Neurologie und Psychiatrie » Neuromuskuläre Erkrankungen » Myasthenia gravis

»

Erste und einzige zugelassene gegen CD19-gerichtete Therapie der gMG

3D-Illustration einer neuromuskulären Synapse mit Acetylcholinrezeptoren bei Myasthenia gravis

Quelle: MohammedElAmine - stock.adobe.com

Erste und einzige zugelassene gegen CD19-gerichtete Therapie der gMG

Pharmaservice

Neurologie und Psychiatrie

Neuromuskuläre Erkrankungen

Myasthenia gravis

mgo medizin Redaktion

Verlag

7 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Seit Februar 2026 ist UPLIZNA® (Inebilizumab) als Zusatzbehandlung zur Standardtherapie für Erwachsene mit generalisierter Myasthenia gravis (gMG), die positiv auf anti-Acetylcholinrezeptor (AChR)- oder anti-muskelspezifische Tyrosinkinase (MuSK)-Antikörper getestet wurden, zugelassen.[1] Damit bietet das Biotechnologieunternehmen Amgen eine neue, zielgerichtete Behandlungsoption für Menschen, die an gMG erkrankt sind. Nach zwei anfänglichen Initialdosen kann eine lang anhaltende Krankheitskontrolle mit zweimal jährlichen Erhaltungsdosen erreicht werden. [1]

„Die S2k-Leitlinie definiert bei myasthenen Syndromen die bestmögliche Krankheitskontrolle bei Erhalt oder Wiederherstellung der Lebensqualität als Therapieziel.2 In der Praxis bleibt dies jedoch häufig unerreicht” [3,4], sagte Dr. Marija Selakovic Jankovic, Amgen, München. „Daher freuen wir uns, Erkrankten eine neue Behandlungsoption verfügbar zu machen, die das Potenzial für eine lang anhaltende Krankheitskontrolle bietet und den Alltag der Betroffenen erleichtern kann.“ Im Rahmen einer Launch-Pressekonferenz* arbeiteten Expertinnen und Experten die entscheidende Rolle von CD19-positiven B-Zellen in der Pathophysiologie der gMG heraus und stellten die Ergebnisse der zulassungsrelevanten Phase 3-Studie MINT vor.

B-Zellen: Entscheidend in der Pathophysiologie der gMG

„Autoantikörper-produzierende Plasmazellen und ihre Vorstufen spielen eine zentrale Rolle in der Pathophysiologie der Myasthenia gravis“, [5-7] erläuterte Prof. Dr. med. Christiane Schneider-Gold, Bochum. Dabei führen fehlgeleitete humorale Immunreaktionen zur Bildung pathogener Autoantikörper-produzierender CD19+ B-Zellen. Die Antikörper richten sich gegen Strukturen der neuromuskulären Endplatte und stören die synaptische Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln [2-5, 8, 9]. „Die für die generalisierte Myasthenia gravis typische belastungsabhängige Muskelschwäche und rasche Ermüdbarkeit lässt sich direkt auf die zugrunde liegende Autoimmunreaktion zurückführen“, so Schneider-Gold weiter.

Der humanisierte monoklonale Antikörper Inebilizumab greift früh im Entwicklungs- oder Aktivierungsprozess der B-Zellen an, noch bevor diese Zellen zu Autoantikörper-produzierenden B-Zellen heranreifen [10]. Dabei markiert das Arzneimittel sowohl frühe B-Zell-Vorläufer als auch reife CD19+ Plasmablasten und einige Plasmazellen, die an der Bildung von Autoantikörpern beteiligt sind, für die Zytolyse [1,5,7]. Anti-CD20-Wirkstoffe erkennen Plasmablasten und Plasmazellen hingegen nicht, da das CD20-Antigen nur auf frühen B-Zell-Stadien exprimiert wird [10,11].

Inebilizumab ist das erste zugelassene B-Zell-depletierende Arzneimittel, mit dem eine lang anhaltende Krankheitskontrolle der gMG erreicht werden kann [1,12]. Die Zulassungserweiterung beruht auf den Ergebnissen der MINT-Studie, die sowohl AChR+- als auch MuSK+-Betroffene einschloss und erstmals ein strukturiertes Protokoll zur Steroidreduktion erfolgreich integriert hatte [12]. „Die Kontrolle der Krankheitsaktivität auf B-Zell-Ebene ist essenziell, gerade wenn man an langfristige Stabilität und Steroidreduktion denkt“, so Schneider-Gold.

Zulassungsrelevant: Phase 3-Studie MINT

MINT ist eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Parallelgruppenstudie zur Bewertung der Wirksamkeit und Verträglichkeit von Inebilizumab bei Erwachsenen mit generalisierter Myasthenia gravis (gMG).[12] „Mit insgesamt 238 Teilnehmenden – darunter 190 AChR-positive und 48 MuSK-positive Erkrankte – handelt es sich um die bislang größte Phase 3-Studie in dieser Indikation”, erklärte Univ.-Prof. Dr. med. Jan D. Lünemann, Münster. Zu den Einschlusskriterien zählten eine Krankheitsklassifikation nach Myasthenia Gravis Foundation of America (MGFA) Klasse II–IV sowie ein MG-ADL-Score zwischen 6 und 11 mit überwiegend nicht-okulären Symptomen oder ein Myasthenia Gravis Activities of Daily Living (MG)-ADL-Score ≥ 11 sowie ein Quantitative Myasthenia Gravis (QMG)-Score ≥ 11. Zudem mussten die Teilnehmenden eine stabile Dosis mit Steroiden und/oder nichtsteroidalen Immunsuppressiva erhalten haben. Um die Wirksamkeit von Inebilizumab möglichst unabhängig von glukokortikoidbedingten Störfaktoren zu bewerten, sah das Studienprotokoll der MINT-Studie ein strukturiertes Tapering von Glukokortikoiden vor.[12] „Gleichzeitig trägt dieses Vorgehen einem zentralen therapeutischen Ziel in der Versorgung Rechnung, denn auch die Minimierung einer dauerhaften Steroidexposition ist ein wichtiges Ziel in der modernen gMG-Therapie”, so Lünemann weiter. Inebilizumab wurde in der Studie in einer Dosierung von 300 mg intravenös an Tag 1 und Tag 15 angewendet, gefolgt von weiteren 300 mg-Infusionen alle sechs Monate.[1,12]

Verbesserungen bei Alltagsfunktionen, Muskelkraft und Leistungsfähigkeit

Der primäre Endpunkt der MINT-Studie war die Veränderung des MG-ADL-Scores gegenüber dem Ausgangswert in Woche 26 in der kombinierten Studienpopulation.[12] Mit einem Unterschied von 1,9 Punkten im MG-ADL-Score für Inebilizumab (-4,2) im Vergleich zu Placebo (-2,2) in Woche 26 wurde dieser Endpunkt signifikant erreicht (p<0,001).[1,12,#] Auch bei den wichtigsten sekundären Endpunkten zeigte Inebilizumab konsistente Vorteile gegenüber Placebo. In der Gesamtpopulation verbesserte sich der QMG-Score nach 26 Wochen unter Inebilizumab um 4,8 Punkte gegenüber 2,3 Punkten unter Placebo (p<0,001). In der AChR-positiven Subgruppe zeigte sich eine signifikante Verbesserung sowohl im MG-ADL-Score (–4,2 vs. –2,4; p=0,002) als auch im QMG-Score (–4,4 vs. –2,0; p=0,001). Auch bei MuSK-positiver gMG wurde nach 26 Wochen eine signifikante Verbesserung der Alltagsfunktionen im MG-ADL-Score beobachtet (–3,9 vs. –1,7; p=0,03). Beim QMG-Score zeigte sich in dieser Subgruppe ebenfalls ein numerischer Vorteil zugunsten von Inebilizumab (–5,2 vs. –3,0), der jedoch statistisch nicht signifikant war.[12,#]

Unter der Therapie mit Inebilizumab gelang gMG-Betroffenen zudem die im Studienprotokoll vorgesehene Reduktion von Glukokortikoiden: Rund 9 von 10 Personen erreichten mit einem täglichen Steroidbedarf von ≤ 5 mg ein leitliniengerechtes Therapieziel.[1,2,12]

In der Studie stimmten die Daten zur Verträglichkeit mit dem bewährten Verträglichkeitsprofil von UPLIZNA® überein.[1,12] Der Anteil der Teilnehmer:innen, bei denen während des randomisierten, kontrollierten Studienzeitraums mindestens ein unerwünschtes Ereignis auftrat, war mit 80,7 % unter Inebilizumab und 73,1 % unter Placebo in beiden Behandlungsgruppen vergleichbar. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse sowie Ereignisse von besonderem Interesse traten bei 8,4 % und 10,1 % der Teilnehmer:innen in der Inebilizumab-Gruppe und bei 13,4 % und 16,0 % in der Placebo-Gruppe auf.[12]

Über die MG-ADL-Skala und den QMG-Score

Die MG-ADL-Skala bewertet die Auswirkungen von gMG auf die täglichen Funktionen anhand von 8 Anzeichen oder Symptomen, die typischerweise bei gMG auftreten. Jeder Punkt wird auf einer 4-Punkte-Skala bewertet, wobei eine Punktzahl von 0 eine normale Funktion und eine Punktzahl von 3 den Verlust der Fähigkeit zur Ausübung dieser Funktion darstellt. Die Gesamtpunktzahl der MG-ADL-Skala reicht von 0 bis 24, wobei höhere Punktzahlen eine stärkere Beeinträchtigung anzeigen.[14]

Der QMG-Score ist ein 13-Punkte-Bewertungssystem, das die Beeinträchtigung durch die Erkrankung quantitativ misst, indem es hauptsächlich die Muskelschwäche beurteilt. Jeder Punkt wird auf einer 4-Punkte-Skala bewertet, wobei ein Wert von 0 keine Beeinträchtigung und ein Wert von 3 eine schwere Beeinträchtigung bedeutet. Der mögliche Gesamtwert reicht von 0 bis 39, wobei höhere Werte eine schwerere Beeinträchtigung anzeigen.[15]

Über UPLIZNA® (Inebilizumab)

Inebilizumab ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper (mAb), der eine gezielte und anhaltende Depletion von Autoantikörper-produzierenden CD19+ B-Zellen, einschließlich Plasmablasten und einiger Plasmazellen, die zum zugrunde liegenden Krankheitsprozess beitragen, ermöglicht. Der genaue Mechanismus, durch den Inebilizumab seine therapeutische Wirkung entfaltet, ist unbekannt.[1]

Neben der Zulassung für Erkrankte mit gMG ist UPLIZNA® in Deutschland bereits seit 2022 zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD), die Anti-Aquaporin-4-Immunglobulin-G(AQP4-IgG)-seropositiv sind, auf dem Markt.[1] Seit November 2025 ist UPLIZNA® zudem für erwachsene Patienten mit aktiver Immunglobulin G4-assoziierter Erkrankung (Immunoglobuline G4-related disease, IgG4-RD) zugelassen.[1]”

*Virtuelle Launch-Pressekonferenz „Zulassungserweiterung für UPLIZNA® (Inebilizumab) bei generalisierter Myasthenia gravis (gMG), 1. April 2026

#Diese Ergebnisse entsprechen den publizierten Daten der Phase 3-Studie MINT.12 Etwaige Abweichungen zur aktuellen UPLIZNA®-Fachinformation sind methodisch bedingt und ergeben sich aus der Verwendung einer anderen statistischen Auswertungsmethode.1

Referenzen

1. Fachinformation UPLIZNA®

2. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie myasthener Syndrome; Registernummer 030 – 087; Stand: 12.11.2024. Online veröffentlicht unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-087. Letzter Zugriff: März 2026

3. Tannemaat MR, Huijbers MG, Verschuuren J. Handb Clin Neurol 2024:200:283-305

4. Schneider-Gold C et al. Ther Adv Neurol Disord 2019:12:1756286419832242

5. Yi JS, et al. Muscle Nerve. 2018;57(2):172-184.

6. Willcox HN, et al. Clin Exp Immunol. 1984;58:97-106.

7. Stathopoulos P, et al. JCI Insight. 2017;2(17):e94263.

8. Saccà F et al. Eur J Neurol 2024;31(6):e16180

9. Gilhus NE. N Engl J Med. 2016;375(26):2570-2581

10. Forsthuber TG, et al. Ther Adv Neurol Disord. 2018;11:1756286418761697.

11. Baker D et al. eBioMedicine 2017;16:41-50

12. Nowak R, et al. N Engl J Med. 2025;392(23):2309-2320.

13. Bubuioc AM, et al. J Med Life. 2021;14(1):7-16.

14. Wolfe GI et al. Neurology. 1999;52:1487–1489.

15. Barohn RJ et al. Ann NY Acad Sci. 1998;841:769–772.

Quelle: Pressemeldung der Amgen GmbH (1.4.26)

Pressekontakt:

Birgit Dickoré, E-Mail: birgit.dickore@medizin-pr.de, Telefon: 0221 / 77 543-0

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Gebäude des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) mit Logo und Schriftzug

Bundesweites Fachnetzwerk Schlaganfall NUM SN Stroke gestartet

News

Mit dem Ziel eine deutschlandweite Infrastruktur zur nachhaltigen Verbesserung der Schlaganfallversorgung aufzubauen, hat das Fachnetzwerk Schlaganfall (Specialty Network Stroke, SN Stroke) unter Leitung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin seine Arbeit aufgenommen.

Neurologie und Psychiatrie

Neurointensiv- und Notfallmedizin

Schlaganfall

Beitrag lesen
Akupunkturmodell mit eingezeichneten Meridianlinien – Symbol für Akupunktur zur Migräneprophylaxe

Akupunktur zur Migräne-Prophylaxe: Es fehlen Nachweise

News

Im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) untersuchte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den Nutzen einer manuellen Akupunktur zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen im Vergleich zu einer medikamentösen Prophylaxe. In einem zweiten Vergleich wurde geprüft, ob für Menschen, die keine Prophylaxe-Medikamente einnehmen können, Akupunktur besser ist als keine Prophylaxe.

Neurologie und Psychiatrie

Kopfschmerzerkrankungen

Beitrag lesen

Parkinson-Kongress 2026: Bewegung durch rhythmische Afferenz

Pharmaservice

Der Parkinson-Kongress 2026 stellte die systemische Bewegungssteuerung in den Fokus. DPA Med knüpft daran mit einer nicht-invasiven, robotikgestützten Therapie an, die rhythmische Reize zur Bewegungsorganisation nutzt.

Neurologie und Psychiatrie

Bewegungsstörungen

Parkinson-Krankheit

Beitrag lesen