Kardiologie » Herzmuskelerkrankungen und Herzinsuffizienz

»

RHOT-Proteine: Schlüssel zur Energieversorgung des Herzens

PD Dr. Christian Riehle, Dr. Natali Froese und Prof. Dr. Johann Bauersachs halten ein Herzmodell – MHH-Forschende zur Rolle von RHOT-Proteinen in Herzmuskelzellen

Quelle: © Karin Kaiser/MHH

RHOT-Proteine: Schlüssel zur Energieversorgung des Herzens

News

Kardiologie

Herzmuskelerkrankungen und Herzinsuffizienz

mgo medizin Redaktion

Verlag

4 MIN

Erschienen in: herzmedizin

Forschende der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben einen grundlegenden Mechanismus entschlüsselt, der die Energieversorgung von Herzmuskelzellen steuert – und damit neue Hoffnung für die Behandlung von Herzschwäche eröffnet.

Die Kraftwerke des Herzens

Unser Herz schlägt rund 100.000-mal pro Tag – ein Leben lang, ohne Pause. Die dafür benötigte Energie liefern Mitochondrien, die sogenannten „Kraftwerke der Zellen”. Sie produzieren bis zu 95 % des Adenosintriphosphats (ATP), der wichtigsten Energiequelle des Körpers. Kein Organ ist dabei so auf sie angewiesen wie das Herz: Etwa ein Drittel des Zellvolumens einer Herzmuskelzelle besteht aus Mitochondrien – die höchste Dichte aller Organe im menschlichen Körper.

Damit die Mitochondrien ihre Arbeit leisten können, müssen sie während der Herzentwicklung an einen ganz bestimmten Ort gelangen: die sogenannten Sarkomere – die kleinsten Funktionseinheiten der Muskelzelle, die für Kontraktion und Entspannung verantwortlich sind.

Neue Entdeckung: RHOT-Proteine steuern die Wanderung der Mitochondrien

Wie die Mitochondrien diesen Weg finden, war bislang weitgehend ungeklärt. Ein Forschungsteam um Privatdozent Dr. Christian Riehle, Leiter der Arbeitsgruppe Myokardiale Energetik an der MHH-Klinik für Kardiologie und Angiologie, und Klinikdirektor Prof. Dr. Johann Bauersachs hat jetzt den entscheidenden Mechanismus identifiziert.

Mithilfe einer bioinformatischen Genanalyse stellten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest, dass im Herzgewebe besonders große Mengen der Proteine RHOT1 und RHOT2 gebildet werden. „Ihre große Menge war für uns ein klarer Hinweis, dass sie für einen Schlüsselmechanismus verantwortlich sein müssen”, erklärt PD Dr. Riehle.

Im Mausmodell bestätigte sich der Verdacht: Wurden RHOT1 und RHOT2 während der Embryonalentwicklung in den Herzmuskelzellen ausgeschaltet, wanderten die Mitochondrien nicht mehr zu den Sarkomeren – sie klumpten sich stattdessen rund um den Zellkern zusammen. Die Folge: Den Sarkomeren fehlte die Energie zur Weiterentwicklung, es kam zu Herzschwäche mit Herzversagen.

Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Circulation Research veröffentlicht.

Bedeutung im erwachsenen Herz und bei erhöhter Belastung

In bereits ausgewachsenen Mäusen hatte das Ausschalten der RHOT-Proteine weniger dramatische Folgen: Die ATP-Produktion an den Sarkomeren blieb erhalten, weil die Mitochondrien dort bereits ihren endgültigen Platz eingenommen hatten. „Das bedeutet, dass die Wanderung hin zu den Sarkomeren bereits während der Embryonalentwicklung stattfindet”, so PD Dr. Riehle.

Dennoch spielen RHOT-Proteine auch im erwachsenen Herzen eine wichtige Rolle – insbesondere bei erhöhter Arbeitslast, etwa nach einem Herzinfarkt. Wenn abgestorbenes Herzmuskelgewebe durch Narbengewebe ersetzt wird, müssen die verbleibenden Herzmuskelzellen die Mehrarbeit kompensieren. In dieser Situation könnten RHOT-Proteine ein therapeutischer Ansatzpunkt sein: Durch eine gesteigerte Aktivität der Proteine ließe sich möglicherweise mehr Energie in den betroffenen Zellen bereitstellen – ein Ansatz, der laut den Forschenden auch über Gentherapie realisierbar wäre.

Hoffnung bei peripartaler Kardiomyopathie (PPCM)

Besondere Aufmerksamkeit gilt der sogenannten peripartalen Kardiomyopathie (PPCM) – einer seltenen, aber lebensbedrohlichen Form der Herzschwäche, die bei zuvor herzgesunden Frauen kurz vor oder nach der Geburt auftreten kann. Während der Schwangerschaft vergrößert sich der Herzmuskel um bis zu 30 % – eine enorme Belastung, die in Ausnahmefällen zu schwerem Herzversagen führt.

Die MHH-Klinik für Kardiologie und Angiologie ist das europaweit führende PPCM-Zentrum und betreut Betroffene in einer spezialisierten Ambulanz. „Die RHOT-Proteine könnten auch hier einen Therapieansatz bieten, um die Herzmuskelzellen von Schwangeren zu entlasten und das Herz zu schützen”, betont Prof. Dr. Bauersachs.

Fazit

Die Entdeckung der Rolle von RHOT-Proteinen bei der Mitochondrien-Wanderung in Herzmuskelzellen ist ein bedeutender Schritt für das Verständnis der Herzentwicklung und -erkrankungen. Sie eröffnet vielversprechende neue Wege für die Behandlung von Herzschwäche – ob nach Herzinfarkt, im Leistungssport oder in der Schwangerschaft.

Originalpublikation: Froese N et al. RHOT Proteins Link Mitochondrial Motility to Cardiomyocyte Sarcomere Maturation. Circ Res 2026; 138 (9): e327297

Quelle: Medizinische Hochschule Hannover (MHH)

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Gruppenfoto der Forschungsgruppe FOR 5953 der TU Dresden vor einer Präsentationsfolie zum Projekt ETNA – Immunsteuerung nach Herzinfarkt

Immunsteuerung nach Herzinfarkt: TUD erhält DFG-Förderung

News

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert eine neue Forschungsgruppe an der TU Dresden mit rund sieben Millionen Euro. Ziel ist es, die Immunreaktion nach einem Herzinfarkt so zu modulieren, dass Heilungsprozesse gefördert und Gewebeschäden begrenzt werden.

Kardiologie

Sonstiges

Beitrag lesen
Person hält rotes Herz mit Spritzenicon an den Arm mit Pflaster nach einer Impfung – Symbolbild für RSV-Impfung als Herzschutz bei kardiovaskulären Erkrankungen

RSV-Infektion bei Herzerkrankungen: Warum Impfen so wichtig ist

Pharmaservice

Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist für ältere Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine unterschätzte Gefahr. Das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt nach einer RSV-Infektion drastisch – die Impfung kann das verhindern.

Kardiologie

Prävention und Rehabilitation

Beitrag lesen
Prof. Enzo Lüsebrink, Prof. Alexandra Philipsen und Prof. Lukas Radbruch (v. l.) vom Universitätsklinikum Bonn fordern die frühere Integration von Palliativmedizin in die kardiovaskuläre Versorgung

Palliativmedizin früher in die Herzmedizin integrieren

News

Eine internationale Studie unter Leitung des Universitätsklinikums Bonn fordert ein grundlegendes Umdenken: Palliativmedizin soll künftig fester Bestandteil der kardiologischen Versorgung werden – und das nicht erst am Lebensende.

Kardiologie

Sonstiges

Beitrag lesen