Eine Würzburger Studie im „Journal of Allergy and Clinical Immunology” analysiert über 1.500 Blutproben von 577 Frühgeborenen. Die Ergebnisse zeigen: Das Immunsystem Frühgeborene entwickelt sich abhängig vom Gestationsalter, Entzündungen und Geschlecht anders als bei termingeborenen Kindern. Die Studie liefert erstmals umfassende Referenzwerte für die klinische Einordnung von Immunbefunden und erklärt die besondere Infektanfälligkeit dieser Gruppe.
Größter Datensatz zur Immunentwicklung nach Frühgeburt
Die Kinderklinik am Universitätsklinikum Würzburg veröffentlicht im „Journal of Allergy and Clinical Immunology” in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Lübeck den bisher größten Datensatz zur Immunentwicklung von Frühgeborenen. Die Auswertung von über 1.500 Blutproben zeigt, welchen Einfluss das Gestationsalter, Entzündungen und das Geschlecht auf die Reifung des adaptiven Immunsystems haben. Die Studie liefert wichtige Referenzwerte für die klinische Einordnung von Immunbefunden und trägt zum besseren Verständnis der besonderen Infektanfälligkeit dieser vulnerablen Patientengruppe bei.
Welche Immunwerte sind bei Frühgeborenen normal?
Frühgeborene haben in den ersten Lebenswochen ein deutlich höheres Infektionsrisiko als termingeborene Kinder. Bislang fehlten jedoch belastbare Daten darüber, wie sich die verschiedenen Zellarten des adaptiven Immunsystems nach der Geburt entwickeln.
„Bislang wussten wir gar nicht, wie das Immunsystem eines gesunden Frühgeborenen aussieht und welche Werte angesichts der Frühgeburt normal sind”
Dr. med. Johannes Dirks, Universitätsklinikum Würzburg
Entwicklung adaptiver Abwehrzellen
In der Studie wurden über 1.500 Blutuntersuchungen der ersten 50 Lebenstage von 577 Frühgeborenen ausgewertet. Die Kinder wurden mit einem Gestationsalter zwischen 22 und 36 Wochen sowie einem Geburtsgewicht zwischen 305 und 2.820 Gramm an den Universitätskliniken Lübeck und Würzburg geboren.
Gestationsalter prägt die Immunentwicklung
Die Auswertung zeigte laut Johannes Dirks eindeutig: Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener.
„Wenn die Werte anders sind, heißt das aber nicht, dass sie nicht normal sind.“
Dr. med. Johannes Dirks, Universitätsklinikum Würzburg
Bei Frühgeborenen sind zum Beispiel die CD4-T-Helferzellen, die eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Immunreaktionen spielen, dauerhaft in geringerer Zahl vorhanden. Gleichzeitig finden sich in den ersten Lebenswochen zunächst vermehrt B-Zellen, die für die Bildung von Antikörpern zuständig sind. Später seigt dann auch die Zahl der natürlichen Killerzellen. Das Immunsystem sei schlicht ganz anders organisiert und entwickele sich noch, so die Autorenschaft der Studie, die im Rahmen ihrer Arbeit auch eine Tabelle zur genauen Einschätzung des Immunstatus präsentierten.
„Es ist also nicht zwingend krankhaft im Sinne eines Immundefektes, wenn bestimmte Zellen bei Frühgeborenen noch unterrepräsentiert sind.”
Dr. med. Johannes Dirks, Universitätsklinikum Würzburg
Entzündungen und Geschlecht beeinflussen das Immunsystem
Neben dem Gestationsalter beeinflussten weitere Faktoren das Immunsystem. Ein Amnioninfektionssyndrom kurz vor der Geburt verstärkte die immunologischen Veränderungen zusätzlich. Auffällig war zudem ein Geschlechtsunterschied: Frühgeborene Mädchen wiesen durchgehend höhere Anteile an T-Helferzellen auf. Dies könnte zu ihrem insgesamt besseren Überleben beitragen.
Quellen:
- Pressemitteilung des Universitätsklinikums Würzburg vom 24.03.2026: Früh geboren – immunologisch anders programmiert
- Dirks J, Fortmann I, Marißen J et al. Effect of gestational age on lymphocyte phenotypes in hospitalized preterm infants . J Allergy Clin Immunol 2025; 157: 506–516



