Ein internationales Forschungsteam präsentiert eine neue Behandlungsmethode bei früher Präeklampsie. Mithilfe einer speziellen Blutwäsche wird das Protein sFlt-1 aus dem Blutplasma entfernt. In einer Studie mit 16 Schwangeren verlängerte sich die Schwangerschaft im Schnitt um zehn Tage. Prof. Dr. Stefan Verlohren, Hamburg-Eppendorf, bewertet das Verfahren als vielversprechend, betont jedoch die Notwendigkeit randomisierter, kontrollierter Studien, mit größeren Fallzahlen, um die Wirksamkeit der Apherese bei Präeklampsie eindeutig zu belegen.
Prävalenz und Vorgehen
Bei 100 Schwangerschaften kommt es etwa in zwei bis fünf Fällen zu einer Präeklampsie [1]. Die Multisystemerkrankung ist eine der Hauptursachen für kindliche Todesfälle kurz vor oder nach der Geburt. Bei schweren Verläufen hilft nur ein früher Kaiserschnitt, um Kind und Mutter zu retten. Nun präsentiert ein internationales Forschungsteam mit deutscher Beteiligung im Fachjournal „Nature Medicine” eine mögliche Behandlung zur Verlängerung der Schwangerschaft bei früher Präeklampsie.
Protein sFlt-1 im Fokus
Im Fokus der Autorinnen und Autoren steht ein Protein namens „sFlt-1″. Es wird von der Plazenta produziert und bei Präeklampsie in großen Mengen ins Blut abgegeben. Der sFlt-1-Spiegel ist somit ein bekannter Marker für das Krankheitsbild [2–4]. Die Forschenden entwickelten nun eine Art Filterkartusche, die sFlt-1 aus dem Blutplasma entfernt, ähnlich wie bei einer Dialyse. Dies gelingt mithilfe eines sFlt-1-spezifischen Antikörpers (AG10b). Das gereinigte Blut wird der Schwangeren wieder zurückgeführt.
Studie mit 16 Schwangeren
Die Arbeitsgruppe testete ihr Verfahren zunächst an Pavianen und an drei freiwilligen Frauen und zwei Männern. Anschließend erfolgte die Behandlung von 16 Schwangeren mit früher Präeklampsie. Die Frauen hatten dabei bis zu zwei Blutwäschen (Apherese) pro Woche. Jede Sitzung reduzierte der Studie zufolge den sFlt-1-Spiegel im Mittel um 17 Prozent. Die Schwangerschaft verlängerte sich im Schnitt um zehn Tage, wobei die Spanne mit drei bis 19 Tage recht breit war. Gravierende Nebenwirkungen laut Studie nicht auf.
Wirkmechanismus und Einordnung
„Die Apherese bezieht sich auf die zweite Phase der Erkrankung […]. Man geht davon aus, dass dadurch die Erkrankungsaktivität abgemildert und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt wird – die eigentliche Ursache in der Plazenta wird dadurch nicht behoben”.
Prof. Dr. Stefan Verlohren, Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
sFlt-1 sei nicht nur ein reines Epiphänomen oder Marker, sondern tief in dieser zweiten pathophysiologischen Phase der Präeklampsie verwurzelt, so Verlohren. Es sei sehr begründet anzunehmen, dass eine Senkung des Spiegels tatsächlich die beschriebenen Effekte der Präeklampsie – verkürzte verbleibende Schwangerschaftsdauer und Komplikationen – abmildern könne.
Ein wichtiger Unterschied dieser aktuellen Studie gegenüber früheren Ansätzen liege darin, dass der hier verwendete Adsorber sehr selektiv an sFlt-1 binde, betont der Experte. Bei früheren Verfahren, die auf Ladungsunterschieden basierten, habe es deutlich mehr unspezifische und unerwünschte Entfernungen anderer Plasmaproteine gegeben. Das neue Verfahren sei in dieser Hinsicht deutlich eleganter, so Verlohren.
Weitere Forschung notwendig
„Das Haupteinsatzgebiet sehe ich klar bei der frühen und schweren Präeklampsie. Je früher in der Schwangerschaft, desto größer die Fallhöhe und desto wichtiger ist es, Zeit zu gewinnen.”
Prof. Dr. Stefan Verlohren, Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Was jetzt fehle, sei eine randomisierte, kontrollierte Studie, so der Experte. Man müsse klar zeigen – mit entsprechender Fallzahlkalkulation –, dass Patientinnen mit dieser Art der Apherese tatsächlich länger schwanger bleiben als solche ohne Intervention.
Die Idee der Blutfilterung bei Präeklampsie ist nicht neu. Ein Teil der jetzigen Arbeitsgruppe hatte die Methode für sFlt-1 bereits 2011 beschrieben [5]. Das Verfahren gilt als vielversprechend, allerdings gibt es bislang keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, ob das Protein sFlt-1 tatsächlich der entscheidende Schlüssel bei der Behandlung der Präeklampsie ist [6].
Literatur:
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie et al. Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie. 2024. Leitlinienprogramm
- Zeisler H et al. Predictive Value of the sFlt-1:PlGF Ratio in Women with Suspected Preeclampsia. N Engl J Med 2016. DOI: 10.1056/NEJMoa1414838
- Graupner O et al. Significance of the sFlt-1/PlGF Ratio in Certain Cohorts – What Needs to be Considered? Geburtshilfe Frauenheilkd 2024. DOI: 10.1055/a-2320-5843
- Maynard SE et al. Excess placental soluble fms-like tyrosine kinase 1 (sFlt1) may contribute to endothelial dysfunction, hypertension, and proteinuria in preeclampsia. J Clin Invest 2003. DOI: 10.1172/JCI17189
- Thadhani R et al. Pilot Study of Extracorporeal Removal of Soluble Fms-Like Tyrosine Kinase 1 in Preeclampsia. Circulation 2011. DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.111.034793
- Verlohren S et al. Clinical interpretation and implementation of the sFlt-1/PlGF ratio in the prediction, diagnosis and management of preeclampsia. Pregnancy Hypertens 2022. DOI: 10.1016/j.preghy.2021.12.003.
Quellen:
- Beitrag des Science Media Center vom 27.04.2026: Blutwäsche als mögliche Behandlung bei Schwangerschaftsvergiftung
- Thadhani R, Hiemstra TF, Vatish M et al. Targeted removal of soluble Fms-like tyrosine kinase 1 in very preterm preeclampsia: a pilot trial . Nat Med (2026). https://doi.org/10.1038/s41591-026-04333-6



