Nachdem ich den urologischen Kollegen, an den ich mich wandte, fragte, was ich denn gegen die Impotenz nach meiner Blasenkrebserkrankung mit Zystektomie tun könnte, war seine flapsige Antwort: „Vergessen Sie das doch einfach, Sie mit Ihrem mittlerweile viel zu kleinen Penis!“ Dann warf er mir einen Zettel über den Schreibtisch auf dem stand, wie ich einen Termin zu einer Vakuumpumpen-Therapie-Beratung ausmachen kann…
Also: Die Vakuumpumpe, die gerne verordnet und auch von den Kassen bezahlt wird, genießt bei denen, die sie empfehlen, ein hohes Ansehen. Nur: Wie ist es zu erklären, dass 80 % derjenigen, die damit versuchen, ihre Potenz zu verbessern, wieder aufgeben? Es könnte sein, dass die Einübung nicht korrekt erfolgt. Abgesehen davon, dass die praktische Anwendung schon martialisch ist. Dazu gehört, dass ein Ring an die Peniswurzel gelegt werden muss. Das erinnert so ein bisschen an Sex-Toys.
Verschiedene Maßnahmen
Dann gibt es als nächste Möglichkeit die biegsamen und die hydraulischen Penisimplantate. Letztere kommen der natürlichen Erektion funktionell und kosmetisch deutlich näher und weisen eine höhere Patientenzufriedenheit auf. Die biegsamen Implantate werden oft als störend empfunden und sind auch funktionell unterlegen. Natürlich muss in beiden Fällen operiert werden, und da gilt: Neben den üblichen operativen Nebenwirkungen können mechanische Defekte oder Erosionen entstehen. Wenn der Penis zu klein ist, hat man sich einen harten Stumpf konstruiert, mit dem eine sichere Penetration nicht garantiert ist.
Die SKAT-Spritze, die man sich selbst in der Nähe der Peniswurzel applizieren muss, führt zu einer sicheren Versteifung, die kann allerdings schmerzhaft sein. Das Medikament ist mehrere Stunden wirksam. Und so manchen Anwender dürfte die Angst beschlichen haben, dass die Verhärtung und eben auch die Schmerzen gar nicht mehr nachlassen.
MUSE ist ein innerhalb der Harnröhre wirksames Medikament. Dieses muss der Anwender selbst in die Harnröhre einbringen. Und das Problem bei diesem Medikament ist, dass zu wenig Wirkstoff über die Schleimhaut resorbiert wird. Probieren kann man das. Aber sicher ist die Anwendung nicht, und es könnte sein, dass nicht alle Kassen bereit sind, dafür zu zahlen.
Es ist wahrlich ein Kreuz mit der Potenz, falls bei einer Entfernung der Blase nicht gefäß-nervenschonend operiert wurde. Deswegen empfehle ich allen, die zu uns in die Selbsthilfe kommen und vor einer Entfernung der Blase stehen: Sagt dem Operateur, er soll das gefäß- und nervenschonend machen.
„Du siehst eine schöne Frau, aber da passiert nichts!”
Wenn das Gefäß-/Nervensystem nicht erhalten bleibt, ist die Verbindung unseres Nervensystems mit dem Ausführungsorgan, dem Penis, für immer unterbrochen, da wächst nichts nach und somit ist die Rückkoppelung: Du siehst eine schöne Frau oder wahlweise auch einen gutaussehenden Mann, bekommst Lust, aber es passiert nichts.
Denn unser sexueller Appetit lässt keineswegs nach. Vielleicht wird er gar noch größer! „Dumm gelaufen”, wie eine gute Freundin die Malaise trocken mit einem Lachen kommentierte. Und da die Prostata bei einer Zystektomie immer mit entfernt wird, fehlt auch da das Geflecht von Sexualnerven, die ein lustvolles Ereignis entstehen lässt.
Für alle diejenigen, die keine Blasenentfernung hinter sich haben und spüren, dass die Erektion sich nicht mehr halten lässt, ist ein PDE-5-Hemmer die richtige Antwort.
Ist denn dann überhaupt keine sexuelle Empfindung mehr möglich? Ganz und gar nicht. Wer mit seiner Partnerin oder seinem Partner eine lang eingeübte sexuelle Erfahrung vorweist, kann auch weiterhin, zwar nicht den großen Orgasmus erleben, aber ein kleiner ist immer möglich. Ich nenne ihn den kleinen Bruder vom großen. Und wir müssen daneben unsere sexuelle Empfindung modellieren: Mehr Zärtlichkeit, viel Berührung, freundlicher Umgang miteinander.
Und wie sieht es bei Frauen aus, wenn eine nicht nervenschonende Zystektomie durchgeführt wurde? Auch sie berichten bei uns in der Selbsthilfe über sexuelle Funktionsstörungen, allerdings in anderer Form: Die sexuelle Erregbarkeit und die Orgasmusfähigkeit sind vermindert, das sexuelle Verlangen lässt nach, und die genitale Sensibilität ist reduziert. Zudem kann es vor, während und nach der Penetration zu Schmerzen kommen. Die Lubrication ist ebenfalls vermindert – hierfür lässt sich jedoch gut Abhilfe schaffen. Gemeinsam ist Frauen und Männern: Das Verlangen nach Sexualität bleibt bestehen, doch der Appetit lässt nach.
Edmond Schiek-Kunz
Der Selbsthilfe-Bund Blasenkrebs e. V. (ShB) ist eine Vereinigung an Blasenkrebs erkrankter Menschen und deren Angehöriger, die sich ehrenamtlich bemühen, dass Betroffene die Krankheit und Therapiemöglichkeiten kennen und verstehen, kompetent an Therapieentscheidungen, Behandlungen und Nachsorge mitwirken, und ein hohes Maß an Lebensqualität behalten bzw. wieder erreichen. Der ShB vermittelt Betroffenen auf Wunsch weibliche/männliche Gesprächspartner, die eine Blasenkrebs-Situation/-Therapie selbst durchlebt haben und bereit sind, ihre Erfahrungen zu teilen. Unterstützung erfahren Betroffene auch, wenn sie das Einzelgespräch einem Gruppentreffen vorziehen. Man kann dann, praktisch anonym, seine Fragen und Probleme am Telefon mit Betroffenen erörtern. Auf der Homepage des Selbsthilfe-Bund Blasenkrebs steht Interessierten ein vielfältiges Angebot an laienverständlichem Infomaterial zum Thema Blasenkrebs als Download zur Verfügung. Die Ratgeber sind aber auch kostenfrei postalisch erhältlich auf telefonische Anfrage oder per Mail. Eine Übersicht über die bundesweiten Selbsthilfegruppen, ihrer Ansprechpartner, Treffpunkte und Termine sind ebenfalls auf der Homepage zu finden, nicht zuletzt auch die Termine der Online-Selbsthilfegruppe.
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