzt und welche potenziellen Wirkungen und Risiken damit verbunden sind. Bei Biologika sprechen wir dabei meist von einer gezielten Modulation oder Normalisierung einzelner Signalwege und erklären bewusst den Unterschied zur klassischen, unspezifischen Immunsuppression. Entscheidend ist aus meiner Sicht, ausreichend Raum für Fragen und individuelle Sorgen zu lassen und die Aufklärung als fortlaufenden Prozess zu verstehen, der sich über mehrere Gespräche entwickeln kann und nicht an einen einzelnen Termin gebunden ist.“

Wie nutzen Sie in der eigenen dermatologischen Klinik die vorliegenden Daten (Krankheitsaktivität, Ansprechen auf Vortherapien, Komorbiditäten) für eine individualisierte Therapieentscheidung? Welche Rolle spielt die Berücksichtigung von Lebensstilfaktoren (Rauchen, Ernährung, Stress), die auch in der Forschung Beachtung finden wie z. B. bei Acne inversa?

Dr. Sonja Sattler: „In der klinischen Forschung spielen individuelle Therapieentscheidungen naturgemäß keine Rolle, da Studienprotokolle klar vorgeben, welche Behandlung erfolgt. Entsprechend werden entsprechende Parameter zwar systematisch erhoben, dienen dort aber primär explorativen Auswertungen oder Subgruppenanalysen. In unserer dermatologischen Klinik fließen diese Informationen deutlich stärker in die Entscheidungsfindung ein. Neben dem bisherigen Krankheitsverlauf und relevanten Begleiterkrankungen berücksichtigen wir auch individuelle Belastungsfaktoren und alltagsrelevante Aspekte der Therapie. Bei bestimmten Krankheitsbildern können Faktoren wie Rauchen oder Stress einen relevanten Einfluss haben und werden entsprechend in die Beratung einbezogen. Voraussetzung ist jedoch ein Setting, das ausreichend Raum für Anamnese, Aufklärung und gemeinsame Entscheidungsfindung bietet.“

Das Interview führte Sabine Mack


Rosenpark Research: Hautforschung im Fokus

Mehr als 1.600 Patienten haben bisher an Studien bei Rosenpark Research teilgenommen. Über 100 Studien wurden seit 2014 bereits von Rosenpark Research durchgeführt. In 45 Studien wurden bspw. hochmoderne Biologika-Therapien untersucht.


Über die Interviewpartner

Dr. phil. Nils Krüger ist Geschäftsführer von Rosenpark Research und verantwortet seit über 20 Jahren das Design sowie die Realisierung klinischer Studien. Mit der praktischen Erfahrung aus über 120 wissenschaftlichen Projekten nimmt er u. a. regulatorische Anforderungen und die globale Studienlandschaft in den Fokus, stets mit Blick auf den medizinischen Nutzen für Patienten.

Dr. med. Sonja Sattler: CEO & Medical Director Rosenpark Klinik & BELLARI, sowie Gründerin & Studienärztin im Rosenpark Research. Sie verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der dermatologischen Chirurgie sowie der allgemeinen Dermatologie. Neben ihrer praktischen Tätigkeit ist sie als Organisatorin internationaler Fachkongresse tief in der weltweiten wissenschaftlichen Community vernetzt und hat bereits mehr als 20 klinische Studien als Prüfärztin begleitet.

Korrespondenzadresse

Rosenpark Research, Darmstadt

Dr. phil. Nils Krüger
Dr. med. Sonja Sattler

Marketing & PR:
Rebecca.Rosenschon,
E-Mail: Rebecca.Rosenschon@rosenparkklinik.de

Website: https://rosenparkresearch.de/

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