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Präeklampsie – Langzeitrisiken und neue Strategien

Schwangere Frau mit Bluthochdruck misst Blutdruck, Fokus auf Präeklampsie Awareness.

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Präeklampsie zählt weltweit zu den häufigsten Ursachen für Müttersterblichkeit. In Deutschland funktioniert die Früherkennung gut, doch eine kausale Therapie fehlt bisher. Bluthochdruck oder Präeklampsie in der Schwangerschaft gelten zudem als Warnsignal für die langfristige Herzgesundheit von Frauen. In einer internationalen Studie unter Beteiligung der Universitätsmedizin Leipzig wurde nun erstmals ein therapeutischer Ansatz erfolgreich erprobt: Eine spezielle Blutwäsche kann das krankheitsauslösende Protein sFlt-1 entfernen.

Präeklampsie als weltweites Problem

Präeklampsie zählt weltweit zu den häufigsten Ursachen für gesundheitliche Probleme und Todesfälle bei Müttern und ihren Babys. In den USA, Kanada und Westeuropa liegt die Inzidenzrate bei 2-5 Prozent aller Geburten. Vor allem in Entwicklungsländern treten schwere Formen häufiger auf – die Zahlen klettern hier bis zu 18 Prozent in Teilen Afrikas. Lateinamerika verzeichnet die Präeklampsie sogar als häufigste Ursache für Müttersterblichkeit [1].

Früherkennung in Deutschland funktioniert

“In Deutschland werden Schwangere mit Präeklampsie früh erkannt und bestmöglich versorgt. Präeklampsie ist eine ernstzunehmende Multiorganerkrankung. Wird sie zu spät erkannt, kann sie schwerwiegende Folgen für Mutter und Kind haben [2].“

Dr. Jochen Frenzel, Saarbrücken

Erste Symptome würden nicht selten mit normalen Schwangerschaftsbeschwerden verwechselt. Umso wichtiger sei die Vorsorgeuntersuchungen im ersten Schwangerschaftsdrittel und eine kontinuierliche Betreuung während der gesamten Schwangerschaft, so Frenzel. Die Aufklärung der Schwangeren bleibt ein wichtiger Baustein im Gesamtbild.


Bluthochdruck betrifft etwa fünf bis zehn Prozent aller Schwangeren und erhöht das Risiko für eine Präeklampsie deutlich. Dennoch können Behandelnde aktuell nur auf eine Präeklampsie reagieren, sie aber nicht verhindern. Bisher besteht die einzige wirksame Behandlungsoption darin, die Schwangerschaft vorzeitig zu beenden – häufig mit der Folge von Frühgeburten, was besonders bei im Schwangerschaftsverlauf früh auftretender Präeklampsie hohe Risiken für das Kind birgt.

Neuer therapeutischer Ansatz erfolgreich erprobt

Eine internationalen Studie unter wesentlicher Beteiligung der Universitätsmedizin Leipzig gibt Anlass zur Hoffnung, dass sich der Status quo bei Präeklampsie bald verschieben könnte. In der Studie wurde erstmals ein therapeutischer Ansatz erfolgreich an Patientinnen erprobt. Eine spezielle Form der Blutwäsche kann das krankheitsauslösende Protein entfernen. Die Ergebnisse sind im Journal „Nature Medicine” veröffentlicht worden.

Die Studie basiert auf Forschung, die bereits vor rund 20 Jahren publiziert wurde. In dieser Grundlagenforschung identifizierten US-amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein krankheitsauslösendes Protein für Präeklampsie im mütterlichen Blut: die lösliche fms-ähnliche Tyrosinkinase 1 (sFlt-1). In der aktuellen Pilotstudie hat nun ein internationales Team ein Verfahren entwickelt, bei dem das Protein mithilfe eines spezifischen Antikörpers aus dem Blut der Schwangeren entfernt wird. Maßgeblich beteiligt war Prof. Dr. Holger Stepan, Leiter der Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig.

Technisch erfolgt das neue Verfahren als Apherese, bei der ein eigens entwickelter Filter das krankheitsauslösende Protein gezielt binden und entfernen kann. Insgesamt wurden neun Frauen im Rahmen der Studie behandelt, davon sieben am Universitätsklinikum Leipzig und zwei am Universitätsklinikum Köln.

„Die Ergebnisse sind vielversprechend: Wir konnten zeigen, dass die Konzentration des krankheitsauslösenden Proteins im Blut gesenkt wird. Gleichzeitig stabilisierte sich der klinische Zustand der Patientinnen und die Schwangerschaft konnte in mehreren Fällen verlängert werden. Das ist ein wichtiger Schritt hin zu einer ursächlichen Therapie der Präeklampsie.”

Prof. Dr. Holger Stepan, Universität Leipzig

Warnsignal für langfristige Herzgesundheit

Bluthochdruck oder gar Präeklampsie in der Schwangerschaft können auch als Warnsignal für die langfristige Gesundheit des weiblichen Herz-Kreislauf-Systems interpretiert werden, so der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF) und die Deutsche Hochdruckliga (DHL). Eine Schwangerschaft wirkt wie ein natürlicher Belastungstest für das Herz-Kreislauf-System.

„Wird der Blutdruck frühzeitig erkannt und konsequent behandelt, lassen sich Komplikationen deutlich reduzieren.”

Prof. Dr. med. Markus van der Giet, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga

Frauen mit dieser Vorgeschichte haben später im Leben ein zwei- bis siebenfach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Deutsche Hochdruckliga und der BVF empfehlen Frauen nach einer Präeklampsie die Nutzung eines speziellen Nachsorgepasses mit Hinweisen zur langfristigen Risikoreduktion.

Quellen:

  1. Preeclampsia Foundation 2013. Preeclampsia and Maternal Mortality: a Global Burden.
  2. Pressemitteilung der Universität Leipzig vom 11.05.2026: Schwangerschaftsvergiftung: Erstmals therapeutischer Ansatz erprobt
  3. Gemeinsame Pressemitteilung des Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. (BVF) und der Deutschen Hochdruckliga (DHL) vom 13.05.2026: Schwangerschaft gibt Hinweise auf spätere Herzgesundheit

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