Ein aktueller Cochrane-Review hat 22 randomisierte Studien zum Intervallfasten bei Menschen mit Übergewicht und Adipositas ausgewertet. Das Ergebnis: Intervallfasten führt zu moderatem Gewichtsverlust, ist anderen Diätformen aber wahrscheinlich nicht überlegen. Die Evidenzlage bleibt unsicher – mit relevanten Implikationen für die Beratung von Menschen mit Diabetes oder Prädiabetes.
Intervallfasten erfreut sich seit Jahren großer Beliebtheit als vermeintlich einfache Methode zur Gewichtsreduktion. Auch Menschen mit Typ-2-Diabetes oder Prädiabetes interessieren sich zunehmend für diese Ernährungsstrategie. Doch wie robust ist die wissenschaftliche Grundlage? Ein jetzt veröffentlichter Cochrane-Review hat die internationale Studienlage systematisch ausgewertet – und liefert ein differenziertes Bild, das für Behandler-Teams in der Diabetesberatung von praktischer Bedeutung ist.
Studiendesign und Methodik
Die Autorinnen und Autoren schlossen 22 randomisiert-kontrollierte Studien mit knapp 2.000 Teilnehmenden in ihre Analyse ein. Die Studien untersuchten verschiedene Formen des Intervallfastens – darunter Alternate Day Fasting (ADF), die 5:2-Methode und Time-Restricted Eating (TRE) – bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas. Eingeschlossen wurden Studien mit einer Interventionsdauer von mindestens vier Wochen und einer Nachbeobachtung von mindestens sechs Monaten.
Die Methodik entspricht den hochwertigen Cochrane-Standards mit vorab definiertem Protokoll, umfassender Datenbanksuche und Bewertung der Evidenzqualität nach dem GRADE-System.
„Die Methodik des Reviews ist insgesamt robust und entspricht den hohen Cochrane-Qualitätsstandards.”
Prof. Dr. Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland
Zentrale Ergebnisse: Moderate Effekte, keine Überlegenheit
Die wesentlichen Befunde des Reviews:
- Vergleich mit anderen Diäten: Intervallfasten scheint ähnlich wirksam zu sein wie andere kalorienreduzierende Ernährungsumstellungen. Ein eindeutiger Vorteil konnte nicht nachgewiesen werden (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).
- Vergleich mit keiner Intervention: Intervallfastende verlieren über sechs bis zwölf Monate wahrscheinlich mehr Gewicht als Personen ohne aktive Ernährungsumstellung – im Mittel etwa 3,4 Prozent des Körpergewichts (moderate Vertrauenswürdigkeit).
- Lebensqualität: Keine erkennbare Verbesserung durch Intervallfasten im Vergleich zu anderen Ansätzen.
- Unerwünschte Ereignisse: Die Evidenz hierzu ist sehr unsicher; eindeutige Unterschiede konnten nicht festgestellt werden.
Experteneinschätzungen: Differenzierte Bewertung
Dr. Stefan Kabisch vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) ordnet ein: „Der aktuelle Cochrane-Review ist eine von fast 100 Metaanalysen zum Intervallfasten. Bisherige Analysen haben übereinstimmend keinen besonderen Vorteil von Intervallfasten gegenüber vergleichbaren Diätinterventionen mit vergleichbarer Kalorienreduktion ermittelt.” Er weist darauf hin, dass in vielen Studien Intervallfasten mit zusätzlichen Maßnahmen wie Sport oder Low-Carb-Ansätzen kombiniert wurde, sodass der eigenständige Effekt des Fastens unklar bleibt.
„Der Verlust von drei Prozent Körpergewicht ist nicht wenig und kann einen sehr positiven Effekt beispielsweise auf den Blutdruck und den Glucosestoffwechsel haben.” Sie betont jedoch auch: „Wenn man stark abnehmen möchte, also 20 bis 30 Prozent, dann reicht Intervallfasten nicht. Mit Intervallfasten sind nur etwa drei bis sieben Prozent Verlust an Körpergewicht zu erreichen.”
Prof. Dr. Annette Schürmann, Sprecherin des DZD
Prof. Leonie Heilbronn von der Adelaide University kritisiert methodische Aspekte des Reviews: Die Zusammenfassung verschiedener Formen des intermittierenden Fastens in einer Analyse sei problematisch, da diese hinsichtlich der Gewichtsabnahme nicht gleichwertig seien und daher nicht miteinander vermischt werden sollten.
Heterogenität als zentrales Problem
Die eingeschlossenen Studien weisen erhebliche Unterschiede auf: verschiedene Fastenmethoden (16:8, 5:2, ADF, TRE), unterschiedliche Studiendauern, heterogene Teilnehmergruppen (Alter 18–80 Jahre, teils nur Frauen, teils gemischt) und variierende Begleiterkrankungen wie Typ-1- und Typ-2-Diabetes, Fettleber oder Nierenerkrankungen. Diese Heterogenität erschwert die Interpretation und limitiert die Aussagekraft der gepoolten Ergebnisse.
Hinzu kommt: Langzeitdaten über mehr als zwei Jahre fehlen nahezu vollständig. Die Adhärenz, Abbruchraten und Veränderungen der Körperzusammensetzung – also ob primär Fett- oder Muskelmasse verloren geht – wurden in vielen Studien nicht ausreichend dokumentiert.
Relevanz für Menschen mit Diabetes und Prädiabetes
Aus Tierstudien gibt es Hinweise, dass Intervallfasten positive Effekte auf die Langerhans-Inseln und den Blutzuckerspiegel haben kann. Prof. Schürmann sieht daher insbesondere für Personen mit Prädiabetes einen potenziellen Nutzen dieser Ernährungsform. Allerdings müsse die Diätform kontinuierlich eingehalten werden, um Erfolge zu erzielen.
Für die Beratungspraxis bedeutet dies: Intervallfasten kann als eine von mehreren Optionen zur Gewichtsreduktion angeboten werden – insbesondere wenn Betroffene diese Methode bevorzugen. Ein evidenzbasierter Vorteil gegenüber anderen kalorienreduzierenden Ansätzen besteht jedoch nicht. Bei ambitionierteren Gewichtszielen oder ausgeprägter Adipositas sollten medikamentöse oder operative Therapieoptionen erwogen werden.
Biologische Grenzen der Gewichtserhaltung
„Vielen Menschen fällt es sehr schwer, ihr Gewicht länger als zwölf Monate zu halten, egal welchen Ansatz sie verfolgen.”
Prof. Heilbronn, Prof. Leonie Heilbronn, Leiterin der Forschungsgruppe Obesity and Metabolism
an der School of Medicine, Adelaide University, Australien
Nach einer Gewichtsabnahme sinken Sättigungshormone wie Leptin, während Hungerhormone wie Ghrelin ansteigen. Sport und Medikamente zur Gewichtsreduktion können helfen, diesen biologischen Mechanismen entgegenzuwirken.
Fazit für die Praxis
Der Cochrane-Review liefert eine wichtige Standortbestimmung: Intervallfasten ist eine legitime Option zur moderaten Gewichtsreduktion, zeigt aber keinen Vorteil gegenüber anderen kalorienreduzierenden Diäten. Die Evidenzlage ist insgesamt unsicher, und der Hype um diese Methode war wissenschaftlich nie ausreichend untermauert. Für Behandler-Teams empfiehlt sich eine individuelle Beratung, die Präferenzen und Lebensstil der Betroffenen berücksichtigt – ohne Intervallfasten als überlegene Strategie darzustellen.
Quelle: Pressemitteilung der Cochrane Deutschland vom 16.02.2026 : Cochrane-Review: Intervallfasten zum Abnehmeb
Originalpublikationen:
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