Diabetologie » Sonstiges

»

Tabuthema Sexualität in der Diabetesberatung

Tabuthema Sexualität in der Diabetesberatung

Panorama

Diabetologie

Sonstiges

mgo medizin Redaktion

Verlag

4 MIN

Erschienen in: diabetes heute

Diabetes beeinflusst nahezu jeden Bereich des Lebens – und doch wird ein Thema in der Beratungspraxis erstaun­lich selten offen angesprochen: die 
Sexualität. Dabei sind sexuelle Funktionsstörungen bei Diabetes keine Rander­scheinung, sondern eine häufige und für Betroffene oft sehr belastende Komplikation. Als Diabetesberaterin habe ich gelernt: Wer dieses Thema nicht aktiv anspricht, lässt Patientinnen und Patienten mit einem wesentlichen Teil ihrer Lebensqualität allein.

Männer und Erektile Dysfunktion: Wenn Humor die Tür öffnet

In meinen Schulungen spreche ich das Thema Erektionsstörungen regelmäßig im Kontext diabetischer Folgeerkrankungen an. Die Reaktionen sind unterschiedlich – manche Patienten schweigen verlegen, andere sind erstaunlich offen. Manchmal entschärft ein humorvoller Moment die Situation: Ein älterer Patient bemerkte einmal trocken: „Früher konnte man ja noch einen Eimer dranhängen – das geht heute natürlich nicht mehr.“ Solche Äußerungen mögen zunächst ungewöhnlich wirken, schaffen aber eine entspannte Gesprächsatmosphäre, in der ernsthafte Anliegen erst wirklich Raum finden.
Erektile Dysfunktion als Folge des Diabetes ist vielen Männern bekannt, und PDE-5-Inhibitoren sind als Therapieoption inzwischen breit etabliert. Dennoch sprechen Betroffene das Thema selten von sich aus an – hier liegt eine klare Aufgabe für uns als Beratende.

Frauen und vaginale Gesundheit: Das größere Tabu

Die weibliche Sexualgesundheit bleibt in der Diabetesberatung häufig unsichtbar. Viele Frauen wissen nicht, dass Diabetes mit vaginaler Trockenheit und weiteren sexuellen Funktionsstörungen assoziiert sein kann. Dabei existieren wirksame Lösungen – von Gleitmitteln und Vaginalfeuchtigkeitscremes bis hin zur Hormonersatztherapie.

Ich habe vor einigen Jahren damit begonnen, Gleitgel ganz selbstverständlich neben Fußschaum und anderen Hilfsmitteln in meinem Beratungsregal zu platzieren. Was zunächst wie eine kleine Geste wirkt, hat sich als äußerst wirkungsvolles Gesprächswerkzeug erwiesen: Patientinnen sprechen mich gezielt darauf an. Ergänzend können auch Informationsplakate oder ausliegende Materialien im Wartebereich dazu beitragen, das Thema sichtbar zu machen, ohne dass Betroffene von sich aus den ersten Schritt tun müssen.

Einen weiteren wichtigen Schritt habe ich kürzlich mit einem öffentlichen Vortrag zur vaginalen Gesundheit bei Diabetes am Klinikum Lippstadt gemacht. Das Interesse war groß, die Rückmeldungen bewegend. Viele Frauen berichteten, dass sie sich mit ihren Beschwerden bislang allein gefühlt hatten – in dem Glauben, ihr Problem sei einzigartig. Ein offenes Gespräch kann dieses Gefühl der Isolation erheblich verringern.

Insulinpumpen und Sexualität

Ein weiteres Thema, das in der Beratung oft ungeklärt bleibt, ist der Umgang mit Insulinpumpen in intimen Situationen. Wenn ich gemeinsam mit Betroffenen eine Pumpenauswahl treffe – etwa zwischen Patch- und Schlauchpumpe –, gehört für mich der Hinweis dazu, dass es Situationen im Leben gibt, in denen man möglicherweise kein Gerät am Körper tragen möchte. Oft ergibt sich daraus unmittelbar ein Gespräch: Betroffene fragen direkt, wie sie während des Geschlechtsverkehrs mit der Pumpe umgehen sollen.

Für einen Fachvortrag über Insulinpumpentherapie habe ich gezielt das Gespräch mit Pumpentragenden gesucht – und war überrascht, wie offen sie darüber sprachen. Die Mehrheit legt die Pumpe für diesen Zeitraum ab. Dieses Wissen ist wertvoll: Es zeigt Betroffenen, dass ihre Frage legitim ist, und dass es praktikable, alltägliche Lösungen gibt.

Besonders für junge Menschen kann die Sichtbarkeit von Diabetes-Technologie am Körper ein emotionales Thema sein. Das anzusprechen – proaktiv, ohne zu warten, bis jemand fragt – gehört für mich zu einer ganzheitlichen Beratung dazu.

Fazit: Aus der Tabuzone in den Beratungsalltag

Sexualität ist ein zentraler Bestandteil von Lebensqualität. Wenn Diabetes diesen Bereich beeinträchtigt, sind wir als Fachkräfte gefragt – nicht erst, wenn Betroffene explizit danach fragen, sondern durch aktives, niedrigschwelliges Ansprechen. Das muss weder unangenehm noch klinisch-
distanziert sein. Ein offenes Wort, ein Produkt im Regal, ein Plakat im Wartezimmer: Kleine Signale können große Wirkung haben.

In meiner Erfahrung hat sich dabei ein Prinzip besonders bewährt: konkrete Beispiele aus der Praxis zu nennen. Wenn Menschen mit Diabetes hören, wie andere mit der Pumpe beim Sex umgehen, wie Frauen mit vaginaler Trockenheit zurechtkommen oder wie ein humorvoller Satz im Gruppenraum eine ganze Diskussion auslösen kann – dann merken sie: Das ist kein Ausnahmeproblem. Das ist Alltag. Und Alltag lässt sich besprechen.

Es liegt an uns, Sexualität als selbstverständlichen Teil der Diabetesberatung zu etablieren – zum Wohl unserer Patientinnen und Patienten.

Autorin: Daniela Mika, Diabetesberaterin DDG und Diätassistentin in Lippstadt (NRW)

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Vorhofflimmern und Diabetes – unterschätzt mit erhöhtem Schlaganfallrisiko

News

Vorhofflimmern verläuft bei Menschen mit Diabetes häufig symptomlos – und erhöht das Risiko für Schlaganfall und vorzeitigen Tod dramatisch. Was Behandelnde in der diabetologischen Praxis beachten sollten. Rund elf Millionen ...

Diabetologie

Komorbiditäten von Diabetes

Beitrag lesen

Cochrane 2026: Ernährungsinterventionen bei älteren Menschen im Krankenhaus

News

Mangelernährung im Krankenhaus ist unterschätzt – besonders bei älteren Menschen mit Diabetes. Ein neuer Cochrane Review zeigt: Spezielle Trinknahrung kann möglicherweise Leben retten. Was die Evidenz sagt und was das für Ihre Praxis bedeutet.

Diabetologie

Diabetes in der Geriatrie

Beitrag lesen

Lancet-Analyse bewertet Jo-Jo-Effekt neu

News

Schadet der Jo-Jo-Effekt wirklich mehr als anhaltendes Übergewicht? Eine aktuelle Analyse in The Lancet Diabetes & Endocrinology sagt: Nein. Was das für die Beratung und den Einsatz von GLP-1-RA bedeutet.

Diabetologie

Typ-2-Diabetes

Beitrag lesen