Social Media am Handy, zocken am PC, Hausaufgaben am Laptop: Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit mit digitalen Medien und immer weniger Zeit im Freien. Die Folge: Kurzsichtigkeit nimmt erschreckend zu. Während sie früher häufig erst im Jugendalter auftrat, beginnt sie heute oft schon in der Grundschule.
Doch es gibt auch gute Nachrichten. Auf dem 38. Internationalen Kongress der Deutschen Augenchirurgie (DOC), der vom 18. bis 20. Juni in Nürnberg stattfindet, diskutieren Augenärzte über neue Methoden der Vorbeugung. „Dazu gehören auch moderne Brillengläser, die das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit deutlich verlangsamen können“, sagt Augenarzt und Kongresspräsident Dr. Armin Scharrer (Nürnberg). „In vielen Fällen ist das um bis zu 50 Prozent möglich. Das erleichtert den jungen Menschen nicht nur das Leben, sondern schützt auch vor Spätfolgen wie Netzhautschäden oder einem erhöhten Glaukom-Risiko.“
Lifestyle-Faktoren fördern Kurzsichtigkeit
Die aktuellen Zahlen sprechen für sich: Etwa 15 Prozent aller Grundschulkinder in Deutschland tragen bereits eine Brille wegen Kurzsichtigkeit. Bis zum jungen Erwachsenenalter steigt dieser Anteil auf etwa 25 bis 30 Prozent.
Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine wichtige Rolle spielt die genetische Veranlagung. Sind beide Eltern kurzsichtig, ist das Risiko für das Kind deutlich erhöht. Auch das Alter, in dem die Kurzsichtigkeit beginnt, ist von Bedeutung: Je früher sie auftritt, desto stärker kann sie im Laufe der Jahre zunehmen. Entscheidend sind aber hauptsächlich Umweltfaktoren wie intensive Naharbeit, häufige Nutzung digitaler Medien und ein Mangel an Tageslicht.
„Das menschliche Auge ist ursprünglich dafür geschaffen, ständig zwischen Nah- und Fernsehen zu wechseln“, erklärt Dr. Scharrer. „Wer dagegen über viele Stunden hinweg auf Tablets, Computerbildschirme oder Smartphones blickt, überanstrengt die Augen fast ausschließlich im Nahbereich.“ Besonders die kleinen Bildschirme der Smartphones gelten hier als problematisch.
Kurzsichtigkeit beginnt bereits ab einer Sehstärke von minus 0,25 Dioptrien. Betroffene sehen in der Nähe meist gut, entfernte Gegenstände erscheinen dagegen unscharf. Die Ursache liegt in einem zu langen Augapfel. Vereinfacht gesagt wächst das Auge stärker in die Länge, als es eigentlich sollte. Dadurch wird das einfallende Licht nicht mehr exakt auf der Netzhaut gebündelt, sondern bereits davor. Je länger der Augapfel wird, desto stärker ist die Kurzsichtigkeit.
Bis etwa minus 1 Dioptrie spricht man von leichter Kurzsichtigkeit. Von minus 1 bis minus 3 Dioptrien liegt eine mittlere Kurzsichtigkeit vor, von minus 3 bis -6 bezeichnet man die Kurzsichtigkeit als stark und darüber als sehr stark mit einem erhöhten Netzhaut-Risiko.
Längenwachstum in Schüben
Besonders stark schreitet die Kurzsichtigkeit meist zwischen dem zwölften und fünfzehnten Lebensjahr voran. Durchschnittlich nimmt sie in dieser Zeit um etwa 0,5 Dioptrien pro Jahr zu, in einzelnen Fällen können es sogar zwei oder drei Dioptrien jährlich sein. Nach dem 18. Lebensjahr verlangsamt sich die Entwicklung wieder und kommt zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr weitgehend zum Stillstand. Bei Menschen, die jedoch beruflich oder privat sehr viel Naharbeit leisten, beispielsweise stundenlang am Bildschirm arbeiten oder intensiv und viel lesen, kann die Kurzsichtigkeit auch nach dem 25. Lebensjahr noch weiter zunehmen.
Das ist keineswegs nur eine Frage des Sehkomforts und der Brillenstärke. Denn mit jedem zusätzlichen Millimeter, um den sich der Augapfel verlängert, steigt das Risiko für spätere Augenschäden. Besonders gefürchtet sind Netzhautveränderungen bis hin zur Netzhautablösung sowie ein erhöhtes Risiko für Grünen Star. Studien zeigen, dass das Risiko für Netzhautprobleme insbesondere bei höheren Kurzsichtigkeitswerten deutlich zunimmt. Deshalb versuchen Augenärzte heute nicht nur, die Sehschärfe zu korrigieren, sondern auch das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit möglichst früh zu bremsen.
Wichtige Zeit im Freien
Die wichtigsten Maßnahmen zur Vorbeugung sind zugleich auch die einfachsten. „Kinder sollten ausreichend Zeit im Freien verbringen“, rät Dr. Scharrer. „Mindestens zwei Stunden draußen bei Tageslicht sollten es sein.“ Dabei muss keineswegs die Sonne scheinen. Auch ein bewölkter Himmel liefert genügend Licht, das einen positiven Einfluss auf die Augenentwicklung hat. Als warnendes Beispiel gelten hier asiatische Länder und besonders deren Großstädte wie zum Beispiel Singapur, wo inzwischen rund 44 Prozent der Kinder und 75 bis 90 Prozent der Jugendlichen kurzsichtig sind, weil sie nicht nur einem hohen Bildungsdruck unterliegen, sondern sich auch hauptsächlich in geschlossenen Räumen aufhalten.
„Ebenso wichtig sind regelmäßige Pausen bei jeder Form von Bildschirmarbeit“, ergänzt Dr. Scharrer. „Nach spätestens 20 Minuten Lesen oder Lernen am Monitor sollten nicht nur Kinder, sondern jeder von uns für zwei bis drei Minuten in die Ferne schauen. Dazu reicht schon der Blick aus dem Fenster.“ Anschließend kann wieder 20 Minuten weitergearbeitet werden.
Wichtig für Leseratten: Bücher sollten in einem Abstand von etwa 40 Zentimetern gehalten werden. Auch Smartphones möglichst nicht näher als 40 Zentimeter vor die Augen kommen. Für PC-Monitore empfehlen Augenärzte einen Abstand von 70 bis 80 Zentimetern, für Laptop-Bildschirme 50 bis 60 Zentimeter. Dr. Scharrer: „Je näher ein Bildschirm am Auge ist, desto stärker muss das Auge fokussieren. Diese dauerhafte Anstrengung kann die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit begünstigen.“ Außerdem sollte die gesamte Bildschirmzeit für Kinder und Jugendliche möglichst begrenzt werden. Vier bis fünf Stunden gelten bereits als deutlich zu viel.
Defokus bremst Fortschreite von Myopie um bis zu 50 Prozent
Seit kurzem stehen den Augenärzten und ihren Patienten aber auch moderne Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit deutlich verlangsamen können. Dr. Scharrer: „Besonders erfolgreich sind sogenannte defokussierende Brillengläser und spezielle Kontaktlinsen. Sie können die Entwicklung der Kurzsichtigkeit nach aktuellen Studien um bis zu 50 Prozent bremsen.“
Diese Spezialgläser besitzen im Randbereich besondere eingeschliffene optische Strukturen, die das einfallende Licht gezielt so lenken, dass bestimmte Bildanteile vor der Netzhaut abgebildet werden. Dadurch erhält das Auge Signale, die sein übermäßiges Längenwachstum bremsen sollen. Je nach Hersteller kommen dabei unterschiedliche Technologien zum Einsatz, etwa wabenförmige Strukturen oder konzentrische Ringe im Glas. Wie stark der Effekt ausfällt, hängt auch davon ab, wie konsequent die Brille oder die Kontaktlinsen getragen werden.
Studien: Atropin wirkt in Asien – aber nicht in Europa
Weniger überzeugend sind dagegen Behandlungsansätze mit Atropin-Augentropfen, die sich in Europa und den USA bislang nur teilweise erfüllt haben. Während erste Studien aus Asien große Erwartungen geweckt hatten, fielen die Ergebnisse in westlichen Ländern deutlich bescheidener aus. Auch spezielle Augenübungen oder Augentrainingsprogramme konnten bisher ebenfalls nicht nachweisen, dass sie das Fortschreiten einer Kurzsichtigkeit wirksam bremsen.
Dr. Scharrer fasst zusammen: „Mehr Zeit im Freien, regelmäßige Pausen bei Naharbeit, ausreichender Abstand zu Bildschirmen und moderne Brillengläser können gemeinsam dazu beitragen, die Entwicklung der Kurzsichtigkeit deutlich zu bremsen.“
Quelle: DOC / 18. Juni 2026



