Meal Sequencing – also die gezielte Reihenfolge beim Verzehr von Gemüse, Proteinen und Kohlenhydraten – ist in sozialen Medien und Ratgeberbüchern zum Trendthema geworden. Viele Betroffene berichten von stabileren Blutzuckerwerten, Gewichtsverlust und allgemeinen Gesundheitsvorteilen, insbesondere für Menschen mit Diabetes. Doch wie belastbar sind diese Versprechen aus wissenschaftlicher Sicht?
Das sog. »Meal Sequencing« – die bewusste Reihenfolge beim Verzehr von Lebensmitteln – hat in den letzten Jahren in sozialen Medien und Ratgeberbüchern an Popularität gewonnen. Besonders Menschen mit Diabetes berichten dort von stabileren Blutzuckerwerten und Gewichtsverlust durch diese Methode. Doch was steckt tatsächlich hinter diesem Trend?
Beim »Meal Sequencing« geht es darum, die einzelnen Bestandteile einer Mahlzeit bewusst in einer bestimmten Reihenfolge zu verzehren.
Zunächst werden Lebensmittel mit einem niedrigem glykämischen Index gegessen – also Gemüse, Salat sowie protein- oder fettreiche Komponenten. Erst danach folgen kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Brot, Reis, Kartoffeln oder
Nudeln mit einem höheren glykämischen Index [1].
Definitionsgemäß beschreibt der glykämische Index, wie stark ein bestimmtes Lebensmittel den Blutzuckerspiegel nach dem Verzehr ansteigen lässt. In einigen Studien wird berichtet, dass zwischen den beiden Komponenten zusätzlich eine kurze Pause eingelegt werden sollte.
Für das »Meal Sequencing« gibt es zwei Varianten: entweder werden Proteine vor den Kohlenhydraten gegessen oder aber das Gemüse. Gerade eine Gemüse-Vorspeise zu essen ist deshalb besonders interessant, da ein hoher Gemüseanteil ohnehin in vielen Leitlinien zur Prävention und Therapie des Typ-2-Diabetes empfohlen wird [2, 3].
Da die Methode verspricht, Blutzuckerspitzen nach dem Essen abzuflachen, stößt sie insbesondere bei Menschen mit Diabetes auf großes Interesse. Darüber hinaus wird »Meal Sequencing« vielfach als unkomplizierte Strategie beworben, um das Risiko für Typ-2- Diabetes zu senken.
Neben der besseren Blutzuckerkontrolle verspricht das »Meal Sequencing« auch positive Effekte auf zahlreiche weitere Beschwerden wie Müdigkeit, Heißhunger oder Hautprobleme [4, 5] und wird sogar als Beitrag zu gesundem Altern beworben.
Der vermutete Mechanismus hinter dem Prinzip, Gemüse vor Kohlenhydraten zu essen, lässt sich durch die im Gemüse enthaltenen unlöslichen Ballaststoffe erklären [6].
Gelangen diese zuerst in den Magen-Darm-Trakt, kann dies die Aufnahme der Glukose verlangsamen, die in Kohlenhydraten enthalten ist.
Dadurch kommt es zu einem sanfteren Anstieg des Blutzuckerspiegels. Was wiederum vermutlich durch eine verlangsamte Resorptionsgeschwindigkeit als auch durch die Stimulation des Inkretinhormons Glucagon-like-Peptide-1 (GLP-1) erklärt werden könnte. Dieser Mechanismus sorgt insgesamt für eine Reduktion von Blutzuckerschwankungen [7, 8].
Auch eine proteinreiche Vorspeise, zum Beispiel aus Fleisch oder Fisch, könnte ähnliche Effekte zeigen: sie könnte die Ausschüttung von Peptidhormonen fördern, welche den Stoffwechsel regulieren, die Magenentleerung verlangsamen und die Insulinsekretion anregen, bevor die Kohlenhydrate verzehrt werden. Dazu zählen GLP-1, Glucose dependent insulintropic peptide (GIP) und Cholecystokinin [9].
Wissenschaftliche Evidenz
In den letzten Jahren sind mehrere Studien erschienen, die das Essen nach einer bestimmten Reihenfolge wissenschaftlich untersucht haben.
Eine Übersichtsarbeit, die die Ergebnisse von acht Studien an insgesamt 230 Menschen mit Typ-2-Diabetes zusammenfasste, kam zu einem ernüchternden Ergebnis: ob Gemüse oder Proteine vor Kohlenhydraten gegessen wurden, hatte keinen eindeutigen Vorteil für den kurzfristigen Blutzucker- und Insulinspiegel. Die Aussagekraft der Ergebnisse wird als niedrig bis sehr niedrig eingeschätzt, da die zugrundeliegenden Studien methodische Schwächen aufwiesen – darunter ein erhöhtes Risiko für systematische Fehler (Bias in der Durchführung der Studien), kleine Teilnehmerzahlen sowie eine erhebliche Heterogenität der Ergebnisse. [10].
Andere Studien, insbesondere an gesunden Personen, berichten dagegen, dass sich die Glukose- und Insulinwerte nach dem Essen durch das »Meal Sequencing« leicht verbessern ließen [11, 12].
Auch Untersuchungen an Menschen mit Prädiabetes deuten auf positive Effekte hin [13]. Betrachtet man den Langzeitblutzuckerwert (HbA1c), so zeigt eine randomisierte kontrollierte Studie an über 100 Personen mit Typ-2-Diabetes aus Japan, dass sich dieser nach zwölf Monaten stärker senken ließ, wenn sie sich nach dem Prinzip Gemüse vor Kohlenhydraten ernährten, als bei jenen, die lediglich allgemeine Ernährungsempfehlungen erhielten [14]. Blickt man auf das Design dieser Studie, so sollte bei der Interpretation dieser Ergebnisse nicht außer Acht gelassen werden, dass die Personen nicht nur durch eine Ernährungsintervention behandelt wurden. Zusätzlich wurde die Medikamentendosis während der 24-monatigen Laufzeit angepasst und variierte zwischen den Gruppen.
Auch über die Veränderung des Gemüse- und Ballaststoffverzehrs berichtet diese Studie: Beide Gruppen nehmen im Vergleich zur Baseline-Untersuchung zwar mehr Gemüse und auch Ballaststoffe zu sich, doch der Anteil liegt bei der Interventionsgruppe noch einmal deutlich höher als bei der Kontrollgruppe.
Bei der Interpretation der Ergebnisse muss außerdem beachtet werden, dass auch die Kontrollgruppe den HbA1c reduzieren konnte [14]. Weitere randomisiert kontrolliert Studien, die HbA1c untersuchten und diese Ergebnisse bestätigen können, gibt es nicht.
Eine kurzfristige Reduktion der Nüchternglukose durch eine Gemüsevorspeise konnte in einer einzelnen Studie beobachtet werden. Zehn Tage lang wurden drei Gruppen miteinander verglichen:
- Die erste Gruppe aß Gemüse vor Kohlenhydraten.
- Die zweite Gruppe sollte Gemüse mit Kohlenhydraten essen, ohne dabei eine Reihenfolge einzuhalten.
- Die dritte Gruppe erhielt eine Ernährungsberatung, die Bedürfnisse von Typ-2-Diabetes abgestimmt war.
Alle Gruppen konnten ihren Nüchternblutzucker reduzieren. Am stärksten waren die Effekte bei der ersten Gruppe, gefolgt von der zweiten Gruppe [15].
Bei vielen dieser Studien zeigen sich weitere methodische Schwächen. Ein Großteil der Untersuchungen stammt aus asiatischen Ländern, wobei Reis als hauptsächliche Kohlenhydratquelle verwendet wurde. Das erschwert die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Lebensmittel wie Brot, Kartoffeln oder Nudeln. Zudem bleibt offen, ob die Resultate auf andere Bevölkerungsgruppen anwendbar sind, da sich der Glukosestoffwechsel zwischen verschiedenen Ethnien nachweislich unterscheidet. [16].
Auch die Studiendauer stellt eine wichtige Limitation dar: Viele Untersuchungen liefen nur über wenige Tage. Dadurch lassen sich keine belastbaren Aussagen zu langfristigen Effekten auf Körpergewicht, Taillenumfang, Insulinsensitivität oder präventive Wirkungen treffen. Hinzu kommt, dass die meisten Studien mit sehr kleinen Stichproben – oft weniger als 20 Teilnehmende – durchgeführt wurden, was die Aussagekraft zusätzlich einschränkt.
Ein weiterer kritischer Punkt sind die Vergleichsbedingungen: Häufig wurden als Kontrollgruppe Mahlzeiten gewählt, die ausschließlich aus dem kohlenhydratreichen Lebensmittel bestanden. Diese Konstellation entspricht jedoch nicht der Realität einer typischen Mischkost und kann die Ergebnisse zugunsten der protein- oder ballaststoffreicheren Intervention verzerren, insbesondere wenn die Kalorienmenge identisch ist. Aussagekräftiger sind daher Studien, die gemischte Mahlzeiten aus Kohlenhydraten und Gemüse oder Proteinen vergleichen. Nur so lässt sich beurteilen, ob die beobachteten Effekte tatsächlich auf die Reihenfolge der Nahrungsaufnahme zurückzuführen sind – oder schlicht auf die Zusammensetzung der Mahlzeit selbst.
Unabhängig davon ist bereits gut belegt, dass eine ausgewogene, ballaststoff- und proteinreiche Ernährung – wie etwa die mediterrane oder die DASH-Ernährungsweise – zur Prävention von Typ-2-Diabetes beiträgt. Auch im Management des Typ-2-Diabetes zeigen sich positive Effekte für Ernährungsformen, die auf die Kohlenhydratqualität achten oder viele pflanzliche Lebensmittel enthalten. [18].
Fazit für die Praxis
Bisher gibt es keine belastbaren Belege dafür, dass die Reihenfolge der Mahlzeiten den Blutzucker langfristig verbessert im Hinblick auf die Prävention oder eine Verbesserung des Typ-2-Diabetes. Der Fokus sollte deshalb weiterhin auf einer insgesamt ausgewogenen und ballaststoffreichen Ernährung sowie einem aktiven Lebensstil liegen.
Meal Sequencing bezeichnet die gezielte Reihenfolge beim Verzehr von Lebensmitteln; meist: erst Gemüse oder Eiweiß, dann Kohlenhydrate.
Der Verzehr von ballaststoffreichem Gemüse oder Protein vor kohlenhydratreichen Lebensmitteln kann die Aufnahme von Glukose verlangsamen und den Blutzuckeranstieg nach dem Essen abmildern. Auch die Ausschüttung von Sättigungshormonen wie GLP-1 könnte gefördert werden, was das Hungergefühl reduzieren kann.
Es gibt Hinweise darauf, dass Meal Sequencing kurzfristig zu niedrigeren Blutzuckerspitzen bei gesunden Menschen führen könnte. Nur einzelne Studien untersuchten diesen Zusammenhang auch in Menschen mit Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes.
Positive Effekte auf den Langzeitblutzucker (HbA1c) sind bisher nicht eindeutig belegt und die Studienlage ist noch begrenzt.
Meal Sequencing ersetzt keine grundlegenden Ernährungsempfehlungen oder einen aktiven Lebensstil. Für Menschen mit Diabetes sollte jede Ernährungsumstellung mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgestimmt werden.
Zusammenfassung
»Meal Sequencing« bezeichnet ein Ernährungskonzept, bei dem die Komponenten einer Mahlzeit in einer bestimmten Reihenfolge verzehrt werden – beispielsweise Gemüse vor Kohlenhydraten. Einzelne Studien weisen zwar auf kurzfristige positive Effekte für die Glukose- und Insulinkonzentration, den Nüchternblutzucker sowie den HbA1c hin, ihre Aussagekraft ist jedoch aufgrund methodischer Limitationen stark eingeschränkt. Deshalb sollte eine Ernährung nach dem Reihenfolgenprinzip nicht als Ersatz für eine ausgewogene Ernährung und eines aktiven Lebensstiles empfohlen werden.
Autorinnen: Katharina Kampmann und PD Dr. Sabrina Schlesinger
Arbeitsstätte: Institut für Biometrie und Epidemiologie, DDZ, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie DZD, München-Neuherberg, Partner Düsseldorf
[1] Shapira N. The Metabolic Concept of Meal Sequence vs. Satiety: Glycemic and Oxidative Responses with Reference to Inflammation Risk, Protective Principles and Mediterranean Diet. Nutrients. 2019;11(10).
[2] Mann JI, De Leeuw I, Hermansen K, Karamanos B, Karlström B, Katsilambros N, et al. Evidence-based nutritional approaches to the treatment and prevention of diabetes mellitus. Nutr Metab Cardiovasc Dis. 2004;14(6):373–94.
[3] Paulweber B, Valensi P, Lindström J, Lalic NM, Greaves CJ, McKee M, et al. A European evidence-based guideline for the prevention of type 2 diabetes. Horm Metab Res. 2010;42 Suppl 1:S3–36.
[4] Focus. Abnehmen mit dem „Glukose-Trick“ – nach 21 Tagen sind Tester überrascht 2025 [Available from: https://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/abnehm-trend-aus-den-usa-gewichtsverlust-bessere-haut-mehr-energie-expertin-erklaert-glukose-trick_id_187702529.html]
[5] DIE ZEIT. Was bringt die Blutzuckerdiät? 2024 [Available from: https://www.zeit.de/wissen/2024–05/blutzucker-trend-glukose-cgm-glucose-goddess]
[6] Yabe D, Kuwata H, Fujiwara Y, Sakaguchi M, Moyama S, Makabe N, et al. Dietary instructions focusing on meal-sequence and nutritional balance for prediabetes subjects: An exploratory, cluster-randomized, prospective, open-label, clinical trial. J Diabetes Complications. 2019;33(12):107450.
[7] Müller M, Canfora EE, Blaak EE. Gastrointestinal Transit Time, Glucose Homeostasis and Metabolic Health: Modulation by Dietary Fibers. Nutrients. 2018;10(3):275.
[8] Wu S, Jia W, He H, Yin J, Xu H, He C, et al. A New Dietary Fiber Can Enhance Satiety and Reduce Postprandial Blood Glucose in Healthy Adults: A Randomized Cross-Over Trial. Nutrients. 2023;15(21).
[9] Bowen J, Noakes M, Trenerry C, Clifton PM. Energy intake, ghrelin, and cholecystokinin after different carbohydrate and protein preloads in overweight men. J Clin Endocrinol Metab. 2006;91(4):1477–83.
[10] Okami Y, Tsunoda H, Watanabe J, Kataoka Y. Efficacy of a meal sequence in patients with type 2 diabetes: a systematic review and meta-analysis. BMJ Open Diabetes Res Care. 2022;10(1).
[11] Wu Y, Fan Z, Lou X, Zhao W, Lu X, Hu J, et al. Combination of Texture-Induced Oral Processing and Vegetable Preload Strategy Reduced Glycemic Excursion but Decreased Insulin Sensitivity. Nutrients. 2022;14(7).
[12] Zhu R, Liu M, Han Y, Wang L, Ye T, Lu J, Fan Z. Acute effects of non-homogenised and homogenised vegetables added to rice-based meals on postprandial glycaemic responses and in vitro carbohydrate digestion. Br J Nutr. 2018;120(9):1023–33.
[13] Shukla AP, Dickison M, Coughlin N, Karan A, Mauer E, Truong W, et al. The impact of food order on postprandial glycaemic excursions in prediabetes. Diabetes Obes Metab. 2019;21(2):377–81.
[14] Imai S, Matsuda M, Hasegawa G, Fukui M, Obayashi H, Ozasa N, Kajiyama S. A simple meal plan of ‚eating vegetables before carbohydrate‘ was more effective for achieving glycemic control than an exchange-based meal plan in Japanese patients with type 2 diabetes. Asia Pac J Clin Nutr. 2011;20(2):161–8.
[15] Widyasari DE, Sugiarto, Indarto D. Vegetables Consumption Before Carbohydrates Improves Daily Fiber Intake and Blood Sugar Levels in Patients With Type 2 Diabetes Mellitus. Advances in Health Sciences Research. 2020;34.
[16] Cavagnolli G, Pimentel AL, Freitas PA, Gross JL, Camargo JL. Effect of ethnicity on HbA1c levels in individuals without diabetes: Systematic review and meta-analysis. PLoS One. 2017;12(2):e0171315.
[17] Neuenschwander M, Ballon A, Weber KS, Norat T, Aune D, Schwingshackl L, Schlesinger S. Role of diet in type 2 diabetes incidence: umbrella review of meta-analyses of prospective observational studies. BMJ. 2019 Jul 3;366:l2368.
[18] Szczerba E, Barbaresko J, Schiemann T, Stahl-Pehe A, Schwingshackl L, Schlesinger S. Diet in the management of type 2 diabetes: umbrella review of systematic reviews with meta-analyses of randomised controlled trials. BMJ Med. 2023 Nov 9;2(1):e000664.



