Nichts prägt die aktuelle Lage im Gesundheitssystem mehr als der Mangel. Es geht um zu wenig Nachwuchs, zu wenige Stellen und zu wenig Finanzierung im Umkreis des GKV-Spargesetzes. Darüber diskutierten die Teilnehmer des Parlamentarischen Abends der DGU am Mittwoch in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin. Der Fokus lag auf der Zukunft der Weiterbildung, die zunehmend trist erscheint.
Die Situation der Weiterbildung in der Klinik beschrieb Prof. Susanne Krege, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) und Direktorin der Klinik für Urologie, Kinderurologie und Urologische Onkologie der Evangelischen Kliniken Essen-Mitte (KEM). Dabei erinnerte die Präsidentin an die aktuellen Personalstärken in der Urologie. Nach Angaben der Bundesärztekammer (Stand: 31.12.2024) sind 6.762 Fachärztinnen und Fachärzte beruflich tätig. Davon versorgen 3.535 Urolog*innen die Patienten ambulant in der Niederlassung oder im Angestellten-Verhältnis. 2.880 Urolog*innen arbeiten stationär in ca. 400 urologischen Abteilungen, davon 410 in leitender Funktion. Dazu kommen Ärzte in Behörden, Körperschaften und sonstigen Bereichen. „Das sind immerhin rund 10%“, betonte Prof. Krege. 631 dieser Urolog*innen waren zudem Ende 2024 bereits älter als 65 Jahre. „Wir leben nicht im Luxus. Bereits heute ist die Zahl der urologischen Fachärzte in den Kliniken vielleicht so gerade ausreichend. Es ist sehr fraglich, ob genügend Fachärzte nachkommen, um zumindest den Ist-Stand zu halten.“
Kampf um die Attraktivität der primär ärztlichen Tätigkeit
„Die Babyboomer gehen in Rente. Zwar nimmt die Zahl der Absolventen im Medizinstudium zu, aber sie wandern zunehmend in nicht klinische Bereiche ab. Wenn es nicht gelingt, die Attraktivität der primär ärztlichen Tätigkeit zu steigern, droht die Mangelversorgung“, so Prof. Krege. Der Weg aus der Krise bedeutet für die DGU-Präsidentin viele Kompromisse. Notwendig sei z.B. eine Steigerung des Anteils der Absolventen des Medizin-Studiums sowie die Erzeugung einer Begeisterung für das Fach Urologie. „Wir müssen Ärzte auch aus anderen Systemen wie privaten Universitäten anwerben.“ Am Parlamentarischen Abend stellte Prof. Rainer Petzina, Rektor der MSH Medical School Hamburg, dazu das Konzept der privatwirtschaftlichen Akquise ärztlichen Nachwuchses vor. Neben der Nachwuchsgewinnung im regulären Medizinstudium, die DGU-Generalsekretär Prof. Max Burger eingangs vorgestellt hatte, gewinnt die Akquise aus privaten Hochschulen an Bedeutung. Darüber hinaus, so Prof. Krege, seien Bundesärztekammer und DGU gefordert, ihren Beitrag zur Nachwuchssicherung zu leisten.
Aber auch Geschäftsführungen in Krankenhäusern und die Politik ständen in der Verantwortung für adäquate Vergütungen, angemessene Personalplanung sowie Teilzeitangebote im notwendigen Maße. Dabei wurde Prof. Krege deutlich. Sie habe kein Verständnis für Work-Life-Ballance ohne Aufgaben in der Elternschaft oder als Pflegende älterer Menschen. Ihre Mahnung: „Weiterzubildende müssen ihre Wünsche an die Realität anpassen.“
Weiterzubildende sind mäßig mit ihrer Ausbildung zufrieden
Als Konterpart stellte Dr. Nadim Moharam, Vorsitzender der German Society of Residents in Urology (GeSRU), die Lage in der Weiterbildung aus der Sicht der Ärzt*innen in Weiterbildung vor. Nur rund die Hälfte der Weiterzubildenden sei mit der Ausbildung zufrieden und das, obwohl die Begeisterung für das Fachgebiet Urologie ungebrochen ist. Wesentliche Ursachen von Unzufriedenheit seien Arbeitsverdichtung, fehlende Supervision sowie die fortschreitende Ökonomisierung der ärztlichen Tätigkeit. Die Rate der ambulanten Rotation ist laut GeSRU von 3% im Jahr 2020 auf 23% fünf Jahre später gestiegen. In Kliniken, die am Weiterbildungscurriculum Urologie teilnehmen, beträgt die Rate der ambulanten Rotation sogar 38%. „Die WECU-Zahlen liegen in der ambulanten Rotation deutlich über dem Schnitt und das gilt z.B. auch für Operationszahlen in den Kliniken.“, unterstrich Dr. Moharam. Trotzdem sei der Weg zu einem flächendeckenden WECU-Standard noch immer weit. Die Versorgungsrealität ändere sich derzeit viel schneller als die in der Weiterbildung. Reformpolitik und Weiterbildung stießen heftig gegeneinander.
Hinzu kommt: Die Förderungsquote der ambulanten Weiterbildung nach § 75a SGBV liegt im Durchschnitt bei nur knapp einem Prozent. „Die Weiterbildung muss eine klare Führungsaufgabe in der Urologie werden und Klinik- und Praxisverbünde müssen ermöglicht werden. Eine regelmäßige Evaluation der Weiterbildungsstätten ist notwendig, um Qualität sichtbar zu machen“, forderte der GeSRU-Vorsitzende. Schlechte Weiterbildung müsse zudem transparent werden, um die Arbeit guter Weiterbildungsstätten ins Licht zu rücken. „Weiterbildung ist keine Restgröße (…) Wenn wir klinische Weiterbildung heute nicht strukturell schützen, dann verlieren wir morgen nicht nur den Nachwuchs, sondern mit dem Nachwuchs auch die Versorgungssicherheit“, bilanzierte Dr. Moharam. Deshalb gehöre Weiterbildung in den Fokus jeder Reformdiskussion.
BvDU beklagte Fehlen praxisrelevanter Kompetenzen
Mit der Rolle der Weiterbildung in der urologischen Praxis beschäftigte sich Dr. Axel Belusa, Präsident des Berufsverbands der Deutschen Urologie. Er warnte vor der Kliniklastigkeit der Aus- und Weiterbildung. „Bei klinisch geprägter Weiterbildung besteht eine Diskrepanz, weil praxisrelevante Kompetenzen fehlen, obwohl 52% der Urologen ambulant tätig sind.“ Belusa bemängelt, dass Einblicke in ambulante Krankheitsbilder – exemplarisch in der Tumortherapie – fehlen. „Ich möchte behaupten, dass 95% sämtlicher Tumortherapien in der Urologie ambulant stattfinden. Das hat ja mit der klassischen Chemotherapie nichts mehr zu tun, sondern das sind hochkomplexe orale Behandlungen mit Tyrosinkinase- und Immuncheckpoint-Inhibitoren im ambulanten Setting“, erklärte Dr. Bellusa.
Trotzdem ist die Finanzierung schwierig. Je nach Kassenärztlicher Vereinigung bewirken befristete zwölfmonatige Förderzusagen nach § 75a SGB V eine mangelnde Verlässlichkeit. Die Hausärzte beteiligen sich nicht an der Finanzierung, sodass Fachärzte unter Umständen gar keine Weiterbildungs-Genehmigungen erhalten, obwohl sie sich finanziell beteiligen, so der BvDU-Präsident. Komplexe Anträge sorgen zusätzlich für bürokratische Hürden, zumal Kassenärztliche Vereinigungen unterschiedliche Regelungen für grundversorgende Fachbereiche wie die Urologie haben. Die wohnortnahe urologische Versorgung ist aus BvDU-Sicht aufgrund des Mangels an Urologen mit ambulanten Kenntnissen gefährdet.
Zwar seien alle inhaltlichen Probleme durch das Weiterbildungscurriculum Urologie (WECU) gelöst worden. Trotzdem sei man von einer bundesweiten, einheitlichen Regelung für den § 75a SGB V weit entfernt. Der BvDU fordert, dass WECU-Teilnehmer ohne wiederholte Anfragen mehrere Jahre weiterbilden dürfen. „Seit Jahren wird versucht, diesen Paragrafen zu reformieren, aber es funktioniert einfach nicht“, klagte Dr. Belusa. Das Grundproblem lautet: „Das Geld reicht nie.“
Gesundheitspolitisch habe man sich der Entbudgetierung der Hausärzte und Kinderärzte, dann der Krankenhausreform gegenüber gesehen. Danach kamen Primärarzt- und Primärversorgungssystem. „Was folgte, war eine Schockstarre in allen KV-Bereichen.“ 2027 sei nun der absolute Tiefpunkt. Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz (GKV-BSG) habe alle zusätzlichen ärztlichen Forderungen im Keim erstickt. „Wir brauchen langfristige Konzepte und Investitionsspielräume. Die Krankenhäuser müssen zum Strukturwandel befähigt werden. Wir brauchen ambulante OP-Zentren, die wir intersektoral gemeinsam nutzen. Wir müssen die Zukunft ambulant neu denken und benötigen dafür langfristige Konzepte (…) Wir sind keine Bittsteller, sondern Leistungsträger in einem freien Beruf“, machte Dr. Belusa klar.
GKV-BSG ist „Schlag ins Gesicht der Ärzteschaft“
Alles stehe derzeit im Zeichen des GKV-BSG. Kassenärztliche Bundesvereinigung und Deutsche Krankenhausgesellschaft hätten die Sparmaßnahmen akzeptiert, wenn sie mit tragfähigen Zukunftskonzepten verbunden gewesen wären. „Das GKV-BSG setzt aber nur den Rotstift an. Für die Ärzteschaft war es ein Schlag ins Gesicht“, stellte der BvDU-Präsident fest. Wenn das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) unter Beibehaltung der 25-Sprechstunden-Regel gestrichen wird, wird das nach den Worten Dr. Belusas „Konsequenzen haben“. Und dann wurde der BvDU-Präsident konkret: „Es wird eine Einnahmen-orientierte Leistungserbringung geben.“ Im Klartext bedeutet das, dass die Urologen weniger Sprechstunden und Leistungen anbieten werden. Für die Urologie werde das GKB-BSG je nach geografischer Lage ein Einnahmen-Minus von 4% bis 10% im vertragsärztlichen Leistungsbereich bedeuten. „Leider werden das die Versicherten und Wähler spüren“, drohte Dr. Belusa.
Ernster Appell zur Kurskorrektur an die Politik
Der Berufsverband ermahnt die Politik, sich gemeinsam mit den Playern der Selbstverwaltung, der Krankenhäuser und der Berufsverbände an einen Tisch zu setzen. Nachhaltige und tragfähige Reform-Konzepte müssten her, damit die Finanzierung der ambulanten Weiterbildung auch in Zukunft noch möglich ist. Alles Andere wäre sehr schlecht.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr Franz-Günter Runkel
Chefreporter UroForum



