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Verein organisiert Segelreisen für junge Krebsbetroffene

Quelle: reSailience e.V.

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Verein organisiert Segelreisen für junge Krebsbetroffene

Podcast

Neurologie und Psychiatrie

mgo medizin Redaktion

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8 MIN

Dieses Interview ist auch als Podcast verfügbar:



Segeln, Meer und Mut: Nele Lienhard, Hebamme, und Dr. Philipp Seifert, Arzt, haben nach eigenen schweren Krankheitsgeschichten gemeinsam den Verein reSAILience e.V. gegründet, der Segelreisen für junge Erwachsene mit Krebs anbietet. Ein Gespräch über die Schönheit des weiten Horizonts, die Herausforderungen des Alltags auf dem Boot und den Wert einer Gruppe, die ohne Worte versteht, was die letzten Jahre für einen selbst bedeutet haben.

Wenn ihr an eure Arbeit bei reSAILience denkt — was sind die ersten Wörter oder Bilder, die euch in den Kopf kommen?

Philipp Seifert: Also bei mir ist es tatsächlich ein etwas paradoxes Bild: Es ist der Arbeitsplatz, an dem ich gerade auch sitze. Man denkt beim Segeln immer, dass wir die meiste Zeit auf dem Wasser verbringen. Tatsächlich ist die Arbeit, die wir tun, aber sehr viel Büroarbeit, und einen Großteil dieser Zeit verbringe ich tatsächlich hier, am Schreibtisch. Das Segeln selbst ist natürlich das Schöne, eher die Belohnung, die daraus entsteht.

Nele Lienhard: Ich denke vor allem an die Weite des Meeres, den Blick aufs Wasser, auf den Horizont, am liebsten ohne viel Zivilisation oder Land in Sicht. Diese Weite lässt einen selbst etwas kleiner erscheinen — nicht negativ, sondern beruhigend — und öffnet den Blick für Möglichkeiten im Draußen. Das liebe ich sehr am Segeln und an unserer Arbeit.

Warum ist gerade dieser weite Blick und das Sich‑klein‑Fühlen so ein starkes Angebot zur Begleitung von Menschen in dieser schwierigen Lebenssituation?

Nele Lienhard: Wir nehmen junge Krebserkrankte mit aufs Wasser — in der Regel, wenn sie nicht mehr in der Akuttherapie sind, also nach intensiven Monaten oder Jahren der Therapie. Die Frage ist: Wieso braucht es überhaupt ein Unterstützungsangebot an dieser Stelle? Junge Menschen sind in einer Lebensphase, die von Aufbruch geprägt ist — Familiengründung, Ausbildung, Studium, Reisen. Eine Krebserkrankung unterbricht dieses Lebensgefühl oft abrupt. Zudem treffen junge Krebspatient*innen nur selten auf Gleichaltrige mit ähnlichen Erfahrungen. Das macht es schwer, Verständnis zu finden. Die Gemeinschaft an Bord bietet genau das: Menschen, die Ähnliches erlebt haben, die mitfühlen und wirklich verstehen. Außerdem entsteht ein starker Perspektivwechsel raus aus dem Behandlungsalltag; die Eindrücke der Naturkräfte und das Gefühl des Kleinseins können sehr hilfreich sein.

Könntet ihr die Zusammensetzung eurer Teilnehmenden erklären?

Philipp Seifert: Unsere Zielgruppe sind Menschen zwischen 18 und 40 Jahren. Die meisten Teilnehmenden kommen nach Therapie, aber eine vollständig abgeschlossene Therapie ist keine zwingende Voraussetzung. Wichtig ist, dass die Teilnehmenden nicht immunsupprimiert sind, also dass ihr Immunsystem soweit funktioniert, dass eine Reise möglich ist — beispielsweise ein gewisser zeitlicher Abstand nach einer Chemotherapie.

Nele Lienhard: Der Gesundheitszustand variiert stark: Manche haben körperlich kaum Einschränkungen und suchen vor allem Austausch zur mentalen Verarbeitung; andere kommen mit Fatigue, Nebenwirkungen oder Mobilitätseinschränkungen. Wir lernen jede Person individuell kennen, in Vorgesprächen am Telefon, und klären gemeinsam, ob eine Teilnahme möglich ist.

Wieso ist gerade die Zeit nach der Therapie für viele Betroffene so schwierig?

Nele Lienhard: Während der Akuttherapie schalten viele in einen Überlebensmodus; Verarbeiten ist dann kaum möglich. Der eigentliche Verarbeitungsprozess beginnt oft erst später, wenn die Menschen wieder Luft zum Durchatmen haben. Dafür braucht es Zeit und Raum — und oft ist ein Törn ein erster Beginn dieses Prozesses. Wir beobachten, dass Törns nachwirkend viel bewirken können.

Euer Vereinsname spielt mit dem Begriff Resilienz — wie genau wird diese durchs Segeln gefördert?

Philipp Seifert: Segeln ist nahezu gemacht fürs Resilienz‑Training. Verschiedene Elemente kommen zusammen: Die enge Zusammensetzung an Bord — man wird als Crew zusammengestellt — soziale Herausforderungen (gemeinsam kochen, Probleme lösen, segeln) und äußere Widrigkeiten wie Wind, Wetter und Wellen. Man plant zwar, aber die Natur kann alles verändern: Wind schlägt um, Seekrankheit tritt auf, Wetter ändert den Kurs. In all diesen Situationen bleibt man handlungsfähig, findet Lösungen und erreicht am Ende ein Ziel. Diese Erfahrung stärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit — das ist ein zentraler resilienzfördernder Effekt.

Nele Lienhard: Ich erinnere mich an eine Nachtfahrt unter Sternenhimmel, als der Wind komplett stagnierte — die Segel schlugen, es ging nichts mehr. Anfangs wurden Teilnehmende unruhig, dann verwandelte sich die Unruhe in entschleunigte Gelassenheit. Alle akzeptierten die Situation; es gab nichts zu tun, und der Moment wurde als Geschenk erlebt. Mit passender Musik entstand etwas Magisches.

Das klingt wirklich wunderschön. Lasst uns doch ein bisschen am Törn teilhaben: Wie läuft ein typischer Tag bei reSAILience?

Philipp Seifert: Wir schlafen alle an Bord. Manchmal wachen wir in einem Hafen auf, manchmal in einer Bucht vor Anker. Wir frühstücken gemeinsam, besprechen den Tagesablauf, Wetterbedingungen und das Ziel. Der Skipper oder die Skipperin plant die Route. Dann machen wir klar Schiff und verlassen den Hafen oder lösen den Anker. Wichtig ist der Platz am Steuer: Das Steuern des Boots kann ein intensives Selbstwirksamkeitserlebnis geben und ist deshalb sehr beliebt.

Und wie führt ihr bootfremde Menschen an das Segeln heran?

Philipp Seifert: Das passiert ganz natürlich. Viele stellen es sich schwieriger vor, als es ist. Es gibt Leinen und Abläufe, die wir erklären — danach tut der Wind sein Übriges. Die meisten Abläufe sind intuitiv; es ist wie an Land, nur bewegt sich alles.

Ist Seekrankheit am Anfang ein großes Problem?

Philipp Seifert: Seekrankheit kann jeden treffen — auch uns. Es gibt aber viele Gegenmaßnahmen, deshalb sollte sich niemand davon abschrecken lassen. Die wirksamste Methode ist Steuern: Selber am Steuer zu stehen ist die beste Prävention und oft die beste Therapie. Sobald Teilnehmende Kontrolle über das Boot haben, verschwindet die Übelkeit meist und es stellt sich Zufriedenheit ein.

Nele Lienhard: Unser Konzept sieht vor, dass es eine seglerisch verantwortliche Person (Skipper*in) und eine psychosozial begleitende Rolle (Co‑Skipper*in) gibt. Die psychosoziale Begleitung nimmt die Gruppe wahr, bietet Gesprächsangebote, Einzelbegleitung oder Gruppenreflexion, je nach Bedarf. Aus der Erlebnispädagogik wissen wir, dass Herausforderungen Wachstum fördern — noch wirksamer, wenn man über das Erlebte spricht. Deshalb sind Reflexionsrunden fester Bestandteil unserer Törns. Darüber hinaus gibt es individuelle Begleitung, Gespräche unter vier Augen, Umarmungen oder einfach das Gefühl, in der Gruppe getragen zu sein.

Wie lange braucht es, bis sich Gemeinschaft und Flow in der Crew entwickeln?

Philipp Seifert: Das ist sehr unterschiedlich. Manche Crews finden sich schnell zusammen, andere brauchen länger, je nach persönlichen Hürden oder aktuellem Belastungsgrad. Was mich beeindruckt, ist, dass der Veränderungsprozess ausnahmslos immer stattfindet. Ein Zeichen dafür, dass es „klick“ gemacht hat, ist, wenn man Menschen am Steuer sieht — wenn sie ganz im Hier und Jetzt sind. Dann merkt man: Die Person ist angekommen.

Nele Lienhard:  Für mich ist es ein Moment, wenn ich pures Glück spüre, Verbundenheit mit der Umgebung und der Gemeinschaft — das passiert jedes Mal.

Verschiebt sich während des Törns, wie sehr das Thema Krankheit im Vordergrund steht?

Philipp Seifert: Ich würde nicht sagen, dass die Krankheit überhaupt im Vordergrund steht — sie ist da und soll nicht ignoriert werden, aber sie dominiert das Erleben nicht. Segeln und Gemeinschaft stehen im Vordergrund.

Nele Lienhard: Beim Kennenlernen ist die Einschätzung des gesundheitlichen Status natürlich wichtig. Oft brauchen Teilnehmende jedoch keinen expliziten Austausch über Krankheit, weil sie sich ohne Worte verstanden fühlen — das schenkt Leichtigkeit.


Habt ihr den Eindruck, dass eure Tätigkeit bei reSAILience auch eure Arbeit als Hebamme bzw. Arzt verändert hat?

Nele Lienhard: Ich bin noch achtsamer im Wahrnehmen der Person gegenüber geworden. Die Arbeit vereint zwei Dinge, die ich sehr liebe: nah dran sein an Menschen und Wandlungsprozesse begleiten.

Philipp Seifert:  Die Vereinsarbeit hat mir geholfen, meine Rolle als Arzt nochmal besser zu verstehen. An Bord nimmt man viele Rollen ein: Skipper, vermittelnde Person, Auffänger in Krisen. Diese Erfahrungen beeinflussen meine Kommunikation und mein Verständnis in der medizinischen Arbeit.

Was ist eure Zukunftsvision für reSAILience?

Nele Lienhard: Unsere Vision ist, dass die Vereinsarbeit sich selbst trägt. Dazu brauchen wir Menschen, die künftig als Skipper*innen, Co‑Skipper*innen und in anderen Tätigkeiten arbeiten. Ein konkreter Bestandteil ist die Ausbildung: Wir wollen insbesondere ehemalige Teilnehmende ausbilden — idealerweise in Zusammenarbeit mit Segelschulen oder professionellen Segelausbildern. So schaffen wir eine nachhaltige Struktur und bieten ehemaligen Betroffenen Perspektiven. Wenn Menschen aus der Verarbeitung herauskommen, können sie ihre Erfahrungen in etwas Gutes wandeln und andere begleiten — das ist sehr wertvoll.

Philipp Seifert: Unsere Vision ist es, langfristig auch andere schwere Erkrankungen in das Programm einzuschließen, weil die Wirksamkeit von Segeln nicht bei Krebs aufhört. Aktuell fehlen uns aber noch personelle und finanzielle Kapazitäten, um weitere Zielgruppen zu erschließen. Wir sind auf Spenden angewiesen und möchten an dieser Stelle allen danken, die uns unterstützen.

Das Interview führte Julina Pletziger.

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