Organfibrosen sind eine schwerwiegende, bislang kaum behandelbare Komplikation bei Menschen mit Diabetes. Der neue Forschungsverbund FIBRO-NET – unter Beteiligung des Deutschen Diabetes-Zentrums – arbeitet gezielt an antifibrotischen Wirkstoffen für Leber, Niere und Herz.
Fibrose ist weit mehr als eine Begleiterscheinung chronischer Erkrankungen – sie ist ein eigenständiger, prognostisch relevanter Krankheitsprozess. Wenn sich übermäßig Bindegewebe in Organen wie Leber, Niere oder Herz bildet, werden deren Struktur und Funktion dauerhaft geschädigt. Für Menschen mit Diabetes ist dieses Risiko besonders hoch: Stoffwechselentgleisungen, chronische Entzündungsprozesse und Begleiterkrankungen wie die metabolisch assoziierte Fettlebererkrankung (MASLD) begünstigen die Entstehung und das Voranschreiten von Fibrosen erheblich.
Globale Dimension: 500 Millionen Betroffene, keine zugelassene Therapie
Organfibrosen gehören zu den häufigsten und folgenreichsten Komplikationen chronischer Erkrankungen weltweit. Mehr als 500 Millionen Menschen sind betroffen. Trotz dieser enormen Krankheitslast existieren für Fibrosen in Leber, Niere und Herz bislang keine zugelassenen, kausal wirksamen Medikamente. Die Behandlung beschränkt sich auf die Kontrolle der zugrunde liegenden Erkrankung und symptomatische Maßnahmen.
Für Menschen mit Diabetes ist diese Versorgungslücke besonders gravierend: Diabetes und MASLD gelten als starke Risikofaktoren für die Entwicklung und Progression von Organfibrosen.
FIBRO-NET: Vernetzung von Expertise für neue Wirkstoffkandidaten
Der Forschungsverbund FIBRO-NET („Innovative Wirkstoffentwicklung für die Therapie der Organfibrose”) bündelt Expertise aus Stoffwechselforschung, Biotechnologie und experimenteller Medizin. Beteiligt sind:
- Deutsches Diabetes-Zentrum (DDZ), Düsseldorf
- CureDiab Metabolic Research GmbH, Düsseldorf
- Universität Tübingen
- Universitätsklinikum Köln
- Fraunhofer ITEM, Hannover
Das Projekt wird für drei Jahre mit 1,5 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) im Rahmen des Programms Gesünder.IN.NRW gefördert. Ziel ist die Identifikation und Weiterentwicklung neuer antifibrotischer Wirkstoffkandidaten, die gezielt in Fibrosebildungsprozesse eingreifen – und diese im besten Fall rückgängig machen können.
DDZ-Beitrag: Fibrose in Leber, Niere und Herz im Fokus
Das DDZ bringt seine langjährige Erfahrung in der Stoffwechselforschung in den Verbund ein und übernimmt dabei eine tragende Rolle bei der Untersuchung diabetesassoziierter Fibrosen in drei zentralen Organsystemen:
- Leber (Dr. Bedair Dewidar): Untersuchung der Fibroseprozesse im Kontext von MASLD und Diabetes
- Niere (Dr. Jaroslawna Meister, Prof. Karin Jandeleit-Dahm): Analyse der diabetischen Nephropathie und renaler Fibrosemechanismen
- Herz (Dr. Elric Zweck, Dr. Sarah Piel): Erforschung der kardialen Fibrose im Rahmen der diabetischen Kardiomyopathie
Gemeinsam entwickeln die DDZ-Forschenden Modelle, um potenzielle Wirkstoffe systematisch und reproduzierbar zu testen.
Organ-on-a-Chip: Modernste Technologie für realitätsnahe Testsysteme
Ein methodischer Schwerpunkt des Projekts ist die Entwicklung sogenannter Organ-on-a-Chip-Modelle. Dabei handelt es sich um miniaturisierte Laborsysteme, die menschliche Organe unter physiologischen Bedingungen nachbilden. In einer Nährflüssigkeit wachsen Organzellen heran; durch die Zugabe bestimmter Substanzen – etwa Fettsäuren oder anderer chemischer Verbindungen – lässt sich aus dem gesunden Zellmodell ein Fibrose-Modell erzeugen, an dem verschiedene Wirkstoffkandidaten getestet werden können.
Diese Technologie erlaubt es, Fibroseprozesse mechanistisch zu verstehen und die Wirksamkeit neuer Substanzen unter kontrollierten, organnah Bedingungen zu prüfen – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur klinischen Translation.
Klinische Perspektive: Was Behandelnde jetzt wissen sollten
Für den Praxisalltag unterstreicht FIBRO-NET die Dringlichkeit eines konsequenten Fibrose-Monitorings bei Menschen mit Diabetes.
„Menschen mit Diabetes entwickeln häufiger Fibrosen in Organen wie Leber, Niere oder Herz – mit potenziell dauerhaften Schäden für die Organfunktion. Neue Wirkstoffe, die gezielt in die Fibrosebildung eingreifen, könnten die Therapie entscheidend verbessern und Betroffene wirksamer schützen.”
Prof. Michael Roden,
wissenschaftlicher DDZ-Geschäftsführer und
Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf
Bis antifibrotische Wirkstoffe die klinische Zulassung erreichen, bleibt die frühzeitige Erkennung von Fibroseprozessen – etwa mittels nicht-invasiver Elastographie bei Leberfibrose oder der Überwachung von Albuminurie und GFR bei Nephropathie – ein zentrales Instrument im Behandlungsalltag. Ebenso ist die konsequente Behandlung der zugrundeliegenden Stoffwechselerkrankung die derzeit wirksamste Präventionsstrategie.
Quellen:
1. Pressemitteilung des Deutschen Diabetes Zentrum (DDZ) vom 30.03.2026 : Neue Wirkstoffe gegen Organfibrose: DDZ an Forschungsverbund FIBRO-NET beteiligt
2. IQWiG: Leitliniensynopse für die Aktualisierung des DMP Diabetes mellitus Typ 2, 2024. [PDF]
3. DDG-Praxisempfehlungen: Merker et al. „Nephropathie bei Diabetes.” Diabetologie und Stoffwechsel, Supplement 2023; 18(Suppl 2): S342–S347. [PDF]



