In einer Podiumsdiskussion auf dem 19. Kongress der Gesundheits-Netzwerker in Berlin kam es zum Showdown in der Frage der primärärztlichen Versorgungssteuerung. Der Weg bis zur harmonischen Kooperation scheint noch weit zu sein, wenn man die zum Teil erhitzte Diskussion in Berlin verfolgte. Während der Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands (SpiFa) die primärärztlichen Fähigkeiten der Hausärzte massiv anzweifelte, hielt der Hausärzteverband hart dagegen.
Für den Hausärzteverband Baden-Württemberg saß dessen Vorsitzende Dr. Susanne Bublitz in der Berliner Runde, direkt neben ihr der SpiFa-Vorsitzende Dr. Dirk Heinrich. Dr. Bublitz begann selbstbewusst: „Seit 18 Jahren praktizieren wir bundesweit das Primärarztmodell der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV).“ Auf dieser Basis habe man mit dem HÄPPI-Modell ein interdisziplinäres Team-Modell für die hausärztliche Versorgung entwickelt. Die HZV basiere auf Selektivverträgen mit den Krankenkassen. Das HÄPPI-Modell sehe den Team-Patient-Kontakt als Grundlage der Vergütung vor. „Oft wird gesagt, dass wir nicht steuern können, weil wir der Flaschenhals der Versorgung wären. Die Steuerungskompetenz des Hausarztes ist z.B. daran abzulesen, dass 80% der Fälle beim Hausarzt abgeschlossen werden können.“
Aggressiver Schlagabtausch über die Führungsrolle
Dass die Frage der Primärversorgung zwischen Haus- und Fachärzten strittig ist, zeigte die weitere Diskussion. SpiFa-Chef Dr. Heinrich äußerte große Zweifel an der Effektivität der Steuerung durch Hausärzte. „Ich habe große Zweifel, dass diese Steuerung beim Hausarzt schnell genug passieren kann. Sie (Dr. Bublitz, d. Red.) sagen, dass sie acht von zehn Patienten abschließend behandeln. Ich kann aus meiner Sicht als Facharzt nur sagen: 80% meiner Patienten haben zuvor keinen Hausarzt gesehen. Wer eine stärkere hausärztliche Steuerungsrolle einfordert, muss auch zeigen, dass er diese Rolle tatsächlich wahrnehmen will und kann.“
Für sogenannte Hausarztvermittlungsfälle erhalten Hausarztpraxen Zuschläge, wenn sie ihren Patientinnen und Patienten aktiv einen Termin in der fachärztlichen Versorgung organisieren. „Trotz dieses gesetzlichen Auftrags und der vorgesehenen Vergütung bleibt die tatsächliche Zahl solcher Vermittlungsfälle bislang gering. Im Jahr 2023 gab es etwas mehr als 2,54 Millionen Vermittlungsfälle. Bei rund 328 Millionen fachärztlichen Behandlungsfällen sind das nicht einmal ein Prozent. Die Realität zeigt somit: Ein Großteil der Überweisungen und fachärztlichen Behandlungen erfolgt weiterhin ohne konkrete hausärztliche Terminorganisation“, teilt der SpiFa in einer aktuellen Mitteilung mit. Für Dr. Heinrich war klar: „Patientensteuerung ist kein politisches Schlagwort, sondern eine konkrete Versorgungsaufgabe. Wer sie fordert, muss zeigen, dass er steuern will und dass er steuern kann. Auch heute schon.“
Dr. Bublitz zweifelte die Spifa-Zahlen an
Die Hausärzte-Chefin Dr. Bublitz wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Das Zentralinstitut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung habe errechnet, dass eine Hausarztpraxis pro Tag nur 2,4 % mehr Fälle hätte, wenn Patienten ohne hausärztliche Überweisung zum Facharzt zuerst zum Hausarzt kämen. Dr. Heinrich ging dann zum Frontalangriff auf Hausärzte über. „Ich würde mich freuen, wenn jede hausärztliche Überweisung alle notwendigen Informationen und eine präzise Fragestellung enthielte. Dann freue ich mich über die Patientensteuerung, weil es die Qualität der Versorgung deutlich verbessern würde.“
Er wisse aber auch schon, dass „einige meiner hausärztlichen Kollegen ganz schön „schwimmen“ werden, wenn sie primärärztliche Führungskompetenz zeigen müssten. Dieses primärärztliche System bedeute schon eine riesige Umstellung für die Hausärzte. Da müsse man sich auch ehrlich machen.
Autor: Franz-Günter Runkel
Chefreporter Berufs- und Gesundheitspolitik



